Nach Schüssen in Brüssel

Schwedischer Fußball unter Schock: «Was für eine Welt»

Zwei Schweden werden am Montagabend vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Belgien in Brüssel erschossen. Die schwedischen Anhänger müssen bis tief in die Nacht im Stadion ausharren.

Schwedische Fußballfans spenden sich Trost. Das EM-Qualifikationsspiel zwischen Belgien und Schweden wurde nach den Schüssen in Brüssel abgebrochen. Foto: Bruno Fahy/Belga/dpa
Schwedische Fußballfans spenden sich Trost. Das EM-Qualifikationsspiel zwischen Belgien und Schweden wurde nach den Schüssen in Brüssel abgebrochen.

Brüssel (dpa) - Bestürzung, Trauer, Fassungslosigkeit: Nach dem tödlichen Anschlag in Brüssel steht der schwedische Fußball unter Schock.

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«Alle spüren ein unglaubliches Gefühl, weil zwei Fans nicht nach Hause kommen werden. Es ist schrecklich», beschrieb Håkan Sjöstrand als Generalsekretär des schwedischen Fußball-Verbandes die gedrückte Stimmungslage. Hinter dem schwedischen Team und seinen Fans liegt eine Nacht des Schreckens. Bei Schüssen vor dem EM-Qualifikationsspiel in Belgien waren zwei Schweden ums Leben gekommen, die letzten der rund 400 mitgereisten Fans mussten bis 4.00 Uhr in der Nacht in den Katakomben des König-Baudouin-Stadions ausharren.

«In was für einer Welt leben wir?», fragte der bestürzte schwedische Nationaltrainer Janne Andersson. «Menschen werden heute in Schweden auf eine Weise erschossen, die unwirklich ist. Auch schwedische Anhänger, die Schweden im Ausland unterstützen, sind offenbar zur Zielscheibe geworden. Das macht mich traurig.»

Das Spiel, das zur Halbzeit beim Stand von 1:1 abgebrochen wurde, war da schon längst zur Nebensache geworden. Nach dem Angriff auf die schwedischen Fans wurde der mutmaßliche Täter am Morgen von der Polizei niedergeschossen und starb. Bei dem 45-jährigen Tunesier wurde eine Waffe gefunden, die bei dem Angriff verwendet worden sein könnte. Eine weitere Person war durch die Schüsse verwundet worden.

Schwedisches Team wieder in der Heimat

Die schwedische Nationalmannschaft hatte noch in der Nacht per Charterflieger die belgische Hauptstadt verlassen. Für viele schwedische Fans dauerte der Alptraum dagegen noch länger an. Lange mussten sie aus Sicherheitsgründen im Stadion ausharren, ehe auch sie mit der Polizei zu ihren Hotels eskortiert worden.

Der Tatort lag nur rund fünf Kilometer vom früheren Heysel-Stadion entfernt. Angepfiffen wurde das Spiel am Montagabend trotzdem, weil den Behörden die Arena als sicherer Ort erschien. Die schwedische Mannschaft erfuhr in der Halbzeitpause von den Vorfällen. «In der Pause sollte ich mich gut mit den Spielern unterhalten, aber als ich das hörte, fing ich fast an zu weinen. Wir waren uns hundertprozentig einig, dass wir aus Respekt vor den Opfern und ihren Familien nicht weitermachen wollten», sagte Andersson, der zu später Stunde zusammen mit dem Team auch zu den mitgereisten Fans sprach.

Zur schwedischen Mannschaft gehörten auch die Bundesligaprofis Emil Forsberg (RB Leipzig), Mattias Svanberg (VfL Wolfsburg) und Hugo Larsson (Eintracht Frankfurt). Schwedens Kapitän Victor Lindelöf begründete den Spielabbruch auch damit, dass Belgien bereits für die EM qualifiziert sei und sein Team darauf keine Chance mehr habe. «Daher sehe ich keinen Grund, zu spielen. Wir wollten hier sofort Kontakt zu Familie und Freunden aufnehmen, um zu sehen, ob es ihnen gut geht», sagte der Abwehrspieler von Manchester United.

Belgien legt keinen Wert auf Wiederholungsspiel

Was mit dem Spiel passiert, ist unklar. Abgebrochene Spiele müssen laut Reglement gewöhnlich am gleichen Ort schnellstmöglich fortgesetzt werden. Der belgische Verband legt darauf jedoch keinen Wert. «Wir werden von Schweden nicht fordern, das Spiel aufzugeben. Wir wollen nach den Ereignissen Respekt zeigen», sagte Geschäftsführer Manu Leroy der Zeitung «Le Soir». Er halte es für die fairste Lösung, wenn das Spiel 1:1 gewertet würde, also mit dem Spielstand zum Zeitpunkt des Abbruchs in der Halbzeit.

Man werde den schwedischen Verband, den österreichischen Verband und die Europäische Fußball-Union kontaktieren. Belgien und Österreich weisen ein Spiel vor Ende der Qualifikation jeweils 16 Punkte auf, bei einem Unentschieden käme für die Roten Teufel ein weiterer Zähler hinzu. Beide Teams sind für die EM in Deutschland bereits qualifiziert. «Irgendwann müssen Ethik und Moral die Oberhand gewinnen», so Leroy.

Bei dem mutmaßlichen Täter handele es sich um einen Tunesier, der im November 2019 in Belgien Asyl beantragt habe, sagte Justizminister Vincent van Quickenborne. Die Ermittler gehen Hinweisen auf ein islamistisches Motiv nach. Der Mann sei der Polizei im Zusammenhang mit Menschenhandel, illegalem Aufenthalt und Gefährdung der Staatssicherheit aufgefallen. Er war am Montagabend zunächst noch auf der Flucht, entsprechend herrschte in Brüssel die höchste Terror-Warnstufe. Der Chef des Fußball-Weltverbands, Gianni Infantino, zeigte sich schockiert und traurig».

Erhöhte Sicherheitsvorkehrungen in Lille

In Frankreich wurden unterdessen für das Länderspiel gegen Schottland in Lille die Sicherheitskräfte verdoppelt, wie Innenminister Gérald Darmanin ankündigte. In Frankreich sind die Pariser Terroranschläge vom 13. November 2015 noch in Erinnerung, als sich unter anderem drei Selbstmordattentäter am Stade de France während eines Länderspiels zwischen Deutschland und Frankreich in die Luft sprengten.

Die Hotels, in denen die rund 400 schwedischen Fans einquartiert waren, standen in der Nacht unter Polizeischutz. «Die Zusammenarbeit zwischen Fans, Verbänden und Behörden hat in einer extrem angespannten Situation sehr gut funktioniert. Insgesamt haben rund 400 Schweden im Laufe des Abends und der Nacht Hilfe erhalten», sagte der schwedische Sicherheitschef Martin Fredman am Rande des Spiels. Auch der Verband lobte das Verhalten der Anhänger.

Den Fans wurde nahegelegt, keine schwedischen Flaggen in der Öffentlichkeit zu zeigen. Gleichzeitig erhielten sie das Angebot, bei ihrer Rückreise zum Flughafen eskortiert zu werden. «Alles ist so surreal, jenseits aller Realität. Alle wollen einfach so schnell wie möglich von hier weg, sagte Andreas Richt von der schwedischen Fan-Organisation Gula Väggen der Zeitung «Aftonbladet».