Tour de France

Zweikampf um Gelb: Alle Augen auf Vingegaard und Pogacar

Der Kampf um das Gelbe Trikot bei der 110. Tour de France ist ein Fall für Zwei. Titelverteidiger Vingegaard und der zweimalige Champion Pogacar sind vor dem Start in Bilbao die großen Favoriten.

Auch bei der diesjährigen Tour de France läuft es auf ein Duell der beiden Radstars hinaus: Tadej Pogacar (l.) und Jonas Vingegaard. Foto: David Pintens/belga/dpa
Auch bei der diesjährigen Tour de France läuft es auf ein Duell der beiden Radstars hinaus: Tadej Pogacar (l.) und Jonas Vingegaard.

Bilbao (dpa) - Im Radsport-verrückten Baskenland ist die Bühne bereitet für das nächste Duell der zwei Stars «vom anderen Stern». Jonas Vingegaard gegen Tadej Pogacar: Wenn am Samstag in Bilbao die 110. Tour de France losrollt, dreht sich alles um den Zweikampf der beiden ungleichen Ausnahmefahrer.

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«Wenn die beiden dabei sind, dann sind die ersten zwei Plätze schon belegt. Die sind ein komplett anderes Level als die anderen», äußerte sich Emanuel Buchmann im Interview der Deutschen Presse-Agentur über die Chancenverteilung vor dem Grand Départ.

Buchmann selbst hatte auch mal Ambitionen auf das Tour-Podium in Paris, schließlich hatte es der schmächtige Allgäuer 2019 bis auf den vierten Platz geschafft. Seitdem aber Ausnahmekönner wie Pogacar, Vingegaard oder der bei der Tour fehlende Weltmeister Remco Evenepoel aus Belgien die Weltspitze dominieren, sind derartige Ziele utopisch. Auf Buchmann, der im Meistertrikot das deutsche Mini-Aufgebot anführt, warten in Frankreich Helfer-Aufgaben für seinen australischen Kapitän Jai Hindley.

Pogacar dominiert Frühjahr - und verletzt sich

Hindley, der Giro-Sieger von 2022, soll es auf das Podest schaffen, also Platz drei unter normalen Umständen. Denn der Kampf um Gelb, da sind sich alle Experten einig, ist für Vingegaard und Pogacar vorbestimmt. Für Tourchef Christian Prudhomme hat der Zweikampf bereits ähnliches Potenzial wie einst das Duell zwischen Jacques Anquetil und Raymond Poulidor oder im Tennis zwischen Roger Federer und Rafael Nadal.

Im vergangenen Jahr hatte Vingegaard etwas überraschend den slowenischen Rivalen auch dank seines herausragenden Jumbo-Visma-Teams entthront. Das schien Pogacar in diesem Jahr wieder geraderücken zu wollen. Der Slowene dominierte das Frühjahr mit zwölf Siegen, fügte Vingegaard bei Paris-Nizza eine deftige Niederlage zu - bis er durch einen Sturz beim Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich einen Kahnbeinbruch erlitt. Fast zwei Monate fuhr der 24-Jährige kein Rennen, ehe er sich am Wochenende mit zwei Siegen bei den slowenischen Meisterschaften zurückmeldete. «Du brauchst kein Handgelenk, um deine Beine zu trainieren», scherzte Pogacar, der aber auch sagt: «Jonas ist der Favorit, zumal er zuletzt sehr stark war. Ich komme aus einer Verletzung. Ich habe nichts zu verlieren.»

Vingegaard hatte die Tour-Generalprobe beim Critérium du Dauphiné im Juni überlegen gewonnen. Überrascht sei er nur vom großen Vorsprung gewesen, meinte der 26-Jährige, der die Konkurrenz demoralisierte. Einen soliden Formaufbau, attestierte ihm der große Miguel Indurain, der fünfmal in Serie die Tour gewann und in den 90er Jahren auch in einer eigenen Liga fuhr.

Sturz-Risiko ist ständiger Begleiter

Teamchef Ralph Denk vom deutschen Bora-hansgrohe-Rennstall spricht von einer Zwei-Klassen-Gesellschaft im Radsport. «Es sind vier, fünf, sechs Rennfahrer da, die ein Stück weit besser sind als die anderen», sagte Denk der Deutschen Presse-Agentur. Vingegaard und Pogacar seien «ein bisschen vom anderen Stern», so der Bayer, der mit seinem Team zum zehnten Mal bei der Tour am Start steht. «Es sind aber drei Wochen Radrennen. Da kann viel passieren: Stürze, Defekte, mal ein schlechter Tag, Krankheiten.»

Vor allem das Sturz-Risiko ist bei der Tour ständiger Begleiter. Der Tod von Gino Mäder jüngst bei der Tour de Suisse, als der Schweizer bei einer Abfahrt in eine Schlucht stürzte und einen Tag später starb, hat das Feld aufgeschreckt und die Sicherheitsdebatte neu entfacht. «So wie ich es sehe, ist relativ wenig passiert. Gefühlt fahren wir immer noch mit demselben Standard rum wie zum Start meiner Karriere. Ich habe versucht, viel herbeizuführen, da ist aber relativ wenig bis gar nichts passiert», kritisierte der frühere Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin, der 2021 seine Karriere beendet hat.

Deutschland fehlen die Talente

Fahrer wie Martin fehlen dem deutschen Radsport inzwischen. Nur noch sieben deutsche Fahrer stehen in Bilbao am Start, so wenig wie letztmals 1999. «Man muss sagen, wenn man die Teilnehmer bei der Tour anschaut - das ist ein Gradmesser. Dann sind die schwierigen Zeiten schon angekommen», sagte Martin. Zumal in dem 37 Jahre alten Routinier Simon Geschke, der vergangenes Jahr neun Tage im Bergtrikot unterwegs war, und dem drei Jahre jüngeren John Degenkolb zwei weitere Erfolgsgaranten auf die Zielgerade ihrer Karriere einbiegen.

Bevor es so weit ist, wollen die beiden Altstars auf der 3399,5 Kilometer langen Reise von Bilbao nach Paris noch einmal ihr Können zeigen. Einfach wird das nicht. Bei acht Bergetappen, darunter vier Ankünften im Hochgebirge, sind Kletterspezialitäten gefragt. Also ganz nach dem Geschmack von Vingegaard und Pogacar.