Hunde als Eisbrecher – Soziales Training im Jugendarrest
Leckerlis, Hürden und eine Portion Mut: Junge Straftäter lernen mit Labradoren, dass Vertrauen und Geduld mehr bringen als Strafen.
Gelnhausen (dpa/lhe) - Das Leckerli ist das A und O. Bei jeder gelungenen Übung halten Omar und Noah ihren beiden Trainingshunden die Belohnung hin. Die beiden Labradore Koda und Louie können es kaum abwarten. Klar ist: Sie haben sich ihr Leckerli verdient. Und auch für Omar und Noah, die mit den Hunden auf einer Grünfläche hinter einem hohen, mit Stacheldraht bewehrten Zaun üben, gibt es Lob.
«Das sieht schon ganz gut aus», sagt Angelika Simon. Seit fünf Jahren bietet die Geschäftsleiterin der Jugendarresteinrichtung (JAE) im Main-Kinzig-Kreis nach Dienstschluss soziales Training mit Hunden für die Insassen an. «Der Sinn und Zweck des Trainings ist ganz einfach: Die Hunde agieren als Eisbrecher», erklärt sie. «Durch das Training kommt man besser an die jungen Menschen heran. Ein Hund kann ihnen wieder Selbstbewusstsein und ein gutes Selbstwertgefühl geben.»
Ein Musterschüler, ein Sturkopf und eine Rakete
Simon ist neben ihrem Job ehrenamtlich Vorsitzende der Rettungshundestaffel Main-Kinzig und hat einen engen Bezug zu Hunden. Ihre vierbeinigen Helfer bei dem Training sind die drei Labradorhunde Koda, Malouk und Louie. Alle drei sind ausgebildete Rettungs- und Therapiehunde. Die Ausbilderin hat jedem einen Spitznamen verpasst: Koda ist der «Musterschüler», Malouk der «Sturkopf» und Louie die «Rakete». Vor jedem Training überlegt sie, welcher Hund zu welchem Jugendlichen passen könnte.
Koda und Louie sind mit sichtlich großer Begeisterung bei der Sache und lassen sich von den beiden 19-Jährigen über einen Parcours führen, durch einen Spieltunnel und über eine Wippe schicken. Auf Kommando umkurven sie Plastikegel, springen über Hürden und balancieren über eine Sprossenbrücke. Malouk schaut entspannt zu.
Noah hat beim Hürdenlauf anfangs etwas Probleme mit Louie. Die «Rakete» kann es nicht abwarten und läuft zu früh los. Also neuer Versuch. «Ihr müsst konsequent sein», rät Trainerin Simon den beiden 19-Jährigen. Diesmal klappt es besser. Noah grinst zufrieden und gibt seinem Schützling ein Leckerli.
Nur positive Verstärkung funktioniert
«Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernen bei dem Training mit den Hunden, dass man mit Strafen, Gewalt und Druck nicht weiterkommt, sondern dass hier alles nur mit positiver Verstärkung funktioniert», erläutert die Ausbilderin. «Sie müssen zuhören, zuschauen und umsetzen, was für viele schon eine große Herausforderung darstellt.»
Noah erhofft sich von dem Training praktische Tipps für den Umgang mit seinem Husky, der nach seiner Entlassung wieder auf ihn wartet. Und er freut sich über die Abwechslung im Arrestalltag. «Alles ist besser als Zelle», sagt er mit Nachdruck. «Hauptsache, man ist nicht allein in dem kleinen Raum und hat Kontakt zu anderen Menschen und zu einem Hund.» Vier Wochen muss er wegen Diebstahls in der JAE verbringen. Omar ist wegen gefährlicher Körperverletzung und Verstoßes gegen das Waffengesetz in der JAE.
Positive Wirkung über das Training hinaus
«Während des Trainings vergessen die Teilnehmer oft die anderen Probleme, die sie belasten, und bauen schnell eine Beziehung zu "ihrem" Hund auf», weiß Simon aus jahrelanger Erfahrung. «Sie reißen sich zusammen und fiebern dem nächsten Training entgegen.» Das Üben auf dem Freigelände wirke sich fast immer positiv auf das Verhalten der jungen Leute in den Arresträumen aus.
Die JAE Gelnhausen ist nach Angaben des Justizministeriums zuständig für den Arrestvollzug von in Hessen verurteilten oder gemeldeten Jugendlichen im Alter von 14 bis 18. Und auch für Heranwachsende im Alter von 19 Jahren und älter, «die aufgrund ihrer Reifeentwicklung noch einem Jugendlichen gleichzusetzen sind».
Verantwortung für sich selbst und andere übernehmen
Je nach Gerichtsbeschluss kann die Dauer eines Jugendarrests zwischen 2 Tagen (Freizeitarrest) und 1 bis 4 Wochen (Dauerarrest) variieren. Durch das Training mit Hunden lernen die jungen Menschen nach Ansicht von Justizminister Christian Heinz (CDU), Verantwortung für sich selbst und auch für ein anderes Lebewesen zu übernehmen. Diese Erfahrung könne ihnen helfen, den richtigen Lebensweg einzuschlagen.
Soziales Training mit Hunden beziehungsweise der Einsatz von Therapiehunden werden laut Ministerium auch für erwachsene Strafgefangene in den Justizvollzugsanstalten Fulda, Schwalmstadt, Rockenberg und Frankfurt III angeboten. In Limburg und Schwalmstadt gibt es Projekte mit sogenannten Besuchs- und Begleithunden.
«Ich versuche, immer sehr positiv mit den jungen Menschen umzugehen. Sie sollen merken, dass ich sie für wertvolle und gleichwertige Menschen und nicht für "Knackis" halte», betont Ausbilderin Simon. «Mir ist in den gesamten fünf Jahren, in denen ich das Training hier im Jugendarrest anbiete, noch nie jemand aggressiv begegnet. Und ich habe auch noch nie erlebt, dass jemand einen Hund schlecht behandelt hat.»
«Dafür würden wir noch mal freiwillig reinkommen»
Noah und Omar haben viel Spaß bei dem Training. Auf die schiefe Bahn, so betonen sie, wollten sie nie wieder geraten. Wenn sie wieder in Freiheit sind, werden sie allerdings die Stunden mit Koda und Louie vermissen. «Dafür würden wir sogar noch mal freiwillig reinkommen», sagen sie übereinstimmend.