French Open

«Welt geht nicht zu Ende»: Zverev zwischen Frust und Stolz

Sein zweites Final-Drama verarbeitet der Tennisstar erstaunlich gefasst. Seine Tochter dürfte ihn zusätzlich trösten. Für den ersehnten ersten Grand-Slam-Titel will er «Biest» Alcaraz nacheifern.

Alexander Zverev war nach der Niederlage im Finale der French Open gegen Carlos Alcaraz enttäuscht. Foto: Matthieu Mirville/ZUMA Press Wire/dpa
Alexander Zverev war nach der Niederlage im Finale der French Open gegen Carlos Alcaraz enttäuscht.

Paris (dpa) - Seinen Titel-Sehnsuchtsort Paris verließ Alexander Zverev ungekrönt - aber nicht untröstlich. Der Frust über den erneut auf brutale Weise geplatzten Traum vom ersten Grand-Slam-Turniersieg und eine fatale Fehlentscheidung des Schiedsrichters hielt sich beim bemerkenswert gefassten Tennisstar in Grenzen. «Wie geht es weiter? Wie bei jedem anderen normalen Menschen», sagte Zverev betont gelassen: «Die Welt geht nicht zu Ende.»

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Am Tag nach der dramatischen Final-Niederlage bei den French Open gegen den spanischen Jungstar Carlos Alcaraz (21) wollte der 27-Jährige zunächst in die Schweiz zu einem Sponsorentermin und dann nach Berlin fliegen. «Weil ich dort eine sehr wichtige Person treffen möchte, was ich nach Turnieren immer tue», verriet Zverev. Auch wenn Lebensgefährtin Sophia Thomalla in der Hauptstadt wohnt und am Montag von einem TV-Dreh in Thailand zurückerwartet wird, dürfte jemand anderes gemeint sein: Tochter Mayla (3).

Mit ihrer Mutter hatte sich Zverev während des Grand-Slam-Turniers auf Sand auf eine Beendigung des Prozesses gegen ihn wegen des Vorwurfs der Körperverletzung geeinigt. Man wolle den Konflikt friedlich lösen, hatte das Berliner Amtsgericht Tiergarten mitgeteilt und das Verfahren gegen eine Geldauflage von 200.000 Euro und ohne Verurteilung eingestellt. Zverev, der weiterhin als unschuldig gilt, sagte dazu: «Ich bin glücklich, dass es vorbei ist.»

Stuttgart-Start unwahrscheinlich

Auf das Ende bei seinem Lieblingsturnier trifft diese Aussage nicht zu. Wie gern er die Zeit zurückdrehen und das mit 3:6, 6:2, 7:5, 1:6, 2:6 verlorene Finale gegen Alcaraz nochmal bestreiten würde, zeigte seine Aussage zur bevorstehenden Absage für das Rasenturnier in Stuttgart: «Die Chancen, dass ich in Stuttgart spiele, sind ähnlich hoch wie die Chancen, dass ich jetzt wieder rausgehe und das Finale gewinne.» Also gleich null.

Die «Hätte, wenn und aber»-Gedanken ließen Zverev auch deswegen nicht los, weil eine Fehlentscheidung seine Chancen auf den ersehnten Triumph im Stade Roland Garros zumindest schmälerten. Im 5. Satz beim Stand von 1:2 und 40:15 für Zverev kam vom Linienrichter bei Alcarazs zweitem Aufschlag ein Aus-Ruf, doch er wurde von Stuhlschiedsrichter Renaud Lichtenstein nach Ansicht des Ballabdrucks auf dem Sand überstimmt. Die Hawk-Eye-Bilder, die später die Fehlentscheidung bewiesen, stehen dem Schiri als technisches Hilfsmittel bei den French Open nicht zur Verfügung.

Alcaraz brachte mit Mühe sein Aufschlagspiel zum 3:1 durch und gewann wenig später den finalen Satz und damit das Match und Turnier. Als jüngster Tennisprofi hat der 21-Jährige damit auf allen drei Belägen Sand, Rasen und Hartplatz jeweils einen Grand-Slam-Titel gewonnen. Die Situation sei zwar «frustrierend» gewesen, sagte Zverev, «aber es ist, wie es ist. Schiedsrichter sind auch nur Menschen - und die machen Fehler.»

Zverev über Alcaraz: «Er ist definitiv ein Tier»

Als Ausrede wollte er es nicht benutzen. Sich selbst machte er nach seinem zweiten Final-Trauma auch keine Vorwürfe. Es sei nicht so wie bei seinem denkbar knapp verlorenen US-Open-Finale 2020 gewesen, «dass ich es selber weggegeben habe», meinte der Weltranglisten-Vierte. Bei seiner Dankesrede auf dem Court Philippe Chatrier in Richtung seines Teams zeigte er schon wieder Kampfgeist: «Wir waren nah dran heute, aber es war nicht genug. Hoffentlich werden wir eines Tages diese Trophäe in den Händen halten.»

Was er dafür tun muss, wusste Zverev schon zwei Stunden nach dem letzten Ballwechsel. Er wolle Alcaraz in Sachen Intensität nacheifern, denn die sei «das, was einen killt», meinte Zverev: «Wir sind beide körperlich stark, aber er ist ein Biest. Er ist definitiv ein Tier.» Er wolle sich nun mit seinem Team beraten «und sehen, was ich tun kann, um auf das gleiche Niveau zu kommen».

Dabei gilt der Deutsche als einer der fittesten Spieler auf der Tour, in den zwei Wochen in Paris stand der Olympiasieger insgesamt 23 Stunden und 46 Minuten auf dem Platz - inklusiver dreier Fünf-Satz-Matches. Dennoch sagte er: «Was ich hier gelernt habe: Dass ich physisch nochmal auf ein ganz anderes Niveau kommen muss.»

Zuerst aber will er sich von den körperlichen und mentalen Strapazen erholen. In der kommenden Woche wird Zverev dann in Halle/Westfalen aufschlagen und sich für den Rasen-Klassiker in Wimbledon Anfang Juli einspielen. Dort ist er auf dem von ihm eher ungeliebten Untergrund noch nie übers Achtelfinale hinausgekommen.