Bildung

Aufstockung von Ganztagsbetreuung in Schule gefordert

Schon der Ist-Zustand ist nicht ausreichend - das sagt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft über die Betreuung von Grundschülern in Hessen am Nachmittag. Der Rechtsanspruch auf einen Platz, der ab dem Jahr 2026 greift, drohe zu scheitern.

Sporttaschen und Schulranzen hängen an der Garderobe vor einem Klassenzimmer. Foto: Christian Charisius/dpa/Symbolbild
Sporttaschen und Schulranzen hängen an der Garderobe vor einem Klassenzimmer.

Frankfurt/Wiesbaden (dpa/lhe) - Zehntausende zusätzliche Plätze und tausende zusätzliche Fachkräfte sind nach Einschätzung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Hessen für die Ganztagsbetreuung von Grundschülern nötig. Ab dem Jahr 2026 beginnt in dem Bereich ein Rechtsanspruch zu greifen. Um diesen zu erfüllen, müsse weitaus mehr investiert werden als bisher geplant, erklärte die Gewerkschaft am Freitag in Frankfurt. Die Landesregierung sieht sich dagegen gut vorbereitet.

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Der Rechtsanspruch gilt ab dem Jahr 2029 für alle vier Klassen der Grundschulen. Berechnungen der GEW zufolge müssen bis dahin rund 49.000 zusätzliche Betreuungsplätze geschaffen werden, wenn die Nachfrage auf dem derzeitigen Niveau verharrt, das die GEW auf 68 Prozent schätzt. Steige sie beispielsweise auf 75 Prozent, wären es fast 67.000 zusätzliche Plätze. Dazu müssten nach Einschätzung der Gewerkschaft mindestens 4800 Erzieherinnen und Erziehern eingestellt werden, bei höherer Nachfrage von 75 Prozent wären es 6550.

Die GEW verwies auf den bereits herrschenden Fachkräftemangel und erklärte, ohne bessere Bezahlung, bessere Arbeitsbedingungen und einen Ausbau der Ausbildungskapazitäten drohe ein Scheitern des Rechtsanspruchs. Auch baulich müssten die Schulen umgestaltet werden, um ein qualitativ hochwertiges Angebot sicher zu stellen.

Die GEW kritisierte, schon der Ist-Zustand bei der Betreuung sei nicht ausreichend. Anstelle eines pädagogischen Angebots gebe es häufig Betreuung etwa durch Sportvereine oder andere örtliche Vereine. Die Qualität der Angebote sei regional sehr unterschiedlich, es gebe häufige Ausfälle. Die Nachfrage nach Plätzen könne zudem nicht erfüllt werden.

Das Land habe keine Übersicht über die Angebote und es stelle sich die Frage, auf welcher Informationsgrundlage die Debatte über die Ganztagsbetreuung überhaupt geführt werde. GEW-Referent Kai Eicker-Wolf berichtete von vergeblichen Bemühungen, bei den Schulträgern Auskunft über das eingesetzte Personal, den Umfang dessen Beschäftigung und die Qualifikation zu erhalten. Das Land müsse die Beschäftigung des pädagogischen Personals gänzlich übernehmen, anstelle Geld an Fördervereine zu zahlen, die dann Personal einstellten - woraus oft prekäre Beschäftigung entstehe.

Das Kultusministerium unterstrich auf Anfrage seine enge Zusammenarbeit mit den kommunalen Schulträgern. Zuletzt sei die Unterstützung für die Schulen verstärkt worden. So stehe jedem staatlichen Schulamt ab nächstem Schuljahr eine volle Stelle zur Ganztagsfachberatung der Schulen zur Verfügung. Schul- und Jugendhilfeträger erhielten weitere fast 300 Millionen Euro für bauliche und räumliche Investitionen. Grundschulen mit der intensivsten Betreuung (Profil 3) könnten künftig bis zu 45 Prozent Zuschlag zur Grundunterrichtsversorgung erhalten.

«Mehr als 70 Prozent der öffentlichen Grundschulen in Hessen verfügen inzwischen über Ganztagsangebote. Fast 80 Prozent sind es zusammen mit den öffentlichen weiterführenden Schulen», erklärte das Ministerium. Dafür seien 4300 Stellen für Lehrkräfte und pädagogisches Personal geschaffen worden, im neuen Schuljahr kämen weitere 350 dazu. Für jedes Schuljahr sei eine Steigerung geplant. Die personelle Ausstattung sei allerdings «in Zeiten eines allgemein hohen Bedarfs an Fachkräften» eine Herausforderung, räumte das Ministerium ein.

Von einem verantwortungslosen Blindflug, der umgehend beendet werden müsse, sprach die SPD-Fraktion im hessischen Landtag. «Derzeit erfüllten von den über 1100 hessischen Grundschulen gerade einmal 442 den Rechtsanspruch», erklärte die Abgeordnete Nina Heidt-Sommer. Sie forderte räumliche, personelle und finanzielle Rahmenbedingungen für die Ganztagsbetreuung sowie klare Mindeststandards. Auch die FDP-Fraktion forderte stärkere Anstrengungen der schwarz-grünen Landesregierung, wie etwa die Aufwertung der Tätigkeiten von Lehrkräften und Erzieherinnen und eine flächendeckende Vergütung der Erzieherausbildung.