Nächtliche Jäger

Bahnhof im Odenwald wird zum Zufluchtsort für Fledermäuse

Sie haben spitze Zähne, schlechte Augen und große Ohren: In Deutschland gibt es 25 Fledermausarten. Eine der größten Kolonien der Tiere in Hessen lebt im Odenwald.

Hunderte Fledermäuse leben unter dem Giebel. Foto: Hannes P. Albert/dpa
Hunderte Fledermäuse leben unter dem Giebel.

Höchst (dpa/lhe) - Sie hängen zu Hunderten unter dem muffigen Giebel eines alten Bahnhofsgebäudes im Odenwald. Hin und wieder saust eine Fledermaus aufgeschreckt durch den abgedunkelten Raum, ansonsten sind die Tiere tagsüber eher träge. Ihre Zeit ist die Nacht. Dann fliegen die Säuger mit ihren spitzen Zähnen und kleinen Augen los, um Insekten zu vertilgen. 

Allen Anlehnungen in Vampirfilmen zum Trotz stehen Menschen und Blut nicht auf ihrer Beuteliste. Aber: «Man kann nicht behaupten sie würden keiner Fliege was zu leide tun», sagt Dirk Diehl. Er betreut das Projekt der hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz im Mausohr-Bahnhof im Höchster Stadtteil Mümling-Grumbach im Odenwald. 

Das alte Bahnhofsgebäude ist der Lebensraum der Tiere. Foto: Hannes P. Albert/dpa
Das alte Bahnhofsgebäude ist der Lebensraum der Tiere.

In dem 1894 gebauten, denkmalgeschützten und stillgelegten dreigeschossigen Bahnhof leben Diehl zufolge im Sommer rund 1.300 Mausohr-Fledermäuse unter dem Giebel. «Es ist eine der größten Kolonien in Hessen.» 

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Dutzende Käfer auf dem Speiseplan

«Der Klimawandel macht den Tieren zu schaffen», sagt Diehl. Bei höheren Temperaturen verbrauchen sie mehr Energie. Je wärmer es sei, desto schlechter könnten die Fledermäuse schlafen und würden mehr Energie zuführen. Auf dem Speiseplan stehen Insekten und Spinnen, wenn die kurzsichtigen Tiere nachts mit ihrer Ultraschall-Echo-Ortung auf die Jagd gehen, um Dutzende Käfer zu verspeisen. Im Frühjahr mit Maikäfern sei das kein Problem. «Das ist eine sehr attraktive Beute.» 30 bis 40 stünden dann auf dem Speiseplan. Aber durch die Trockenheit seien auch viele große Laufkäfer weg. «Wenn die Maikäfer weg sind, wird es eng.» 

Quartier im muffigen Dachboden

«Wir wissen seit dem Jahr 2000, dass hier Fledermäuse sind», sagt Diehl. Damals hätten rund 300 Tiere unter dem Giebel gelebt. Das Dach sei damals undicht gewesen und Regen auf den verkoteten Boden gefallen, was Folgen für die darunterliegenden Räume hatte. Das Dach ist jetzt wieder dicht, unter dem Giebel riecht es dennoch muffelig nach Fledermaus-Extrementen. 

Dachböden als Ersatzhöhlen

Wer sich das bei einer Veranstaltung oder einer vorab vereinbarten Führung ansehen will, muss aber nicht unter das Dach. Auf dem Dachboden sind Diehl zufolge Infrarotkameras und man kann das Treiben oben auch im Erdgeschoss auf einer Leinwand verfolgen. 

Das Große Mausohr wohnt dem Naturschutzbund Nabu zufolge über viele Generationen hinweg in großräumigen, ungestörten Dachböden. Die Tiere nutzen die Räume als warme Ersatzhöhlen in Kirchen, Schlössern oder anderen großen Gebäuden. Je nach Saison und Tagestemperatur würden Hangplätze im gesamten Dachbodenbereich ausgewählt.

«Es ist die größte heimische Fledermausart», sagt Diehl über die Bewohner des Hauses neben einer noch aktiven Bahnstrecke. Die vorbeirauschenden Züge würden die Tiere bei ihrem Aufenthalt im Sommer nicht stören. Als jedoch mal die Schienen erneuert und Schotter für das Gleisbett gerüttelt wurde, seien sie nervös geworden. «Das fanden sie gar nicht lustig.»

Den Charme des Bahnhofs will die Gesellschaft erhalten. Wer das Gebäude mit dem Schild «Fledermaus Freundliches Haus» betritt, den erwartet ein historisches Bahnhofsambiente.

Das ehemalige Bahnhofsgebäude beherbergt eine Mausohrkolonie. Foto: Hannes P. Albert/dpa
Das ehemalige Bahnhofsgebäude beherbergt eine Mausohrkolonie.

In dem Haus sind unter anderem ein historischer Schalter mit Scheibe und Glasluke, alte Fahrkarten und eine Waage, wie sie früher in vielen Bahnhöfen stand. Und es gibt auch Veranstaltungen wie «Fledermaus & Bahnhof», bei denen das Eisenbahnambiente im Mittelpunkt steht, aber auch über die Infrarotkameras live auf den Dachboden zu den Aktivitäten der Bewohner dort geschaltet wird.

Mehr Öffnungszeiten geplant

Veranstaltungen gibt es Diehl zufolge im Mai, Juni, August und September. «Die Öffnungszeiten sollen ausgebaut werden.» Auch Schulklassen sollen für den Bahnhof und die Tiere interessiert werden. «Das läuft im Moment mit angezogener Handbremse.» Die Mittel für das Projekt in dem 2012 versteigerten Bahnhof werden eingeworben. Fördergelder gab es Diehl zufolge für den Denkmalschutz. «Ansonsten gibt es viele Versprechungen ohne Folgen.»

Fledermäuse gibt es dem Naturschutzbund BUND zufolge seit 50 Millionen Jahren. In Deutschland gebe es 25 verschiedene Arten, von denen jedoch nur zwei derzeit nicht als gefährdet gelten.