Tischtennis

Vier Jahre, die er nie vergisst: Ovtcharovs WM-Comeback

Vier Jahre liegen zwischen seinem letzten WM-Auftritt und dem WM-Comeback. In diese Zeit fielen: eine Pandemie, eine Olympia-Medaille, eine Verletzung, ein Krieg. Jetzt ist Dimitrij Ovtcharov zurück.

Dimitrij Ovtcharov in Aktion während des Trainings. Foto: Federico Gambarini/dpa
Dimitrij Ovtcharov in Aktion während des Trainings.

Durban (dpa) - Bloß weg hier! Das war die Reaktion von Dimitrij Ovtcharov auf seinen bislang letzten Auftritt bei einer Tischtennis-WM. 2019 verlor er schon in der dritten Runde gegen den Kroaten Tomislav Pucar und eilte danach frustriert aus der Messehalle von Budapest.

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Vier Jahre ist das nun her, wenn der deutsche Nationalspieler und frühere Weltranglisten-Erste an diesem Wochenende bei den Weltmeisterschaften in Durban/Südafrika sein WM-Comeback geben wird. Vier Jahre gehen im Leben eines Leistungssportlers schnell vorbei. Aber was in genau diesen vier Jahren passiert ist und auf Ovtcharovs Karriere einwirkte, konnte sich 2019 noch niemand vorstellen.

Russischen Club verlassen

Die Team-WM 2020 fiel aus, weil gerade eine Pandemie ausgebrochen war. Die WM 2021 verpasste Ovtcharov, weil er nach einer schweren Knöchelverletzung gleich zweimal operiert werden musste. Auf die Team-WM 2022 verzichtete er wegen seines Trainingsrückstandes. Vor allem aber hatte Russland kurz zuvor die Ukraine überfallen, was für den 34-Jährigen der wohl größte Einschnitt von allen war. Seine Großmutter holte die Familie aus Ovtcharovs Geburtsstadt Kiew heraus. Seinen russischen Club Fakel Orenburg verließ er aus Protest gegen diesen Krieg nach fast zwölf Jahren.

«Das war eine intensive Zeit», sagte Ovtcharov. Seine olympische Bronzemedaille in Tokio und der Bundesliga-Rückzug seines neuen Clubs TTC Neu-Ulm fielen in diese vier Jahre auch noch hinein.

Jetzt also das WM-Comeback in Durban. Und Ovtcharov erklärt: «Ich bin froh, dass ich wieder gut Anschluss gefunden und nach der langen Verletzung einige Topspieler geschlagen habe. Das zeigt mir, dass das Level da ist und dass ich nach wie vor für jeden gefährlich sein kann.» Aber, fügte er hinzu: Ein konkretes Ziel - «dass ich etwa zwingend eine Medaille holen muss» - das setzt er sich bei dieser WM vom 20. bis 28. Mai nicht. Dafür ist zu viel passiert.

Bundestrainer muss bremsen

Über seine beiden Topstars Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov sagt der deutsche Bundestrainer Jörg Roßkopf sinngemäß gern: Dem einen, Boll, müsse er kaum etwas sagen, weil der genau weiß, was gut für ihn ist. Den anderen, Ovtcharov, müsse er dagegen eher bremsen. Weil der so ehrgeizig, perfektionistisch und trainingsfleißig ist.

Genau das hat ihn weit gebracht: Ovtcharov war die Nummer eins der Welt und World-Cup-Sieger. Er gewann je zweimal den EM-Titel und Olympia-Bronze. Aber haben die vergangenen vier Jahre ihn und seinen Blick auf die Karriere vielleicht verändert?

Ovtcharovs Antwort ist: Nein, aber. «Mein Vater probiert mir oft zu sagen, dass ich Sachen etwas entspannter nehmen soll. Aber irgendwie kriege ich das nicht umgesetzt», sagte er. «Ich bin von meinem Naturell so, dass ich nach wie vor alles gebe, hohe Umfänge trainiere und Sachen einfach nicht gelassen nehmen kann. Das mag vielleicht nicht unbedingt richtig sein in meiner Situation. Aber so bin ich. Und so bin ich mit mir irgendwo auch im Reinen.»

Zu unbeständig

Was für ihn bei der WM möglich ist, lässt sich kaum sagen. Dafür spielte die aktuelle Nummer 15 der Welt in den vergangenen Monaten zu unbeständig. Bei den WTT Finals schlug Ovtcharov den Weltmeister und Weltranglisten-Ersten Fan Zhendong (China). Beim ersten Grand-Smash-Turnier dieses Jahres in Singapur verlor er gleich sein erstes Spiel. Beim Champions-League-Halbfinale zwischen Neu-Ulm und Borussia Düsseldorf besiegte er den Europameister Dang Qiu an einem Mittwochabend mit 3:1, um dann nur vier Tage später mit dem gleichen Ergebnis gegen seinen Nationalmannschaftskollegen zu verlieren.

Was Ovtcharov in Südafrika helfen könnte: Auch alle anderen Stars litten unter der Corona-Pandemie und einem verzerrten Turnierrhythmus. «Wir haben in den letzten zwölf bis 18 Monaten festgestellt, dass es immer mehr Überraschungen gibt, alles etwas enger zusammenrückt und alles auf einem noch etwas höheren Level stattfindet», sagte der deutsche Sportdirektor Richard Prause. «Bei dieser WM kann alles passieren.»