Dax-Riese im Sinkflug - Warum die SAP-Aktie abgestürzt ist
Erst Allzeithoch, dann der Rückschlag. Der Softwarekonzern SAP hat in rund eineinhalb Jahren deutlich an Wert verloren. Experten sehen vor allem ein großes Thema als Ursache.
Walldorf (dpa) - Lange war SAP das wertvollste Dax-Unternehmen, doch der Wind hat sich gedreht. Inzwischen wurde der Softwarekonzern vom Technologiekonzern Siemens überholt, mit dem Versicherer Allianz liefert sich SAP ein Rennen um Platz zwei. Am Donnerstag stellt SAP seine Zahlen für das erste Halbjahr vor. Das muss man aktuell zu SAP wissen.
Wie hat sich der Aktienkurs von SAP entwickelt?
Am 19. Februar 2025 erreichte die SAP-Aktie ihr Allzeithoch von rund 284 Euro. Zuletzt lag sie bei weniger als 140 Euro. Innerhalb der letzten knapp eineinhalb Jahre hat sich der Aktienkurs also etwas mehr als halbiert.
Was genau macht SAP eigentlich?
SAP ist ein Softwarehersteller aus Walldorf in Baden-Württemberg. Das im Jahr 1972 von fünf ehemaligen IBM-Mitarbeitern (unter anderem Dietmar Hopp und Hasso Plattner) gegründete Unternehmen ist für seine Software zur Unternehmensteuerung bekannt. Ob Finanzen, Personal, Fertigung, Vertrieb oder Beschaffung - die Geschäftsprozesse können darüber abgebildet werden.
Lange Zeit liefen die Programme lokal auf den Servern der Kunden. In den vergangenen Jahren hat SAP-Chef Christian Klein aber eine Cloud-Strategie verfolgt. Die Idee: Die Kunden sollen statt hoher Einmalzahlungen lieber im Abo für die Software bezahlen, «Software-as-a-Service» nennt sich das, kurz SaaS. Dafür können sie dann einfacher und schneller Updates erhalten, zum Beispiel bei neuen KI-Anwendungen.
Künstliche Intelligenz ist bei SAP gerade das Thema überhaupt. Auf einer Kundenkonferenz Mitte Mai in den USA hat der Konzern das «autonome Unternehmen» vorgestellt. KI-Agenten sollen Klein zufolge in den Geschäftsprozessen, Daten und der Unternehmensteuerung verankert werden, Ergebnisse liefern und Kosten einsparen.
Wie liefen zuletzt die Geschäfte bei SAP?
Eigentlich ganz gut. 2025 stieg der Erlös des Konzerns dank des starken Zuwachses bei Cloudsoftware um acht Prozent auf 36,8 Milliarden Euro. Das bereinigte operative Ergebnis legte unter anderem wegen Einsparungen durch einen großen Personalumbau um 28 Prozent auf 10,4 Milliarden Euro zu. Unter dem Strich wuchs der Nettogewinn auf 7,5 Milliarden Euro, das war mehr als doppelt so viel wie 2024.
Allerdings rechnete SAP zuletzt bei Vorlage der Zahlen für das erste Quartal dieses Jahres trotz seiner gefragten Cloudsoftware vorerst mit einem langsameren Geschäftswachstum.
Warum ist der Aktienkurs abgeschmiert?
In der Branche machte zuletzt die «SaaS-Apokalypse» die Runde. «Die Sorge ist, dass KI-Programme oder KI-Agenten selbstständig Aufgaben übernehmen können, wofür SAP und alle großen Softwarehersteller bisher Lizenzen verkaufen», sagt der Analyst Oliver Frey vom Bankhaus Metzler. Die Kunden bräuchten dann die ganzen Abos nicht mehr, das «klassische Pro-Nutzer-pro-Monat-Modell» wäre ausgehebelt. Das treffe nicht nur SAP, sondern eigentlich alle großen Softwareunternehmen.
«KI wird das zentrale Thema bei SAP sein», sagt Frey. Bei Software werde es in Zukunft wahrscheinlich eine zentrale KI-Ebene geben, von der die Agenten - also Programme, die eine Abfolge von Aufgaben eigenständig erfüllen - dann auf die Systeme im Hintergrund zugreifen und die Anfragen steuern. «Genau darüber diskutiert jetzt der Markt: Wer wird diese Orchestrierungsebene für sich beanspruchen?»
Die Sorge sei, dass SAP die Steuerungsebene verliert und zum Datenlieferanten wird. Gleichzeitig sei dieser Datenschatz eine Stärke und ein Alleinstellungsmerkmal von SAP. «Es wird schwierig werden, SAP diese großen Systeme wegzunehmen, die seit Jahrzehnten im Einsatz sind», sagt Frey. Und: «SAP ist der Platzhirsch, was Unternehmenssoftware angeht und hat natürlich eine gute Ausgangslage.» Wichtig werde sein, dass SAP KI in das Produktportfolio einbauen kann und möglichst viele Anwendungen schafft, die den Kunden nützen.
«Das KI-Damoklesschwert schwebt nicht nur über SAP, sondern über der ganzen Softwarebranche», sagt LBBW-Analyst Mirko Maier. Für den deutlichen Kursrückgang sei das Thema KI einer der Hauptauslöser gewesen. SAP habe gerade den Wandel vom klassischen Lizenzverkäufer zum Cloud-Anbieter geschafft und dafür ein paar Jahre gebraucht.
«Jetzt kommt das nächste Thema um die Ecke und da hat der Kapitalmarkt vielleicht durchaus seine Bedenken, wenn das jetzt wieder ein langjähriger Umstieg wird, der das Geschäftsmodell nachhaltig tangiert und zu einer sichtbaren Durststrecke beim Ertrag führt», sagt Maier. Aber: «Wenn SAP beweist, dass sie wirklich einer der Profiteure von KI sind, dann kann sich die Meinung am Markt wandeln.»
Was sagt SAP zum Aktienkurs?
«Die Entwicklung des SAP-Aktienkurses spiegelte die allgemeine Marktvolatilität, geopolitische Unsicherheiten sowie veränderte Anlegerpräferenzen im Technologiesektor wider, die zuletzt insbesondere durch die Dynamik rund um Künstliche Intelligenz geprägt waren», teilte ein Unternehmenssprecher auf Anfrage mit. Ungeachtet dieser Schwankungen habe SAP eine starke operative Entwicklung gezeigt und die langfristige Strategie konsequent umgesetzt.
«Wir sind nicht die Einzigen, die gerade unter Druck stehen, es betrifft nahezu die gesamte Softwareindustrie», sagte SAP-Chef Klein dem «Manager Magazin» Ende Januar. Aber SAP werde den Trend umkehren. «Am Ende muss KI echten Geschäftswert in den Unternehmen schaffen - der Hype wird auch bei der angewandten KI ankommen», sagte er.