Hessens Hochmoore sitzen auf dem Trockenen
Hitze und ausbleibender Regen setzen den letzten hessischen Hochmooren zu. Renaturierung allein stößt an ihre Grenzen. Was dennoch Hoffnung macht.
Schotten (dpa/lhe) - Der Dürresommer hat Mensch und Natur arg zugesetzt. Besonders empfindlich sind Hochmoore, die für ihr Überleben auf viel Niederschlag angewiesen sind. Bleibt der in Form von Schnee oder Regen über längere Zeit aus, geraten diese Lebensräume unter Druck.
In Hessen gibt es nur noch zwei Hochmoor-Vorkommen: das Rote Moor in der Rhön und die Breungeshainer Heide im Vogelsberg. Hochmoore erhalten ihr Wasser allein aus Niederschlägen. Jahre mit geringen Niederschlagsmengen, langen Trockenphasen und erhöhter Verdunstung durch hohe Temperaturen wirken sich nach Angaben des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) auf den Wasserhaushalt dieser empfindlichen Gebiete besonders stark aus.
So wenig Wasser wie seit Jahren nicht mehr
Im Hochmoor Breungeshainer Heide im Vogelsberg ist die Trockenheit dieses Jahres deutlich zu spüren. «So wenig Wasser wie in diesem Jahr hatten wir hier seit Jahren nicht mehr», sagt Johannes Euler, Leiter des Naturschutzgroßprojektes Vogelsberg.
Die Zahlen machen deutlich, wie angespannt die Lage ist: Bislang sind in dem Gebiet am Hoherodskopf nach Eulers Angaben rund 600 Liter pro Quadratmeter gefallen. Für den Erhalt eines Hochmoores sind nach einer Faustregel mindestens 1.300 Liter im Jahr nötig.
Entscheidend sei zudem nicht nur die Gesamtmenge, sondern auch, wann der Regen fällt. Es nütze dem Hochmoor nichts, wenn es beispielsweise zwischen Oktober und April 1.500 Liter bekomme und dazwischen praktisch nichts.
Torfabbau und Entwässerung
Die Verletzlichkeit des Hochmoores ist auch eine Folge jahrhundertelanger menschlicher Eingriffe zum Torfabbau und zur Entwässerung. Seit rund zehn Jahren wird versucht, das nur etwa vier Hektar große Hochmoor wieder zu stabilisieren. Spundwände und weitere Maßnahmen sollen das Wasser zurückhalten und verhindern, dass die Fläche zu schnell austrocknet.
Seit kurzem sind auch Maßnahmen angelaufen, das Wasser in einem Niedermoorbereich nordöstlich der Breungeshainer Heide länger zu halten und an einem raschen Abfließen zu hindern. Erste Erfolge zeigen sich dort Euler zufolge bereits. Anders als Hochmoore haben Niedermoore eine Verbindung zum Grundwasser, Fließgewässern oder Tümpeln.
«Wir kommen an unsere Grenzen»
Doch ungeachtet aller Schutzmaßnahmen ist klar: Das Hochmoor kann nicht vom Regen unabhängig werden. «Wir kommen hier an unsere Grenzen», sagt Förster Marcus Engel, Naturschutz-Experte des Forstamtes Schotten. «Wir sind auf Niederschlag angewiesen. Wenn der in den Sommermonaten ausbleibt oder weniger wird, werden auch die Renaturierungsmaßnahmen nicht voll wirksam sein.»
Der Blick der Naturschützer richtet sich deshalb auf die nächsten Monate. «Wir brauchen jetzt einen niederschlagsreichen Winter», sagt Euler. Die Renaturierung und der Einbau von Spundwänden könne zwar dazu beitragen, das wertvolle Wasser länger in der Fläche zu halten. Aber: «Der Rest muss von oben kommen.»
Ein Jahr für einen Millimeter
Die Renaturierung von Mooren ist ein Langzeitprojekt, dessen Erfolg vermutlich erst kommende Generationen beurteilen können. «Es dauert ungefähr ein Jahr, bis sich eine Torfschicht von einem Millimeter bildet», sagt Euler.
Moore sind nach Angaben des HLNUG wichtige Kohlenstoffspeicher. Torf entsteht, wenn Pflanzenreste unter dauerhaft nassen und sauerstoffarmen Bedingungen nur unvollständig zersetzt werden. Der darin enthaltene Kohlenstoff kann so über Jahrtausende gebunden bleiben.
Trocknet die Torfschicht aus, können Mikroorganismen die organische Substanz schneller abbauen. Dabei wird nach Angaben des Landesamtes in großem Umfang Kohlendioxid freigesetzt. Längere Hitze- und Trockenperioden gefährden damit nicht nur den Wasserhaushalt und die typische Vegetation der Moore, sondern können auch deren Funktion als CO2-Speicher beeinträchtigen.
«Potenzielle Klimaverlierer»
«Nicht von ungefähr führt das HLNUG Hochmoore auf der Liste der durch den Klimawandel potenziell beeinträchtigten Lebensraumtypen Hessens oder kurz: der «potenziellen Klimaverlierer»», betont das Landesamt. Seit einigen Jahren werden bei der Umsetzung des «Klimaplans Hessen 2030» viele der alten Schutzmaßnahmen erneuert.
Bereits seit Anfang der 1980er bemühen sich in der Rhön Naturschützer um die Renaturierung des Roten Moores. In diesem Sommer halfen dort nach Angaben des Biosphärenreservats Dutzende Freiwillige bei Projekten zur Wiedervernässung mit.
Erstaunlich robust
Neben dem gestiegenen Verständnis für die Bedeutung der Hochmoore und der Arbeit engagierter Naturschützer gibt es einen weiteren Grund, der Hoffnung macht: Die Lebensräume haben die Fähigkeit, sich zu erholen, wie Euler betont. «Wenn es im nächsten Jahr mehr regnet, kann das Hochmoor wieder wachsen.» Die Naturschützer im Vogelsberg haben in der Vergangenheit beobachtet, dass sich das Moorgebiet an der Breungeshainer Heide in regenreichen Jahren zu erholen beginnt.
Sobald es genug regnet, saugen sich die Torfmoose - die eher unscheinbaren Torfbaumeister im Moor - mit Wasser voll. «Die sind wie ein Schwamm», erklärt Euler. Und statt in blasser Farbe leuchten sie dann in einem satten Grün oder in Rot.