Luftverkehr

Ewiger Zankapfel: Kassel Airport wird zehn Jahre alt

Geringe Auslastung, dauerhaft in den roten Zahlen: Der Kassel Airport ist auch zehn Jahre nach seiner Eröffnung höchst umstritten. Befürworter sehen in dem nordhessischen Regionalflughafen ein wichtiges Infrastrukturprojekt für die Region, Kritiker ein Millionengrab.

Eine Passagiermaschine startet von einem Flughafen. Foto: Julia Cebella/dpa/Symbolbild
Eine Passagiermaschine startet von einem Flughafen.

Kassel/Calden (dpa/lhe) - Am Kassel Airport scheiden sich auch zehn Jahre nach seiner Eröffnung die Geister. Kritiker führen damals wie heute die mangelnde Auslastung und das Dauerdefizit des Regionalflughafens im nordhessischen Calden ins Feld. Für seine Befürworter war und ist der Airport, der mit 270 Millionen Euro drei Mal teurer als ursprünglich geplant war, ein Leuchtturmprojekt für die Region.

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Am 4. April 2013 startete der erste Flieger. Die Erwartungen waren hoch damals. Bis 2020 sollten in Calden 500.000 bis 600.000 Passagiere abgefertigt werden und der Flughafen kostendeckend arbeiten.

Mit rund 115.000 Fluggästen im vergangenen Jahr und einem Rekordwert im Jahr 2018 von knapp 132.000 Passagieren bleibt der Airport, zu dessen Destinationen unter anderem Hurghada, Gran Canaria, Fuerteventura, Usedom und Sylt zählen, bislang weit hinter der einstigen Zielmarke zurück. Der neben dem Frankfurter Flughafen einzige weitere Verkehrsflughafen Hessens schreibt bis heute tiefrote Zahlen - auch wenn sich der Verlust von rund 6,7 Millionen Euro im ersten Jahr nach vorläufigen Daten der Flughafen GmbH Kassel auf 5,08 Millionen in 2022 reduziert hat.

«Für 2023 wird ein erneut reduziertes Defizit angestrebt», erklärt Geschäftsführer Lars Ernst. Er sieht eine positive Tendenz. So sei es dem Unternehmen gelungen, sein Defizit auch in «schwierigen und unbeständigen Zeiten» jedes Jahr zu senken. Die Erlöse aus Flughafenentgelten, Leistungen der Bodenverkehrsdienste sowie Mieten und Pachten stiegen kontinuierlich an. Gleichzeitig sinke der Zuschussbedarf der Gesellschafter.

Größter Anteilseigner ist mit 68 Prozent das Land Hessen. Weitere Gesellschafter sind die Stadt und der Kreis Kassel mit je 14,5 Prozent. Die rund 7600 Einwohner zählende Gemeinde Calden hält 3 Prozent. Sie hatte ursprünglich 6 Prozent besessen, 2018 aber je 1,5 Prozent zur Entlastung an Stadt und Landkreis abgeben.

Das Land stehe weiter fest zu dem Flughafen, sagt Martin Worms, hessischer Finanzstaatssekretär und Aufsichtsratschef der Flughafen GmbH Kassel. Der Airport schaffe Arbeitsplätze, sei Industriestandort und sorge für Steuereinnahmen. «Der Flughafen ist eine langfristige Investition, die auch Rückschläge hinnehmen musste», so Worms. Das sei bei einem Infrastrukturprojekt dieser Größe normal.

«30 000 Flugbewegungen, steigende Passagierzahlen, rund 1100 Beschäftigte bei rund 40 Unternehmen am Standort, das klimaneutrale interkommunale Gewerbegebiet: Es gibt mehr als genug gute Gründe, die für den Flughafen und seine weitere Entwicklung sprechen.»

Auch der Landrat des Landkreises Kassel, Andreas Siebert (SPD), und Kassels Noch-Oberbürgermeister Christian Geselle (parteilos, zuvor SPD) halten die Investition in den Airport nach wie vor für richtig. Er setze wichtige Impulse für die wirtschaftliche Entwicklung der Region.

Für die Gemeinde Calden sei der Flughafen immer gesamtheitlich mit dem bereits bestehenden und künftigen Gewerbegebiet zu bewerten, sagt Bürgermeister Maik Mackewitz (parteilos). Die Reduzierung der Anteile sowie weitere Vereinbarungen mit dem Land hätten die jährlichen Belastungen von 1,1 Millionen Euro auf circa 450 000 Euro verringert. «Das ist eine Summe, die die Gemeinde gut tragen kann, da die Steuererträge inzwischen diese Aufwendungen übersteigen.» Zudem sei ein stetiger Anstieg der Arbeitsplätze zu beobachten.

Ebenfalls noch überzeugt ist Roland Koch (CDU), dessen Vorzeigeprojekt der Flughafen in seiner Zeit als hessischer Ministerpräsident war: «Kassel profitiert seit der Wiedervereinigung wirtschaftlich sehr stark. Das liegt gerade auch an der Verkehrsanbindung», erklärt er. «Da der alte Flughafen zu klein war, war die Entscheidung für den Regionalflughafen als Investition in die Zukunft Nordhessens geboten.»

Wenn man die Kosten mit dem Aufwand für Schiene oder Straße vergleiche, seien sie durchaus angemessen, «zumal der Flughafen Arbeitsplätze und Steuereinnahmen sichert.» Dass Regionalflughäfen in ganz Europa Zuschüsse brauchten, mache sie nicht überflüssig. «Umso erfreulicher, dass die Defizite rückläufig sind», so Koch.

«Der Flughafen hätte nie gebaut werden müssen», sagt hingegen die Luftfahrtexpertin Yvonne Ziegler. «Es gibt genug Regionalflughäfen in Deutschland. Und die Nähe zu Frankfurt ist einfach sehr groß», erläutert die Professorin für Betriebswirtschaft mit besonderem Schwerpunkt Luftverkehrsmanagement an der Frankfurt University of Applied Sciences. Ziegler sieht wenig Perspektive für die Entwicklung des Airports - er stagniere leider auf relativ niedrigem Niveau.

Es sei dem Flughafen zwar gelungen, einige Airlines zu gewinnen. «Die durchschnittlich etwa sechs Abflüge pro Woche reichen aber bei Weitem nicht aus, um ihn kostendeckend zu betreiben.» Zwar sei sicherlich ein gewisser Beschäftigungseffekt eingetreten. «Aber mit den fünf Millionen Euro, die der Flughafen jährlich verschlingt, ließen sich vermutlich auch viele andere Dinge tun, die Arbeitsplätze schaffen würden.»

«Dieser Airport ist ein Fass ohne Boden, in dem bereits über 300 Millionen Euro Steuergeld versenkt wurden - Tendenz weiter steigend», sagt Joachim Papendick, Vorsitzender des Bundes der Steuerzahler Hessen. Die anfangs enthusiastischen Vorhersagen von im Idealfall bis zu einer Million Passagiere pro Jahr seien an der Realität zerschellt. «Selbst der 'Worst Case' der Planungsphase mit immer noch über 300 000 Fluggästen wurde nie auch nur annähernd erreicht.»

Papendick kritisiert, Anteilseigner und insbesondere die Landesregierung hätten sich die Lage immer wieder schöngerechnet. «Mit der parteiübergreifenden Realitätsverweigerung muss endlich Schluss sein», fordert er. Die nächste Landesregierung müsse den Flughafen und seine Kosten vorbehaltlos prüfen und endlich Konsequenzen ziehen. «Alternativszenarien zum einfachen 'Weiter so' dürfen nicht länger ausgeschlossen werden.»