Interview

"Disziplin ist eine Schlüsselkompetenz und ein Geschenk"

Brauchen wir mehr Disziplin? Warum ist der Begriff Disziplin so in Verruf geraten? Ein neues Sachbuch für Eltern und Pädagogen gibt Auskunft. Die Redaktion hat sich mit den Autorinnen unterhalten und kluge Antworten auf viele Fragen bekommen (mit Buchverlosung).

Was bedeutet Disziplin 2024 für uns? Sich an Regeln zu halten? Führt Disziplin zu Glück und Selbstbestimmung oder zu Gewalt und Fremdbestimmung? Die Neuerscheinung "Disziplin. Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts" gibt Eltern alltagsnahe Tipps, praxisorientierte Reflexionsfragen und interessantes Hintergrundwissen an die Hand und erklärt verständlich, wie man Disziplin bei der Erziehung von Kindern positiv einsetzen kann. Wir haben uns mit den Autorinnen unterhalten.

WNOZ WhatsApp-Kanal

Die Weinheimer Nachrichten und Odenwälder Zeitung auf WhatsApp! Aktuelle Nachrichten aus deiner Region. Die Top-Themen jeden Mittag frisch auf dem WhatsApp-Kanal.

Impressum

Foto: Vandenhoeck & Ruprecht

Warum ist Disziplin die "Schlüsselkompetenz" im 21. Jahrhundert? Wie definieren Sie den Begriff?

Isabella Gölles (IG): Disziplin verstehen wir nicht als einseitige Anpassung oder Fremdbestimmung, sondern als die Fähigkeit, eigenständig und zielgerichtet zu handeln – auch dann, wenn es Anstrengung oder Überwindung erfordert. Disziplin ist unserer Meinung nach der Schlüssel, um Ablenkungen zu widerstehen, Verantwortung zu übernehmen und in komplexen Situationen handlungsfähig zu bleiben.

Ursula Günster-Schöning (UGS): Im 21. Jahrhundert, das durch Digitalisierung, Globalisierung und Schnelllebigkeit geprägt ist, sind Kompetenzen wie Selbststeuerung, Verhaltensregulation, Ausdauer und die Fähigkeit, langfristige Ziele zu verfolgen, entscheidend. Selbstdisziplin ist der Motor für Entwicklung, denn diese ermöglicht es Kindern ihre Fähigkeiten zu stärken und ihr Selbstvertrauen aufzubauen, was wiederum eine positive Wirkung auf ihr Wohlbefinden und später auch ihre (schulischen und beruflichen) Leistungen hat.

Warum sehen Sie eine bedürfnisorientierte Erziehung kritisch?

UGS: Die bedürfnisorientierte Erziehung hat zweifellos wertvolle Ansätze, etwa die Betonung von Empathie und respektvollem Umgang. Doch wenn diese Erziehung einseitig wird und die Befriedigung von Bedürfnissen stets im Vordergrund steht, kann das langfristig zu einem Ungleichgewicht führen. Kinder müssen auch lernen, dass nicht alle Wünsche sofort erfüllt werden können, und dass Rücksichtnahme sowie das Übernehmen von Verantwortung ebenfalls zum Leben dazu gehört.

IG: Erfolgreiche Menschen kennzeichnet ihre Fähigkeit, die eigene Bedürfnisbefriedigung in die Zukunft zu verlegen. Eine Erziehung, die ausschließlich auf die Freundschaftsebene setzt, kann den Kindern Orientierung und Halt nehmen, da klare Strukturen und Grenzen fehlen und so innere Unsicherheit und Verwirrung entstehen kann. Eltern bzw. Erwachsene sind nicht die Freunde der Kinder.

Was halten Sie davon, wenn Eltern sich bewusst von autoritärer Erziehung abgrenzen?

IG: Es ist verständlich, dass viele Eltern negative Erfahrungen mit autoritären Erziehungsstilen reflektieren und sich davon distanzieren möchten. Doch es gilt, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten: Eine klare, aber liebevolle Führung bietet Kindern Sicherheit und schafft Raum für persönliche Entfaltung.

UGS: Viele der heutigen Eltern legen auch selbst oft großen Wert auf die Selbstverwirklichung und Individualität ihrer Kinder und möchten eine harmonische Beziehung zu ihren Kindern. Sie vermeiden daher das „NEIN sagen“ oder „Grenzen setzen“, um nicht autoritär zu sein. Dies ist jedoch ein Missverständnis, dass in eine Sachgasse führt. Kinder brauchen positive Autoritäten, deren Haltung auf Vertrauen, Respekt und der Authentizität des Erwachsenen setzt. Auch die Ermutigung beim Einfordern von Aufgaben steht für fürsorgliches Elternverhalten, um eine gesunde Entwicklung zu ermöglichen

Warum ist der Begriff Disziplin für Sie positiv besetzt?

UGS: Weil Disziplin Kindern hilft zu erkennen, dass sie durch eigene Anstrengung Dinge erreichen können – ein essenzielles Fundament für Selbstvertrauen. Gerade in einer komplexen und schnelllebigen Welt bietet Disziplin Kindern Orientierung und Sicherheit. Klare Regeln und Rituale helfen, sich im Chaos zurechtzufinden. Auch lernen Kinder durch Disziplin, nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere Verantwortung zu tragen – ob in Kita, Schule oder in der Familie. Und vor allem zeigt Disziplin Kindern, dass sie Herausforderungen bewältigen und dadurch unabhängiger werden – sei es beim Lernen, im Sport oder im Alltag.

IS: Die negative Konnotation von Disziplin rührt oft aus einem Verständnis, das diese mit Zwang, Unterdrückung oder Gewalt gleichsetzt. Unser Verständnis hingegen basiert auf dem Konzept der inneren Disziplin und äußeren Disziplin. Wenn man nie gelernt hat sich anzustrengen oder an etwas dranzubleiben ist es schwer sich diese Fähigkeiten im Nachhinein alleine anzueignen.

Klare Regeln schaffen Orientierung

Warum brauchen Kinder starre Regeln? Sollten die Bedingungen des Miteinanders nicht gemeinsam ausgehandelt werden?

IG: Kinder brauchen keine starren Regeln, sondern einen Rahmen, in dem sie sich zurechtfinden können, sie brauchen Orientierung, um die Welt sicher zu erkunden. Klare, nachvollziehbare Regeln schaffen diese Orientierung und geben den Rahmen vor, innerhalb dessen Kinder sich sicher und auch selbstbestimmt bewegen können.

UGS: Und natürlich ist es nicht nur sinnvoll, sondern auch notwendig, mit zunehmendem Alter die Mitsprache, Beteiligung und Selbstbestimmung der Kinder zu

Sehen Sie es nicht kritisch, dass Kinder bei einer disziplinbetonten Erziehung Gefahr laufen, nur für Leistung und Anpassung anerkannt zu werden?

IG: Disziplin bedeutet für uns nicht, Kinder nur an Leistung und Anpassung zu messen. Ganz im Gegenteil: Eine disziplinierte Erziehung sollte immer auf einer Basis von Liebe, Wertschätzung und Annahme erfolgen. Kinder brauchen das Gefühl, um ihrer selbst willen geliebt zu werden.

UGS: Gleichzeitig vermittelt Disziplin ihnen, dass sie durch Anstrengung und Verantwortung ihren Beitrag zur Gemeinschaft leisten können, was ihr Selbstwertgefühl stärkt. Disziplin ist kein starres Korsett, sondern ein Geschenk, das Kindern hilft, ihre Talente zu entfalten, mit Freude zu lernen und ihren Platz in einer komplexen Welt zu finden. Disziplin – liebevoll und klug vermittelt – ist keine Einschränkung, sondern eine Befähigung für ein erfülltes Leben.

Passt Disziplin zu einer selbstbewussten und kritischen Generation?

Wie passt die Forderung nach Disziplin zu einer selbstbewussten und kritischen Generation?

UGS: Disziplin nährt Durchhaltevermögen, ein Geschenk, das Kinder lehrt, dass nicht alles sofort gelingt. Es stärkt ihre Resilienz und zeigt ihnen, dass sie auch in schwierigen Momenten die Fähigkeit haben, weiterzumachen. Ob beim ersten Radfahren ohne Stützräder oder beim Meistern einer schwierigen Prüfung – Durchhaltevermögen macht sie selbstbewusst und stark für das Leben.

IG: Selbstbewusstsein und kritisches Denken entstehen daher nicht im Widerspruch zu Disziplin, sondern in Ergänzung dazu. Disziplin ermöglicht es, Meinungen fundiert zu formulieren, Verantwortung für eigene Entscheidungen zu übernehmen und konstruktiv zu diskutieren. Eine disziplinierte Haltung befähigt Jugendliche, Sachverhalte kritisch zu hinterfragen, ihre Freiheit sinnvoll zu nutzen und sich selbstbewusst in der Gesellschaft einzubringen.

Wurden Sie selbst mit viel Disziplin erzogen?

IG: Nein, ich musste mir diese wertvolle Eigenschaft mühsam selbst aneignen und mein Leben war viele Jahre geprägt von Misserfolgserlebnissen aufgrund mangelnden Durchhaltevermögens, Anstrengungsbereitschaft und Disziplin. Ich wurde von einer Mutter der 68er-Generation rein bedürfnisorientiert erzogen, was mir zu viel Kreativität, aber wenig Fokus verholfen hat. So finde ich auch, dass sich diese beiden Ansätze wunderbar ergänzen und Kinder beides erfahren sollten. Aber eben nicht nur das Eine oder das Andere.

Die Disziplin ist meine treue Weggefährtin

UGS: Die Disziplin ist meine treue Weggefährtin. Als Kind war sie manchmal zu aufdringlich, als Jugendliche bot sie Reibungsfläche und im Erwachsenenalter hat sie mir geholfen mich zu dem Menschen zu entwickeln, der ich heute bin. Wenn ich keine Disziplin besitzen würde, hätte nicht erreicht, was mich heute ausmacht. So ist sie meine innere Stärke, die es mir ermöglicht, mein Leben so zu gestalten, wie ich es leben will.

Was hat Sie zu Ihrem Buch inspiriert? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

UGS & IG: Das Buch entstand aus unserer Beobachtung, dass Disziplin in unserer Gesellschaft zunehmend missverstanden wird – entweder negativ belastet oder zu einseitig als Leistungsdruck interpretiert. Uns hat die Frage bewegt, wie wir Disziplin als positive, lebensbereichernde Fähigkeit neu denken und mit Inhalt füllen können, und hoffen, damit einen Impuls für eine konstruktive Diskussion zu geben. Und warum? Weil es die Kinder wert sind, dass wir ihnen diese Fähigkeit mit auf den Weg geben. Sie sind die einzige reale Verbindung mit der Zukunft und wer weiß, was noch so alles auf sie zukommt und bewältigt werden muss.

Buchverlosung: Wir verlosen eine Ausgabe des Impulsbuchs. Wollt ihr gewinnen? Dann schreibt eine Nachricht an online@diesbachmedien.de, Betreff: Disziplin. Und mit etwas Glück seid ihr dabei. Einsendeschluss ist der 15.01.2025