Leben mit Neurodermitis: Wie Juckreiz den Alltag bestimmt – ein persönlicher Erfahrungsbericht
Von blutig gekratzten Armen bis zur ständigen Suche nach Notfall-Cremes: Dieser Erfahrungsbericht zeigt schonungslos, wie belastend Neurodermitis wirklich sein kann – und wie viel sich dennoch verändert hat.
Sommer, Sonne, blühende Bäume, wogende Weizenfelder. Die Autorin dieses Beitrags kann sich jederzeit in den Zustand einer akuten Neurodermitis und/oder eines Heuschnupfenschubes versetzen. Ein einfacher Spaziergang durch blühende Landschaften reicht aus. Ist das Immunsystem angeschlagen, der Körper durch Stress oder Schlafmangel geschwächt, genügt schon die Betrachtung eines sommerlichen Bildes. Manchmal reicht es auch, einen Apfel zu essen, einen Milchkaffee zu trinken oder eine kuschelige Katze zu streicheln. Zum Glück sind (heute) die Antihistaminika stets griffbereit.
Eine Kindheit zwischen Juckreiz, Allergien und Einschränkungen
Unnötig zu betonen, dass sämtliche schulmedizinischen und naturheilkundlichen Verfahren eine ganze lange Kindheit lang ausprobiert wurden – vergeblich. Der Tag der Einschulung: blutig aufgekratzte Arme und Beine. Sportunterricht auf der Wiese? Der Asthmaanfall erfolgte umgehend. Sommerliche Wanderungen auf der Klassenfahrt? Fast nicht zu schaffen. Dazu: ein permanenter, quälender und durch nichts zu stoppender Juckreiz. Und immer: cremen, cremen, cremen. Verboten waren (und sind): Zucker, Gluten, Milchprodukte.
Schule, Scham und die unendliche Kratzspirale
Wie das meine bedauernswerten Sitznachbarinnen in der Schule überstanden haben … diese permanente Unruhe! Wie konnte sich überhaupt jemand auf den Unterricht konzentrieren – bei dieser ständigen (wirklich ohne Pause) Kratzerei? Dass sich da niemand beschwert hat (Entschuldigung und Danke an dieser Stelle an Charlotte, Johanna und Nathalie). Und dass sich alle davor gefürchtet haben, beim "Morgenkreis" neben mir zu stehen und meine Hand nehmen zu müssen – verständlich, so blutig gekratzt und verschorft wie sie war.
Rückblickend kann man nur feststellen: blöd gelaufen. Und: Ich habe es überlebt, aber es hätte nicht sein müssen.
Jugendjahre: Erste Besserung – doch nie ohne Notfallcreme
Später in der Pubertät wurde es langsam besser. Doch bis heute kann ich das Haus nicht ohne mindestens eine Notfall-Creme verlassen. Hatte ich als Jugendliche beim abendlichen Ausgehen in Clubs oder auf Konzerten keine Tasche dabei, mussten die Hosentaschen der männlichen Begleiter für meine Cremevorräte herhalten.
Und wie die Krankheit das gesamte Familienleben bestimmt hat, wie sie Eltern und Geschwister beschäftigte … wäre ein eigenes, zeilenfüllendes Thema.
Themenwochen Familie und Schule
Familie steht bei uns im Fokus! Und in diesem Herbst ganz speziell: Von September bis Dezember richten wir den Blick auf Familien in unserer Region. Die Redaktion beleuchtet auf dem Onlineportal wnoz.de und in den Tageszeitungen, wie Kinder, Eltern, Großeltern und Lehrkräfte hier vor Ort zusammenleben, lernen und Herausforderungen meistern. Wir erzählen von Menschen, berichten über Einrichtungen, Initiativen und Ideen - aus Weinheim, von der Bergstraße und aus dem Odenwald. Über Feedback per E-Mail an familie@diesbachmedien.de freuen wir uns sehr.
Heute Mutter: Dankbarkeit, Vorsicht und ein neuer Blick auf die Krankheit
Heute bin ich selbst Mutter (von gesunden! – ich bin so dankbar!) Kindern. Leider vererben sich Allergien häufig, ebenso die Neigung zur atopischen, das heißt extrem trockenen Haut – eine Voraussetzung für die Erkrankung an Neurodermitis. Zu meinem großen Glück gehöre ich der Elterngeneration an, die viel bewusster und sensibler auf ihre Kinder schaut, viel mehr auf ihr Bauchgefühl im Umgang mit Problemen hört. Ist ein Kind krank, darf es zuhause bleiben. Gibt es Konflikte, wird gemeinsam nach einer Lösung gesucht. Und es gibt natürlich auch ganz andere Möglichkeiten, die Krankheit zu behandeln.
Bis heute gilt: So sehr ich den Sommer, die Sonne und die blühenden Gärten liebe oder das gemütlich heizungswarme Zimmer nach einem Ausflug in den Schnee – bedeckter Himmel, Nieselregen und 15 Grad Celsius sind meine treuesten Verbündeten.