Premier League in Berlin

Nach WM-Hype: Darts-Deutschland und die Lokomotive Clemens

Aus dem Nichts erreichte Gabriel Clemens das WM-Halbfinale. Der Erfolg befeuert in Deutschland die Darts-Euphorie und den Kartenverkauf. Doch sportlich läuft es danach erstmal holprig.

Sorgte bei der Darts-WM für eine deutsche Überraschung: Gabriel Clemens. Foto: Zac Goodwin/PA Wire/dpa
Sorgte bei der Darts-WM für eine deutsche Überraschung: Gabriel Clemens.

Berlin (dpa) - Sportlich hat Gabriel Clemens an diesem heißen Premier-League-Abend von Berlin gar keine Aufgabe.

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Doch dass Deutschlands Darts-Aushängeschild für die Millionenliga des Weltverbandes PDC noch nicht berufen wurde, scheint vor dem neunten Spieltag am Donnerstag (20.00 Uhr/Sport1 und DAZN) fast nebensächlich. Denn gefragt ist der erste WM-Halbfinalist aus Deutschland mehr denn je. Die Fans feiern den 39 Jahre alten Saarländer, der vom Industriemechaniker zum Pfeile-Star wurde. Und die Verantwortlichen greifen bei Vergleichen ins allerhöchste Regal.

«Gaga ist für mich ein bisschen vergleichbar mit Phil Taylor. Er macht das überragend. Er versucht nicht, cooler oder moderner zu sein, als er ist. Wie er das macht, ist großartig», sagte Werner von Moltke als Boss der PDC Europe der Deutschen Presse-Agentur. Clemens ist kein Lautsprecher oder Entertainer, aber authentisch. Als der wuchtige Mann mit dem Spitznamen «German Giant» an Neujahr den walisischen Muskelprotz Gerwyn Price auf der riesigen WM-Bühne düpierte, dachten viele: Das ist einer wie wir.

Suche nach einer Galions-Figur

Der Darts-Sport ist seit Jahren auf der Suche nach einer Boris-Becker-Figur, um noch stärker aus der einstigen Nische zu kommen. Experte und Kommentator Elmar Paulke sagte über das erstmalige Erreichen des WM-Halbfinals: «Es hat sich gezeigt, dass ein solcher Erfolg notwendig war, um diesen nächsten Schritt in Sachen Darts in Deutschland zu gehen. Der Deutschland-Faktor musste dazukommen, das ist wie in allen anderen Sportarten auch.»

Als Clemens im WM-Halbfinale stand, wurde das Turnier im Londoner Alexandra Palace medial zum großen Thema. Die Tagesschau berichtete ausführlich in ihrer 20-Uhr-Ausgabe, kurze Zeit später war der Saarländer dann Studiogast im «Aktuellen Sportstudio» des ZDF. Doch was bleibt dem Darts-Sport zwischen Anfang Januar und Mitte Dezember, wenn keine WM in der sportarmen Zeit gespielt wird? 2023 immerhin eine Bestmarke. «Wir werden ein Rekordjahr erreichen, was die Zuschauerzahlen angeht», sagte von Moltke. Für den Ticketverkauf sei die WM «die Lokomotive» - in diesem Fall war es Clemens mit seinem furiosen Lauf beim wichtigsten Turnier der Welt.

Lange Zeit galt der junge und eloquente Max Hopp als logischer Kandidat für einen solchen Aufstieg. Doch die Karriere des einstigen Supertalents ist massiv ins Stocken geraten, stattdessen spielte sich der frühere Maschinenschlosser Clemens in die erweiterte Weltspitze. Für Macher von Moltke ist völlig egal, wer diesen Durchbruch aus deutscher Sicht schafft. «Vor 15 Jahren dachte ich mir, ich würde mir gern einen backen. Das ist alles Schwachsinn, musste ich lernen. Die Leute lieben Sieger. Alles andere spielt überhaupt gar keine Rolle.»

Noch zu weit weg von den Top-10

Von Moltke und Paulke halten es unisono für richtig, dass die Premier League 2023, bei der Stars wie Price, Michael van Gerwen, und Weltmeister Michael Smith Woche für Woche glänzen, noch ohne deutschen Starter auskommt. «Mir wäre das zu früh gewesen, aber es wird kommen», prophezeite Paulke. Für Clemens hätten zwar der wachsende deutsche Markt und das WM-Halbfinale gesprochen – sonst aber quasi nichts, denn als Ranglisten-20. ist der «German Giant» noch immer weit weg von den besten Zehn der Welt.

Zumal bei Clemens seit der WM nicht mehr viel zusammengelaufen ist. Beim Masters, bei den UK Open und zuletzt beim European-Tour-Turnier in Leverkusen verlor er jeweils in Runde eins. «Leider reicht es momentan nicht gut zu spielen und ich verliere Spiele, die ich eigentlich gewinnen sollte», sagte Clemens.

Dass er während und nach der WM geerdet blieb, könnte ihm in der sportlich schwierigen Phase zugutekommen. «Er ist nicht die Rampensau als Typ. Ich finde gut, dass er sich nicht verkleidet oder verstellt. Das ist die beste Art und Weise, mit seiner Situation umzugehen», sagte Paulke. Dass ihn die über 10 000 Zuschauer am Donnerstagabend in Berlin auch ohne eigenen Einsatz feiern und besingen werden, gilt als sicher.