Social Media

Weinheim/Rhein-Neckar: Unternehmen, Verwaltung und Vereine kehren Plattform X den Rücken

Die Kritik an Elon Musks X wächst: Nicht nur die Weinheimer Feuerwehr und die Firma Freudenberg wenden sich von der Social-Media-Plattform ab. Warum Nutzer gehen - und wieso sie bleiben.

Die Social-Media-Plattform X des Milliardärs Elon Musk ist in die Kritik geraten - auch in der Region ist das zu spüren. Foto: Adobe
Die Social-Media-Plattform X des Milliardärs Elon Musk ist in die Kritik geraten - auch in der Region ist das zu spüren.

Weinheim/Rhein-Neckar. Seit der Übernahme der Plattform X (ehemals Twitter) durch den Unternehmer und Milliardär Elon Musk im Jahr 2022 hat sich die Nutzung des Social-Media-Giganten grundlegend verändert. Zahlreiche Organisationen, Unternehmen und Institutionen haben die Plattform mittlerweile verlassen. Hauptgründe dafür sind die Entscheidungen Musks, die in der Moderation von Inhalten und in der Einführung kontroverser Funktionen fragwürdig erscheinen, sowie die zunehmende Verbreitung von Hassbotschaften und Desinformationen.

WNOZ WhatsApp-Kanal

Die Weinheimer Nachrichten und Odenwälder Zeitung auf WhatsApp! Aktuelle Nachrichten aus deiner Region. Die Top-Themen jeden Mittag frisch auf dem WhatsApp-Kanal.

Impressum

Besonders kritisch wird die algorithmische Verstärkung rechtspopulistischer Inhalte sowie die Einschränkung der Reichweite bestimmter Beiträge gesehen. Zuletzt sorgte Musks aktive Einmischung in die bevorstehende Bundestagswahl in Deutschland für Diskussionen. Ein weiterer Kritikpunkt ist der Umgang mit Nutzerdaten, der als intransparent wahrgenommen wird, sowie die Abschaffung zentraler Sicherheitsmaßnahmen. Diese Entwicklungen führten dazu, dass zum Beispiel der Deutsche Bundesgerichtshof (BGH), mehrere Gewerkschaften, 60 Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie Fußballvereine wie der SV Darmstadt 98 ihre Accounts mittlerweile stillgelegt haben. Jüngster „Austritt“ ist der Hessische Rundfunk (hr), der diese Woche mitteilte, X nach der Bundestagswahl nicht mehr nutzen zu wollen, und in der Pressemitteilung der Programmdirektion von „Demokratiefeindlichkeit“ schrieb. Seit November 2008 war der hr mit seinem Nachrichtenkanal bei X und hat dort rund 270 000 Follower. Diese Schritte sollen ein Zeichen gegen Hass und Hetze setzen, wird überall in den Begründungen argumentiert. Auch in der Region wurden bereits Konsequenzen gezogen oder werden zeitnah gezogen.

Reaktionen aus der Region

Die Goldbeck Solar GmbH mit Sitz in Hirschberg hat ihren Account bereits im vergangenen Jahr deaktiviert, wie Yesica Pantiga, Head of Marketing, erklärt. Als Grund nennt sie „eine fehlende Übereinstimmung der Plattformwerte mit denen des Unternehmens“. Man habe keinen Benefit mehr gesehen. Während einige private Accounts von Mitarbeitern weiterhin aktiv sind, um Entwicklungen zu beobachten, sieht Pantiga die Notwendigkeit, auf dem Laufenden zu bleiben, ohne jedoch die Plattform aktiv zu unterstützen. Sie betont, dass es in einer Demokratie wichtig sei, Meinungen zu verfolgen, auch wenn diese konträr seien. Ein Abbruch des Dialogs könne dazu führen, dass Meinungen isoliert werden, was gefährliche Einseitigkeit fördern könne. Stattdessen sei es wichtig, mit Fakten und einer Vielzahl von Perspektiven entgegenzuwirken.

Anfang der Woche hat auch der NABU-Landesverband Baden-Württemberg seine Aktivitäten auf X eingestellt. Der NABU-Landesvorsitzende Johannes Enssle dazu: „Für eine positive gesellschaftliche Entwicklung, die Förderung von Engagement und den Schutz von Natur und Klima sind offene und vielfältige Debattenräume und der faktenbasierte Diskurs unerlässlich – dem wird X nicht mehr gerecht.“ Der NABU Baden-Württemberg ist mit rund 130 000 Mitgliedern und 230 Gruppen vor Ort der mitgliederstärkste Umweltverband in Baden-Württemberg.

„Medium zu unseriös“

Dagegen hat die Stadt Weinheim noch einen X-Account, der laut Pressesprecher Roland Kern aber derzeit ruht. „Bis zur Umwandlung von Twitter zu X wurde er als schneller Kurznachrichtendienst durchaus geschätzt, weil Twitter auch von der Polizei und anderen Einsatzkräften bespielt wurde.“ Kern weiter: „Das Medium ist uns seither ganz klar zu unseriös geworden. Wir denken im Moment darüber nach, uns komplett abzumelden. Die Tendenz und unsere Überlegungen gehen ganz klar in diese Richtung.“ Ansonsten ist die Stadt in den sozialen Medien gut aufgestellt.

Und auch bei der Weinheimer Feuerwehr ist der Kanal mittlerweile nicht mehr aktiv. Aufgrund der jüngsten Entwicklungen überlegt man ihn sogar komplett stillzulegen, wie Kommandant Ralf Mittelbach bestätigt. Man konzentriere sich vermehrt auf die Öffentlichkeitsarbeit vor Ort, so Mittelbach. „Mit den lokalen Angeboten in der Region, wie zum Beispiel regionalen Zeitungen, hat man mehr Nähe. Soziale Medien wie Facebook oder Instagram werden genutzt, aber einen Fokus will man auch künftig auf Präsenzveranstaltungen legen. Die Zeit, die man bei Veranstaltungen nutzt, um mit der Bevölkerung ins Gespräch zu kommen, ist besser investiert.“

Landratsamt nutzt Alternative

Im Landratsamt des Rhein-Neckar-Kreises beobachtet man die Entwicklungen auf X mit Skepsis. Laut der Social-Media-Beauftragten Susanne Uhrig wird der Kanal weiterhin für die Echtzeit-Kommunikation genutzt. Dabei orientiere man sich an der Landesregierung Baden-Württemberg, die vorerst ebenfalls aktiv bleibt. Gleichzeitig nutzt der Rhein-Neckar-Kreis seit Oktober 2022 die datenschutzkonforme Alternative Mastodon. „Der dezentrale Mikroblogging-Dienst ist eine datenschutzkonforme Alternative zu kommerziellen Plattformen. Er ist frei von Werbung, sammelt keine Nutzerdaten und arbeitet ohne einen ordnenden Algorithmus“, heißt es.

Andere regionale Akteure wie der FV Leutershausen und das Weinheimer Ensemble „Die Spitzklicker“ betonen, dass X für sie nie relevant gewesen sei. Der FV Leutershausen setzt auf Facebook und Instagram, da diese Plattformen besser geeignet seien, um Fans zu erreichen. Marcel Fischer, sportlicher Leiter, sieht den Einfluss von X auf die Meinungsbildung kritisch. Franz Kain von den Spitzklickern stimmt zu und erklärt, dass X für das Spitzklicker-Publikum keine Relevanz habe. Beide äußern Besorgnis über die Entwicklungen unter Elon Musk.

Kein störungsfreies Umfeld

Bei der TSG 1862 Weinheim haben sich die Geschäftsführer Matthias Stöhrer und Alexander Erg in der Vergangenheit mit X auseinandergesetzt, X jedoch nie als zentrale Plattform etabliert. In der aktuellen Situation, geprägt von den politischen Positionierungen und dem Einfluss Musks, wird die Plattform nicht als geeignet angesehen. Beide betonen: „Uns ist ein neutrales und störungsfreies Kommunikationsumfeld wichtig, was derzeit auf dieser Plattform aus unserer Sicht nicht gegeben ist.“

Bei der Stadt Hemsbach hat man bei X im April 2019 – damals noch zu Twitter-Zeiten – das letzte Mal etwas gepostet. Seitdem wird das soziale Netzwerk nicht mehr genutzt. Stillgelegt ist X aber aktuell noch nicht. Das will Jürgen Kirchner auf Anfrage unserer Zeitung in den kommenden Tagen tun. Ihn stört besonders, wie sich Elon Musk verhalte und, dass er Hassbotschaften in X zulasse.

Freudenberg setzt auf LinkedIn

Bei Weinheims größtem Arbeitgeber, der Freudenberg-Gruppe, nutzt man zum Erreichen der Zielgruppen geeignete Social-Media-Kanäle, bevorzugt LinkedIn, das einen beruflichen Schwerpunkt hat, das bestätigte Pressesprecherin Martina Muschelknautz. Ein Blick auf den X-Account von Freudenberg macht dies deutlich. So hat sich das Unternehmen am 20. Februar 2024 von X verabschiedet. Da heißt es: „Liebe Community – wir haben uns entschieden, diesen Twitter-Account einzustellen, da wir unsere sozialen Medien vorerst auf LinkedIn und Instagram konzentrieren. Wenn Sie über spannende Neuigkeiten aus der Freudenberg-Welt auf dem Laufenden bleiben möchten, folgen Sie uns auf LinkedIn & Instagram.“

Polizei: X hat sich bewährt

„Die Polizei Baden-Württemberg nutzt soziale Medien zur schnellen und unmittelbaren Kommunikation mit der Öffentlichkeit zum Zwecke der einsatzbegleitenden Öffentlichkeitsarbeit, für Fahndungen, Prävention, Imagepflege und Nachwuchswerbung“, schreibt Katharina Lutz-Schädler vom Ministerium des Innern, für Digitalisierung und Kommunen. „Hierzu betreibt diese eigene Accounts. Für die polizeiliche Öffentlichkeitsarbeit in den sozialen Medien werden grundsätzlich nur Plattformen genutzt, die unter Betrachtung von rechtlichen, gesellschaftlichen sowie ressourcentechnischen Aspekten geeignet sind, einen möglichst großen Teil der Bevölkerung und Medien zu erreichen. X hat sich dabei seit vielen Jahren als relevante Plattform bewährt.“ Die Entwicklungen werde man genau verfolgen. Zum derzeitigen Zeitpunkt sei es nicht vorgesehen, die Nutzung einzustellen.