BKK Freudenberg Hochsprung Gala 2025

Weltjahresbestleistung: „Zocker“ Sottile bringt die TSG-Halle zum Toben

Der Italiener trotzt seinen Rückenproblemen und überspringt 2,31 Meter. Den Meetingrekord verpasst er danach nur knapp. Bei den Frauen hat Christina Honsel knapp die Nase vorn.

Stefano Sottile stellte bei der Hochsprung Gala am Freitagabend alle in den Schatten. Foto: Philipp Reimer Fotografie
Stefano Sottile stellte bei der Hochsprung Gala am Freitagabend alle in den Schatten.

Weinheim. Während die ehrenamtlichen Helfer von der Leichtathletikabteilung der TSG 1862 Weinheim schon mit den Aufräumarbeiten begonnen haben und die Stühle und Bänke stapeln, steht Thomas Geißler kurz vor Mitternacht noch freudestrahlend in TSG-Halle. „Die Männer haben’s mal wieder gerockt“, sagt er. „Mal wieder nach vielen Jahren, in denen wir eher Erfolge bei den Frauen gewohnt waren.“

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Nicht, dass die Frauen um Christina Honsel und Vorjahressiegerin Imke Onnen bei der 18. Auflage der Weinheimer Hochsprung Gala am Freitagabend enttäuscht hätten, schiebt der Meetingchef flugs hinterher. „Aber heute haben die Männer einfach gezeigt, dass mit ihnen zu rechnen ist. Phänomenal war natürlich unser Sieger Stefano Sottile“, so Geißler weiter.

Keine 30 Minuten zuvor steht die mit 1.034 Zuschauern bestens besuchte TSG-Halle Kopf: Während der Leverkusener Mateusz Przybylko, seines Zeichens Europameister von 2018, und der bärenstarke Japaner Takeshi Eto dreimal an der Höhe von 2,26 Meter scheitern, segelt der 27-jährige Italiener gleich im ersten Versuch über die Latte. Der Sieg ist ihm damit sicher, von nun an geht es nur noch um die Höhe.

Allen Widerständen zum Trotz

Die Rückenbeschwerden, die dem Vierten der Olympischen Spiele von Paris seit Anfang der Woche Probleme bereitet haben, scheinen spätestens jetzt ebenso vergessen wie die Tatsache, dass dies Sottiles erster Wettkampf im Jahr 2025 überhaupt ist. „Lange war es fraglich, ob ich überhaupt springen kann. Als klar war, dass es geht, hatte ich mir zum Auftakt 2,20 bis 2,24 Meter vorgenommen. Dass es dann aber gleich so hoch hinausgeht, hätte ich selbst nicht geglaubt“, zeigt sich der fünffache italienische Meister überrascht.

Von nun an will er nur noch schauen, „was an diesem Abend möglich ist“. Mit den Zuschauern, die längst nur noch stehen, im Rücken und angetrieben vom Schwingboden, der in der Vergangenheit schon vielen anderen Athleten Flügel verliehen hat. War er ansatzweise bereits bei 2,14 Meter seinem Ruf als „Zocker“ gerecht geworden, indem er gemeinsam mit „Matze“ Przybylko die Höhe einfach ausließ, so zeigt Sottile nun sein wahres „Pokerface“. 2,28 Meter oder 2,30 Meter, die laut Programmheft als nächste Höhen vorgesehen sind? Geschenkt! Er lässt die Latte direkt auf 2,31 Meter legen – Weltjahresbestleistung.

Zwar scheitert er im ersten Versuch noch knapp, doch im zweiten Durchgang bleibt die Latte liegen. Der Jubel in der TSG-Halle ist ohrenbetäubend. Sottile selbst scheint sein Glück kaum fassen zu können.

Geißlers Plan geht auf

Und Thomas Geißler? Dessen Grinsen auf der Tribüne wird immer breiter. Seit 20 Jahren habe es keine Weltjahresbestleistung mehr in Weinheim gegeben, lässt er über Hallensprecher Tim Husel verkünden. Sein Plan, Sottile nach dem Karriereende von Vorjahressieger Jonas Wagner zum neuen männlichen Zugpferd der Hochsprung Gala zu machen, ist spätestens jetzt voll aufgegangen.

Sottile will nun noch mehr. Angestachelt vom Publikum versucht er sich am Meetingrekord von 2,36 Meter, seine Bestleistung liegt (noch) bei 2,34 Meter. Er ist voll fokussiert, bleibt aber mit der Ferse an der Latte hängen. Danach ist die Luft raus, auch die beiden verbleibenden Versuche schlagen fehl. Nichtsdestotrotz haben die Weinheimer einen neuen Publikumsliebling.

1.034 Zuschauer sorgten einmal mehr für eine tolle Kulisse. Foto: Philipp Reimer Fotografie
1.034 Zuschauer sorgten einmal mehr für eine tolle Kulisse.

Warum es ausgerechnet in der TSG-Halle, wo er sich 2022 noch einen erbitterten Zweikampf mit dem späteren Sieger Jonas Wagner geliefert hatte, für ihn so gut gelaufen ist? „Die Zuschauer sind überragend hier in der Halle, Sie sind ganz nah dran an den Athleten, der Funke springt einfach über“, sagt der strahlende Sieger, der spätestens nach dieser Leistung als Titelanwärter für die kommenden internationalen Großveranstaltungen gilt.

„Die Zuschauer sind überragend hier in der Halle, Sie sind ganz nah dran an den Athleten, der Funke springt einfach über.“ (Stefano Sottile)

Dem haben Meetingchef Thomas Geißler und Przybylko, der mit der deutschen Jahresbestleistung von 2,23 Meter hinter Sottile und Eto auf Platz drei landet, kaum etwas hinzuzufügen. „Das ist der Hammer hier – megageil“, platzt es aus dem 32-jährigen Rheinländer heraus. „Es war für mich das erste Mal, dass die Zuschauer mittendrin waren. Mitunter hatte ich sogar Angst, dass ich in sie hinein renne oder springe.“ Vor der Leistung seines vermeintlichen Kontrahenten zieht Przybylko ausdrücklich den Hut, von einer Konkurrenzsituation will er nichts wissen: „Wir sind eine große Hochsprungfamilie, hier gönnt jeder dem anderen eine Topleistung, wie sie Stefano heute abgeliefert hat“.

Gesagt getan: Przybylko und Eto sind die ersten, die Sottile in den Arm nehmen – Schulterklopfer inklusive. Danach genießt der Italiener das Bad in der Menge, klatscht sich mit den Zuschauern ab und macht die „Welle“ mit den Besuchern auf der Empore.

Honsel und Onnen überzeugen

Von derartigen Gefühlsausbrüchen sind die Frauen am Freitagabend vergleichsweise weit entfernt – obwohl auch sie durchaus zu überzeugen wissen. Allen voran die Olympia-Sechste Christina Honsel und Vorjahressiegerin Imke Onnen, die Geißler bereits im Vorfeld als „Flaggschiffe“ bezeichnet hatte. Sie hatten die Latte bei ihren ersten Wettkämpfen des Jahres im wahrsten Sinne des Wortes hochgelegt.

Und im Gegensatz zur amtierenden Vize-Europameisterin (Halle) Britt Weerman (Niederlande/1,84 Meter) und der Vorjahreszweiten Lia Apostolovski (Slowenien/1,80 Meter), die früh die Segel streichen müssen, bleiben die beiden Deutschen stabil, Honsel meistert sämtliche Höhen bis 1,91 Meter sogar im ersten Versuch.

Mithalten kann da nur die junge Serbin Angelina Topic – wenngleich sie, wie bereits im Vorjahr, das eine oder andere Mal mit dem Schwingboden zu kämpfen hat. Gleich dreimal muss der „Rising Star“ der internationalen Hochsprungszene den Anlauf abbrechen.

Aus dem Fünfkampf wird ein Dreikampf

Aus dem erhofften Fünfkampf ist somit längst ein Dreikampf geworden, aus dem Christina Honsel jedoch klar heraussticht. Und selbst dieser Dreikampf ist schnell vorbei, die 1,94 Meter bleiben für Honsel, Onnen und Topic unerreicht, Den Pokal für die Siegerin sichert sich Honsel aufgrund der geringeren Zahl an Fehlversuchen.

Christina Honsel wiederholte ihren Gala-Sieg von 2023. Foto: Philipp Reimer
Christina Honsel wiederholte ihren Gala-Sieg von 2023.

„Natürlich hätte ich diese Höhe gerne noch mitgenommen, zumal ich glaube, dass ich mehr drauf habe, als ich heute abrufen konnte“, sagt Honsel. Zufrieden stimmt sie hingegen, „dass ich alle vorherigen Höhen im ersten Versuch geschafft habe.“ Schon zweimal habe sie aufgrund der Fehlversuche schließlich eine Medaille bei internationalen Großveranstaltungen verpasst, erklärt die Wattenscheiderin, die vor Ort von ihrer Familie unterstützt wird und die Hochsprung Gala mit einem Kurzurlaub verbindet. „Wir sind immer gerne hier, Weinheim ist für mich schon eine Herzenssache“, sagt Honsel, die durchblicken lässt, dass sie auch 2026 wieder gerne dabei wäre – „wenn alles passt“.

Stichling mit Jahresbestleistung

Enttäuschend war die Frauen-Konkurrenz deshalb bei Weitem nicht, 1,91 Meter sind aller Ehren wert. Aufhorchen lassen zudem andere Springerinnen, die im Vorfeld kaum jemand auf der Rechnung gehabt haben dürfte. So stellt die Schwedin Engla Nilsson mit 1,88 Meter eine neue persönliche Bestleistung auf. Ihre Landsfrau Ellen Ekholm (ebenfalls 1,88 Meter) sowie die gebürtige Weinheimerin Bianca Stichling (1,84 Meter) dürfen sich über persönliche Jahresbestleistungen freuen.

Bianca Stichling hatte sichtlich Spaß bei ihrer Rückkehr nach Weinheim. Foto: Philipp Reimer Fotografie
Bianca Stichling hatte sichtlich Spaß bei ihrer Rückkehr nach Weinheim.

Und auch die Juniorinnen (U20) haben einmal mehr gezeigt: Der Schwingboden und das Weinheimer Publikum bieten immer wieder hervorragende Bedingungen für starke sportliche Leistungen. Den Sieg sichert sich Sina Stoll (TB Tailfingen) mit 1,76 Meter, auf Platz drei landet Lokalmatadorin Sophie Löskow, die ihre persönliche Bestleistung von 1,70 Meter einstellt.

Nicht zuletzt deshalb ist auch die 18. Auflage der BKK Freudenberg Hochsprung Gala ihrem Ruf als Top-Springer-Meeting in der Leichtathletikszene gerecht geworden.