Top-Schauspieler begeistern das Publikum in der Stadthalle Weinheim
Oliver Mommsen kennt fast jeder als Bremer Tatort-Kommissar. Dass er ein äußerst einfühlsamer Schauspieler ist, zeigte er gemeinsam mit Nadine Schori in dem Stück "Die Tanzstunde". Das Publikum in Weinheim war begeistert.
Weinheim. Mit Ovationen im Stehen dankte das Publikum am Freitagabend den beiden Darstellern Nadine Schori und Oliver Mommsen für ihr fesselndes Kammerspiel, in dem sich zwei Stunden lang humorvolle und berührende Augenblicke die Waage hielten. Die Zeitung „The Boston Globe“ schrieb über das Zweipersonen-Stück „Die Tanzstunde“ des amerikanischen Dramatikers Mark St. Germain: „Man wünscht sich, dass es niemals aufhört.“ Das gleiche Gefühl mochte so manchen Zuschauer an diesem Abend in der gut besuchten Stadthalle erfüllt haben, als der Ton des letzten Tanzes verklungen war, der zwei einsame Seelen den gemeinsamen Takt finden ließ.
Martin Woelffer, Leiter des Berliner Theaters am Kurfürstendamm, hat das Stück über eine knieverletzte Tänzerin und einen Professor mit Asperger-Syndrom einfühlsam in Szene gesetzt. Beraten vom Verein Autismus Rhein-Wupper waren die Schauspielerin Nadine Schori und der als Bremer Tatort-Kommissar bekannte Oliver Mommsen eine ungemein starke Besetzung. Nicht umsonst hat Mommsen für die Darstellung eines Autisten den Publikumspreis „Goldener Vorhang“ erhalten.
Als sich der Vorhang an diesem Abend in der Stadthalle öffnete, fühlte sich das Publikum in eine gemütliche Kissen-Landschaft mit Knautschsessel und Ausblick auf graue Hochhausfronten (Bühnenbild: Julia Hattstein) mitten in die Häuserschluchten von Manhattan versetzt. Hier wohnen Tür an Tür der autistische Professor für Geowissenschaften, Ever Montgomery, und die durch einen Unfall beeinträchtigte Balletttänzerin Senga Quinn.
Montgomery steht vor einer wissenschaftlichen Preisverleihung, bei der auch getanzt wird. Für eine Tanzstunde bietet er seiner Nachbarin 2153 Dollar an – ein Zeichen für die besondere Faszination des Autisten für abenteuerliche Zahlen. Doch Senga reagiert mit einem Wutanfall, da sie in dem hohen Betrag ein unmoralisches Angebot sieht und nicht das eigentliche Problem des Professors, seine panische Angst vor Nähe. Und die versteht der im Fernsehen stets den Sunnyboy verkörpernde Oliver Mommsen wunderbar dazustellen.
Dabei wirkt er so zugeknöpft wie sein Polohemd, so akkurat wie sein Scheitel und so gerade gerückt wie seine Nerdbrille, dass man ihn am liebsten umarmen möchte. Doch gerade das würde für ihn die Hölle bedeuten. Nadin Schori gibt, trotz Orthese und Krücke, ganz die grazile, über die Bühne schwebende Tänzerin, die zunächst zögert, jedoch von Ever Montgomery zunehmend fasziniert ist.
Gerade weil er auf zufällige Berührungen wie auf eine glühenden Herdplatte reagiert. Wie soll man da aufeinander zugehen? „Tanzen ist kein Waterboarding“, bemerkt Senga und bewegt sich, die Krücke schwenkend, zu „Celebration“ von „Cool and the Gang“. Und Ever, der steif und fest behauptet, dass jeder „Aspi“ anders tickt, bewegt die Hüften ruckartig wie ein Roboter (Choreografie: Annette Reckendorf). Und als sich die beiden dann ein klein wenig näher kommen, bemerkt Ever autistisch ehrlich: „Ich habe eine Erektion.“ Köstlich, aber auch berührend, sind jene Szenen, in denen Mommsen vor dem Spiegel Emotionen wie Trauer und Erstaunen übt, denn auch Gefühlsausbrüche sind dem Autisten fremd.
Großes Theater
Als sich Senga und Ever dann tatsächlich langsam ihrer Kleidung entledigen und in einem Berg von Kissen versinken, geht auch diese Begegnung schief. Denn bei ihm kommt Sachlichkeit vor Romantik. So sind es die Songs von Robbie Williams bis Radiohead, die zwei Außenseiter vergeblich zum Tanz ins gemeinsame Leben auffordern. Als sich Senga schließlich resigniert abwendet, weil es Ever wieder einmal nicht schafft, die Hand nach ihr auszustrecken, kommt sein Ausruf, „Ich möchte nicht mehr alleine sein“, so plötzlich wie eine innige Umarmung.
Oliver Mommsen sagte einmal über seine Rolle als Autist: „Es gab für mich als Schauspieler nichts Schöneres, als in eine Welt einzutauchen, die für mich bis dahin vollkommen unbekannt war.“ Wie gut ihm seine Verwandlung auf der Bühne gelingt und wie sensibel seine Partnerin dem Thema begegnet, zeigen die überwältigenden Kritiken, die die Inszenierung bisher auf ihrer Tournee erhalten hat. Großes Theater eben, wie es sein sollte.