Hexerei

Bibi Blocksberg hat eine grausige Vorgeschichte

In der Walpurgisnacht am 30. April sollen Hexen besondere Kräfte gehabt haben. Menschen wollten mit Tänzen an Feuern das Böse vertreiben. Wie kam es zu diesem Aberglauben? Und was waren die Folgen?

Mit Folterungen wurden die Verfolgten unter Druck gesetzt, ein Geständnis abzulegen und Mittäter zu verraten. Foto: Michael Bauer/DPA
Mit Folterungen wurden die Verfolgten unter Druck gesetzt, ein Geständnis abzulegen und Mittäter zu verraten.

Darmstadt/Gelnhausen (dpa/lhe) -   Sie tanzen mit dem Teufel, haben krumme Nasen, spitze Hüte und reiten auf dem Besen durch die Nacht - so besagt es der Mythos. Hexen gibt und gab es zwar nicht, verfolgt wurden Abertausende Menschen aber dennoch wegen Hexerei. Eine Geschichte von Verleumdung, Verfolgung, Folter und einem grausamen Sterben auf dem Scheiterhaufen. 

Die waren meist Frauen

«Im Gebiet des heutigen Bundeslandes Hessen gab es in den 100 Jahren zwischen 1580 und 1680 rund 1.800 Hexenprozesse, die meisten endeten mit einer Verurteilung», sagt Matthias Lothhammer, der in Darmstadt Führungen unter anderem zum Thema Hexen anbietet - auch für Kinder. Er ist Autor des Buches «Mit dem Feuer vom Leben zum Tod gebracht». Darin beschreibt er die Hexenverfolgung vor allem in Darmstadt unter der Herrschaft des Landgrafen Georg I. (1547-1596) mit all ihrer Grausamkeit und all ihren Foltermethoden. Die Opfer waren überwiegend Frauen.

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Es war die Suche nach Sündenböcken

«Es ist die Erklärung für alles, für schlichtweg alles», sagt Lothhammer über den Hexenwahn. «Wenn die Milch sauer wird, wenn die Kuh tot umfällt, wenn der Blitz einschlägt, wenn andere Haustiere sterben, Kindersterblichkeit, wenn einem selber Krankheit oder irgendwas widerfährt», sagt er zum Auslöser für eine Hexenverfolgung. 

Auch Pest, Dürre oder Hungersnöte brauchten Schuldige. Es habe jeden treffen können. In erster Linie seien natürlich diejenigen die Sündenböcke geworden, die wenig Kraft gehabt und am Rande der Gesellschaft gelebt hätten: Arme, Witwen, unverheiratete Frauen und Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen. 

Sogar das Holz für den Scheiterhaufen mussten Verurteilte zahlen

Eine Verfolgung als Hexe hatte immer auch eine wirtschaftliche Dimension für die Beschuldigten: «Die zahlen alles. Und zwar sehr, sehr teuer. Die zahlen jede einzelne Wache, die Verbringung, die Lebensmittel, das Wasser, den Scheiterhaufen, wenn Holz dafür beschafft werden muss, wenn Reisig beschafft werden muss, für die, die es bereitstellen, für die, die das Brennmaterial holen.» Selbst ohne eine Verurteilung habe den Betroffenen Hunger und Leid gedroht. «Also die mussten erst mal unterschreiben, falls sie irgendwie überleben, dass sie keine Regressforderungen stellen.»

Heutiges Hexenbild durch Bücher und Filme bestimmt

Das heutige Hexenbild ist nach Lothhammers Auffassung auch geprägt von Büchern und der Filmindustrie. Hänsel und Gretel, Bibi Blocksberg, die kleine Hexe und Harry Potter: All diese Figuren trügen zum heutigen Hexenbild bei. Und es gebe sogar den Trend, dass sich Menschen heute selbst zur Hexe erklärten. Früher wäre das ein Todesurteil gewesen.

Den Hexenglauben gibt es nach wie vor

Das Thema selbst ist für den Autor heute noch brandaktuell. Den Glauben an Hexen gebe es nach wie vor, in der Südsee, Südamerika, Afrika und bis in die 1960/70er Jahre auch hier in ländlichen Gebieten. «Die grundlegenden Mechanismen heißen heute anders, aber die Strukturen sind noch genau gleich.»

Wenige Quellen

Heute sind Hexenkostüme beliebt als Fastnachtsverkleidung oder bei Feiern in der Walpurgisnacht am 30. April, in der den Mythen nach die Hexen mit dem Teufel tanzten oder auf einem Besen ritten. Es ist der Tanz am Feuer, um das Böse zu vertreiben. Erforscht ist die dunkle Ära der Hexenverfolgung nach den Worten von Lothhammer indes schlecht. Zwar zeigten einige Museen Hexenschauen, aber die Quellengrundlage sei schlecht. 

Hexenturm Gelnhausen: Steinerner Zeuge der Verfolgung

Aus der düsteren Epoche ist in Hessen nicht mehr viel übrig. Doch einige Gebäude zeugen noch von der Grausamkeit der Verfolgung. Beispiel Gelnhausen: Der Hexenturm dort im Main-Kinzig-Kreis im Südosten Hessens wirkt wie ein Relikt aus einer anderen Zeit – wuchtig, abweisend, mit dicken Mauern. Wer vor dem 24 Meter hohen Rundbau steht, ahnt schnell: Dieser Ort erzählt mehr als nur Stadtgeschichte. 

Der im 15. Jahrhundert errichtete Bau diente ursprünglich als Geschützturm und trug zunächst den Namen «Fratzenstein». Erst später setzte sich im Volksmund die Bezeichnung «Hexenturm» durch – ein Hinweis auf seine Nutzung während der Zeit der Hexenverfolgung.

Mehr als 50 Frauen, Männer und Kinder hingerichtet

In der zweiten Hälfte des 16. und zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde der Turm als Gefängnis genutzt. In dieser Phase erreichte die Hexenverfolgung auch in Gelnhausen ihren Höhepunkt: Mehr als 50 Frauen, Männer und Kinder wurden als vermeintliche Hexen und Zauberer hingerichtet. «Die Hexenprozesse fanden aber nicht im Turm, sondern im Rathaus statt», erklärt Simone Grünewald vom Kulturamt.

Heute erinnert eine Ausstellung im Inneren des Turms an dieses dunkle Kapitel der Stadtgeschichte. Wer im Dunkeln des Verlieses steht, bekommt ein Gefühl der Beklemmung: Nur wenig Licht fällt durch ein vergittertes Loch in der Decke, durch das früher auch die kärgliche Verpflegung zu den Inhaftierten heruntergelassen wurde. Doch auch die spärlichen Lichtstrahlen sahen die Verfolgten nur selten: Das Loch konnte mit einer runden Holzscheibe abgedeckt werden.

Zu sehen sind in dem Turm auch nachgebildete Folterinstrumente sowie eine Dokumentation zur Hexenverfolgung. Besucht werden kann das Turminnere bei Führungen. Die nächste ist am 2. Mai um 16.00 Uhr.

Schule nach Opfer der Hexenverfolgung benannt

Eine Gedenktafel an dem Turm erinnert an die Opfer des Hexenwahns in Gelnhausen. Und die Stadt hat sich etwas Besonderes ausgedacht: Die frühere Kreisrealschule heißt jetzt Elisabeth-Strupp-Schule. Damit wird an die Witwe eines evangelischen Pfarrers erinnert, die 1599 während der Hexenverfolgungen zu Unrecht beschuldigt und hingerichtet wurde.