Vom Musikbusiness zum Weingut: Matthias Brückners neues Abenteuer
Seine Eltern prägten die Heppenheimer Gastroszene. Matthias Brückner selbst ging einen anderen Weg - und der verlief nicht immer gerade. Sein Song "Großer Bruder" erlebt jetzt ein Hit-Revival.
Ende 2023 erlebte ein Hit sein Revival, der im Jahr 2000 die Charts stürmte und zum Ohrwurm wurde: Bei der Promi-Big-Brother-Staffel gab´s eine neue Version von „Großer Bruder“, jenem Hit, den einst die ersten Hausbewohner Zlatko und Jürgen sangen. DJ Knossi brachte nun eine eigene Version auf den Markt, schon jetzt deutet so einiges darauf hin, dass das einer der Ballermann-Hits des Jahres 2024 werden kann. Doch wer weiß schon, dass hinter diesem Erfolg ein waschechter Heppenheimer steckt - und dass der gerade ein neues Projekt am Start hat, bei dem sogar Schlagersänger Thomas Anders eine Rolle spielt? Aber mal der Reihe nach.
Kreativer Mensch mit vielen Facetten
Wenn man aus dem Leben des Matthias Brückner erzählen möchte, dann weiß man gar nicht, wo man anfangen soll. 53 Jahre ist er mittlerweile alt, geboren in Bensheim, aufgewachsen in Heppenheim. Ein kreativer Mensch mit vielen Facetten, ein Tausendsassa, ein Lebenskünstler, einer, der ganz viel Leidenschaft und Herzblut in all das steckt, was er tut. Aber auch einer, der selten den geraden Weg gegangen ist, mit Depressionen lebt. Offen darüber spricht.
Das Licht der Welt erblickt hat Brückner als Sohn von Gabi und Sepp Brückner, einer Hebamme und einem Bauschlosser. Sepp, der als selbständiger Kaufmann sein Geld verdiente, mit Weihnachtsbäumen, Spargel und Erdbeeren, war bekannt in der Stadt. Bei der Verfilmung von „Herrliche Zeiten im Spessart“ mit Lilo Pulver und Hans Richter im Jahr 1967 führte er als Komparse Hannelore Elster an den Pranger.
Schwester stirbt an Herzfehler
1972 wurde Matthias´ Schwester Sabine geboren - mit einem schweren Herzfehler, an dessen Folgen sie vier Jahre später verstarb. Ein Schicksalsschlag, der die Eltern prägte und für Matthias ein Trauma, das er nicht verarbeiten konnte. „Es hat Spuren hinterlassen bis heute“, sagt er. 1977 kam Schwester Steffi zur Welt, mit der Matthias bis heute ein inniges Verhältnis verbindet.
In den 1970er Jahren betrieben Brückners die Binding-Stube im Erbachwiesenweg, „dort bin ich aufgewachsen“. Auch mit der großen Musikbox. Die ausrangierten Platten durfte Matthias mit nach Hause nehmen und hörte sie leidenschaftlich gern auf seinem Plattenspieler, am liebsten Hits von ABBA.
Als Kind schnell selbständig geworden
1978 übernahmen die Familie den Frankfurter Hof an der Ecke Darmstädter Straße/Jakob-Maier-Straße. „Wenn meine Eltern etwas machen wollten, eine Idee hatten, dann setzten sie diese auch in die Tat um“, erinnert sich Brückner im Gespräch zurück. Für damalige Zeiten seien sie risikofreudig und „wild“ gewesen. Die beiden Kinder wurden schnell selbständig.
In den 1970er-Jahren entstand auch die Liebe der Familie zu Thailand, damals noch nicht so im Griff des Tourismus. Geprägt vom elterlichen Restaurantbetrieb absolvierte Matthias Brückner 1986 eine Kochlehre im Parkhotel Krone in Auerbach. Koch oder Gitarrist habe er von klein auf werden wollen. Nach der Lehre war er Zivi in der Küche eins Seniorenheims, arbeitete ab Ende 1991 als Koch im Heppenheimer Bruchseehotel. „Ich wollte nie weit weg von daheim, brauchte immer die Nähe zu meiner Bubble.“
Freundschaft mit der "Münchener Freiheit"
Parallel lebte Matthias Brückner seine Musik-Leidenschaft durch den Besuch von Konzerten aus. Sein erstes Konzert erlebte er mit 15 Jahren in Ober-Abtsteinach: Die Band "Münchener Freiheit" begeisterte ihn. Dass aus der Bewunderung als Fan später eine echte Freundschaft mit den Musikern entstehen würde, ahnte er seinerzeit freilich noch nicht. Es folgte Konzerte der Rodgau Monotones auf der Heppenheimer Freilichtbühne 1986, Heinz-Rudolf Kunze in Zwingenberg.
Und dann wurde auf einmal alles zum Selbstläufer: Auf einem Konzert der Münchener Freiheit kam er mit Guido Karp, dem berühmten Starfotografen ins Gespräch, durfte auf Tour mitfahren und das Verteilen von Gutscheinen organisieren.
Phil Collins, Paul McCartney und Joe Cocker
Das war 1993. Mit einem Mal war mitten drin im Geschehen, erlebte Bands wie Genesis hautnah, bekam aus heiterem Himmel das Angebot, als Tourmanager zu arbeiten. Er hing den Kochjob an den Nagel und zog nach Koblenz, zum Hauptsitz der Agentur. Auf einmal war er mit Chris de Burgh in England, organisierte für die Foto-Agentur Tourneen von Phil Collins, von den Boygroups East 17 und Boyzone, von Eros Ramazotti, Paul McCartney, Claudia Jung, Pur, Joe Cocker, den Backstreet Boys und vielen mehr. Er kam rum in der Welt. Brückners Erinnerungen würden ein dickes Buch füllen. Man kann ihm stundenlang zuhören.
In dieser Zeit lernte er über Guido Karp nicht nur Sänger Thomas Anders kennen, sondern auch Christian Geller, Songschreiber und Besitzer eines Tonstudios. Und was machte Brückner? Er gründete mit Geller das Duo „Two4good“, fand eine kleine Plattenfirma, trat schließlich selbst auf Schlagerfestivals zwischen Stars wie Jürgen Drews und Nicole auf.
Das eigene Musiklabel K.A.G.B. Music
1999 gründeten die vier Freunde Karp, Anders, Brückner und Geller gemeinsam das Musiklabel K.A.G.B. Music GmbH. Dann kam zum ersten Mal Big Brother und die Plattenfirma suchte einen Nachfolger für Zlatkos ersten Hit „Ich vermiss dich wie die Hölle. Als nach 100 Tagen die Staffel zu Ende ging, hatten Geller, Brückner und Anders den Nummer-eins-Hit „Großer Bruder“ für Zlatko & Jürgen fertig - die Single bekam Platin. Dann ging es für Brückner weiter mit den Tourneen mit großen Künstlern.
Mentaler Zusammenbruch 2009
Irgendwann wurde Brückner tourmüde. Immer unterwegs sein, das war nichts mehr für ihn. Es hatte ihn ausgelaugt. Er übernahm den Bürojob in der Koblenzer Agentur. 2004 heiratete er Carmen, im Jahr darauf kam Tochter Anna zur Welt. Die Firma lief schlechter. "2009 bin ich mental zusammengebrochen“, blickt Brückner zurück. Mit dem Beginn der psychologischen Behandlung wurde es besser, aber nicht gut. Ins Tourgeschäft wollte er nicht zurück, als Koch konnte er wegen kaputter Bandscheiben nicht wieder arbeiten.
Doch Brückner wäre nicht Brückner, hätte er nicht wieder einen eigenen Weg gefunden, wie es weiter geht. Er begann zu fotografieren, etwa den "Vettel Homerun" in Heppenheim, machte gemeinsam mit Gero Kastner eine Ausstellung zum Thema „Traffic Art“, fotografierte seinen Freund aus Tourzeiten, Ronan Keating.
Er hatte die Idee für ein Nibelungen-Musical, hatte ein fertiges Konzept in der Schublade, den Hitschreiber der Münchener Freiheit, Stefan Zauner, als Komponisten gewinnen können und Musical-Autor Wolfgang Adenberg als Texter. Noch wartet das Projekt auf Realisierung.
Liebe zu Schottland - und dem Whisky
Und dann kam der Whisky: Mit Schwager Oli Wilkening, dem Mann von Schwester Steffi und Heppenheimer Stadtrat, reiste er 2010 das erste Mal nach Schottland, beide verliebten sich in die Insel Islay - und haben bis heute rund 30 Fässer Whisky kreiert und verkauft. Über seine Schottland-Reisen schrieb er fürs „Tweed Magazin“ - zwölf Seiten waren es in der Augustausgabe 2017.
Das reicht für ein Leben? Weit gefehlt, Brückner sprudelt über vor Ideen. Er lernt Dirk Würtz kennen, Winzer, Blogger und seit 2018 Geschäftsführer beim Weingut St. Antony in Nierstein: „Seitdem geschehen dort lustige Dinge“, lacht er. Während des Lockdowns entstand der Podcast „Dieters Weinbar“, zusammen mit Radio Moderator Kunze. Brückner stellte Würtz Thomas Anders vor, der seinen eigenen Wein herausgebracht hat. Im Weingut frönt Matthias Brückner wieder seiner alten Leidenschaft, kocht mit Würtz zusammen bei Events. Ein Kreis hat sich geschlossen.