Ex-Pfarrer Jung: Liebe statt Zölibat - was sagt die Kirche?
Sascha Jung tauscht sein Priesteramt gegen Familienglück. Welche Zweifel haben ihn dahin geführt? Wie geht die Debatte über den Zwang zur Ehelosigkeit katholischer Pfarrer weiter?
Flörsheim/Limburg (dpa) - Zwangsverzicht auf Ehe, Sex, Familie? Immer wieder machen Priester Schlagzeilen, die am Zölibat verzweifeln, so wie jüngst Pfarrer Andreas Unfried in Oberursel im Taunus. Nach 37-jähriger Dienstzeit verzichtet er auf seine Pfarrei wegen der Liebe zu einer Frau, die er heiraten will. Ein anderes Beispiel ist Sascha Jung: Bis 2019 Pfarrer in Flörsheim am Main, ist er heute verheiratet, zweifacher Vater, Sparkassenfilialleiter und örtlicher Karnevalschef. Welche Irrungen und Wirrungen hat der 51-Jährige erlebt?
«Meine strukturelle Kritik hat mich aufgerieben»
«Ich habe Ehelosigkeit versprochen, aber keine Lieblosigkeit», sagt Jung. Er habe als Pfarrer in Limburg und Flörsheim zunehmend an der katholischen Kirche gezweifelt: «Meine strukturelle Kritik hat mich aufgerieben.» Seinen Verzicht auf Frau und Familie habe er daher zunehmend infrage gestellt.
Als Kaplan in Limburg am Bischofssitz des damaligen umstrittenen Oberhirten Franz-Peter Tebartz-van Elst hat Jung nach eigenen Worten Obrigkeitsdenken, Ellbogenmentalität und sogar eigene Bespitzelung erlebt. 2013 sei ihm der Absprung nach Flörsheim als Pfarrer gelungen. Doch dort hätten die Zweifel nicht aufgehört: «Auch der Missbrauchsskandal der katholischen Kirche zum Beispiel hat bei mir Verwundungen hervorgerufen», ergänzt Jung.
Auszeit vor Ausstieg
2019 hat sich Jung ein halbes Jahr vom heutigen Limburger Bischof Georg Bätzing beurlauben lassen, um seinen weiteren Lebensweg abzuwägen - dann ist er aus dem Priesteramt ausgestiegen. «Die, die mich in der Gemeinde als aufmüpfig erlebt hatten, waren erleichtert», erinnert sich der Theologe. «Die Mehrheit bestärkte mich aber, konnte es nachvollziehen und war traurig.»
Nach seinem Abschied vom Priesteramt 2019 hat sich Jung nach eigenen Worten recht rasch in seine heutige Ehefrau verliebt. Inzwischen haben sie zwei Söhne, vier und sechs Jahre alt. «Das Gefühl, von der Hebamme sein eigenes Kind in den Arm zu bekommen, ist ein Gefühl von Gottesnähe und Dankbarkeit, wie man es nicht bei der Eucharistie erlebt», sagt Jung.
«Priesterkinder»
Seine Frau habe ihren Nachnamen behalten und auch den Söhnen weitergegeben - sie sollten nicht mit seinem Nachnamen als «angebliche Priesterkinder» geschmäht werden, erklärt der Sparkassenleiter, der in jungen Jahren eine Banklehre gemacht hat.
Edgar Büttner von der katholischen Reformbewegung «Wir sind Kirche» sagt, seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) seien um die 2.000 Priester im deutschsprachigen Raum meist wegen Heirat aus ihrem Beruf gegangen. Auch wegen des Zölibats sinke in Deutschland die Zahl der Priester.
«Die Kirche verliert an Glaubwürdigkeit»
«Wir sind Kirche» sei nicht pauschal gegen den Zölibat. «Jesus hat ihn wohl gelebt», sagt Büttner. Aber ein Pflichtzölibat sei unnötig. Bei der Suspendierung eines Pfarrers wegen einer Frau gebe es nur Verlierer: «Der Priester verliert seinen Beruf, die Gemeinde verliert ihren Priester und die Kirche verliert an Glaubwürdigkeit.»
Wie verteidigt das Bistum Limburg den Zölibat? Nicht mit scharfen Worten. Stephan Schnelle, Sprecher von Bischof Bätzing, sagt einerseits: «Der Zölibat ist eine wertvolle geistliche Lebensform, die sich an der Lebensweise Jesu orientiert und Ausdruck der Hingabe an Gott und die Menschen ist.»
Es gibt bereits verheiratete Priester
Andererseits sei davon die Frage zu unterscheiden, ob die Ehelosigkeit zwingende Voraussetzung für das Priesteramt sein müsse. «Der verpflichtende Zölibat ist kein Dogma, sondern eine kirchliche Regelung, über die seit langem auch in der Weltkirche diskutiert wird», erklärt Schnelle.
Dabei gehe es nicht um Abschaffung oder Abwertung des Zölibats, sondern um die Frage, ob künftig auch andere Zugänge zum Priesteramt möglich sein könnten. «Verheiratete katholische Priester gibt es bereits heute, etwa in den katholischen Ostkirchen», erläutert der Sprecher. Eine grundlegende Änderung könne allerdings «nur auf weltkirchlicher Ebene entschieden werden».
Auch kritische Stimmen innerhalb der Kirche
Es scheint etwas in Bewegung geraten zu sein. Der jüngst aus Gesundheitsgründen zurückgetretene Bischof von Speyer, Karl-Heinz Wiesemann, etwa hat 2025 als Oberhirte dafür plädiert, den Pflichtzölibat «als Bedingung für den Priesterberuf aufzuheben». Es gebe «einen Verlust vieler sehr guter Leute, die den Zölibat nicht leben können oder wollen.»
Sogar der einstige Papst Franziskus formulierte sinngemäß, der Zölibat könne schon irgendwann abgeschafft werden. 2016 besuchte er sieben Ex-Priester, die ihr Kirchenamt für die Familie aufgegeben hatten. Letztlich änderte der 2025 gestorbene Pontifex aber kirchenrechtlich nichts am Zölibat, ebenso wenig wie bislang sein Nachfolger Leo XIV.
«Der katholischen Kirche geht da so viel verloren.»
Sascha Jung lebt seinen Glauben nach eigenen Worten weiter, etwa mit Gebeten mit seinen Kindern und Orgelspiel in Gottesdiensten oder gelegentlich als Redner bei nichtkirchlichen Hochzeits- und Trauerfeiern. Priester, Ehepartner, Vater, Mutter - alles dies sei eine wichtige und wertvolle Berufung. «Auch eine Mutter könnte eine gute Priesterin sein», sinniert Jung. «Der katholischen Kirche geht da so viel verloren.»