Die Nase im Wind: Dieser Dalmatiner sucht vermisste Menschen
Suchhunde leisten bei Vermisstensuchen, was für den Menschen so nicht möglich ist. Dalmatiner Mailo ist einer von ihnen - seine Hundeführerin gibt einen Einblick in ihre Arbeit.
Freiburg (dpa/lsw) - Aufmerksam wartet der fünf Jahre alte Dalmatiner Mailo auf sein Kommando. «Such» - mehr braucht er nicht und schon läuft er los, um die Spur aufzunehmen. Mailo und seine Besitzerin Samara Jones sind Teil der Suchhundestaffel Freiburg. Ehrenamtlich beteiligen sich die beiden an Suchen nach vermissten Menschen.
Trainiert wird an verschiedenen Orten, unter anderem beim Kieswerk in Riegel am Kaiserstuhl. Das Gelände ist unwegsam, mit Hügeln, zum Teil schmalen Wegen, Bergen an Kies und aufgestapelten Paletten. Genau diese Bedingungen sind der Grund, warum die Freiburger Suchhundestaffel hier übt. Bei diesem Training sind zwölf Hunde und elf Hundeführer dabei. Es arbeitet immer nur ein Hund, während die anderen warten.
Suche nach lebenden sowie toten Menschen
Mailo sucht im Einsatz sowohl nach lebenden als auch toten Menschen. «Dem Hund macht es Spaß, für ihn ist das quasi ein großes Spiel», sagt Jones. Wenn er erfolgreich ist, gibt es sein Lieblingsspielzeug und großes Lob. Vom teilweise traurigen Ausgang solcher Suchen bekomme der Hund selbst nichts mit. Für Jones, die hauptberuflich Lehrerin ist, sieht das anders aus. «Man kann den Angehörigen Gewissheit geben und auch ermöglichen, sich von der Person zu verabschieden», so die 33-Jährige. «Das ist meine Motivation.» Zuvor hatte die «Badische Zeitung» über die beiden berichtet.
In diesem Training lautet die Aufgabe: Zwei Menschen und zwei ausgelegte Geruchsträger zu finden. Wie viele Ziele es sind und wo diese liegen, wissen Jones und Mailo nicht. Das abzusuchende Gebiet beläuft sich schätzungsweise auf etwa 30.000 Quadratmeter.
Die beiden Menschen hat der Dalmatiner nach zwei bis drei Minuten gefunden. Bei den Geruchsträgern dauert es etwas länger. Sie liegen in kleinen Gefäßen unter Paletten und stellen nach, wie jemand unter Trümmern liegt und nur eine kleine Öffnung bleibt. Nach etwa 15 Minuten hat Mailo alles gefunden.
Jahrelange Ausbildung
Warum es Hunde braucht, erklärt der Landesbeauftragte des Bundesverbands Rettungshunde (BRH) in Baden-Württemberg, Andreas Weindel: Rettungshunde seien das einzige Einsatzmittel, das in der Lage sei, mit der Nase zu suchen - und dabei auch noch ein so hohes Tempo haben. Drohnen mit Wärmebild suchten nur optisch. Jones sagt, ein guter Hund schaffe 100.000 Quadratmeter Fläche in einer halben Stunde, «schneller als mit einer Menschenkette durchzulaufen».
Dafür investieren die Teams viel: Für die Flächensuche rechnet Weindel mit rund zwei Jahren Ausbildung, für die Trümmersuche mit bis zu drei. Wer sich sehr engagiert, komme zum Teil auf 15 bis 20 Wochenstunden - für ein reines Ehrenamt. Jones unterrichtet demnach am Gymnasium, hat drei Kinder und trainiert an zwei Tagen in der Woche. Seit 2019 ist sie dabei. Mailo ist bereits ihr zweiter Hund, mit dem sie in der Staffel trainiert. Er startete sein Training als Welpe im Alter von neun Wochen. Jones wolle zudem Ausbilderin werden.
Hohe Belastung bei Einsätzen
Mit der Arbeit kommt die Belastung. Nach Einsätzen setzt sich die Staffel zusammen und spricht über das Erlebte, erzählt Jones. Jeder darf vor dem Einsatz entscheiden, ob er mitgeht. «Ich habe zum Beispiel drei kleine Kinder», sagt die 33-Jährige. «Wenn ein Kind gesucht wird, sage ich tendenziell eher nein, weil es für mich persönlich zu nah ist.» Besonders belastend waren Jones zufolge ihre Einsätze bei der Ahrtal-Katastrophe und der großen Flut im spanischen Valencia vor zwei Jahren.
Die Freiburger Staffel hat sich auf die Wasserortung spezialisiert - Mailo kann auch auf dem Wasser suchen. Hier gehe es meist um das Orten von Ertrunkenen, so Jones. Die Wassersuche sei schwerer als die Landsuche: Strömung und Wind verschieben das Geruchsfeld. Bis etwa 30 oder 40 Meter Tiefe könne ein Hund zuverlässig riechen, so Jones. Zwei Hunde müssen den Fundort bestätigen, bevor Taucher dort hinuntergehen.
Bei den Gerüchen, die die Hunde der Suchhundestaffel verfolgen, handelt es sich nicht um den individuellen Geruch der jeweiligen Vermissten, wie beim sogenannten Mantrailing, sondern um die allgemeine Geruchsspur eines toten oder lebendigen Menschen. Die Suche nach Toten trainieren die Hunde unter anderem mit Geruchsproben aus Leichentüchern vom Bestatter, aus medizinischen Abfällen oder auch aus Weisheitszähnen. «Man muss kreativ werden», so Jones.
Manche Rassen besser geeignet als andere
Ob jeder Hund das könne? Fast, sagt Jones. Möpse beispielsweise mit ihrer platten Nase eher nicht ansonsten komme es auf Motivation und Bindung an. In Freiburg arbeiten etwa Labradore, Mischlinge und ein Schnauzer. Ein Dalmatiner ist jedoch eine Seltenheit.
Als der letzte Geruchsträger gefunden ist, hat Mailo seine Arbeit getan. Länger als 45 Minuten am Stück sollen die Hunde nicht suchen, danach kommen sie ins Auto oder an einen Ort, an dem sie zur Ruhe kommen. So auch Mailo. Doch nach dem Training sei vor dem Training, schmunzelt Jones. Und irgendwann meldet sich wieder die Alarm-App auf dem Handy, wenn es den nächsten Einsatz gibt.