Jagdzeit vorbei - doch Streit um Wölfe schwelt weiter
Die beiden Jungwölfe von Greifenstein entkamen der Jagd, doch Jäger und Weidetierhalter berichten von Anfeindungen und Druck. Kann die Schonzeit zur Beruhigung beitragen?
Greifenstein (dpa/lhe) - Die Jagdzeit für zwei Jungwölfe in der Region Greifenstein ist vorbei - doch in der Region bleibt das Thema heftig umstritten. Während Jäger von Anfeindungen und Weidetierhalter von Druck durch verschiedene Interessengruppen berichten, hofft das an den Landesbetrieb HessenForst angegliederte Wolfszentrum darauf, «dass sich der Umgang mit dem Wolf normalisiert». Doch kehrt mit der Schonzeit wirklich Ruhe ein?
Am vergangenen Samstag (31. Oktober) war die diesjährige Jagdzeit abgelaufen, ohne dass die beiden jungen Wölfe aus dem Territorium im Lahn-Dill-Kreis erlegt worden wären, wie ein Sprecher des Regierungspräsidiums Kassel der Deutschen Presse-Agentur sagte. Im kommenden Jahr muss nun vor Beginn einer neuen Jagdzeit eine neue Bewertung erfolgen. Dabei werden Prognosen zum erwarteten Nachwuchs zugrunde gelegt, wie ein HessenForst-Sprecher sagte.
Drei Umweltverbände fochten Abschussfreigabe an
Erst Ende September hatte der Hessische Verwaltungsgerichtshof nach einem juristischen Tauziehen endgültig grünes Licht für den Abschuss der beiden Jungwölfe gegeben und damit die Beschwerden dreier Umwelt- und Naturschutzvereinigungen zurückgewiesen. Sie waren mit Eilanträgen gegen zwei vorherige Beschlüsse des Verwaltungsgerichts Kassel vorgegangen, um Abschüsse zu verhindern.
Erleichterung bei Umweltverbänden
Darunter waren die Naturschutz-Initiative (NI) Deutschland und der BUND. «Natürlich sind wir erleichtert, dass der Abschuss der Jungwölfe nicht gelungen ist», sagte die stellvertretende NI-Bundesvorsitzende Gabriele Neumann. Sie verwies auch auf den noch ausstehenden potenziellen Abschuss eines erwachsenen Wolfsrüden in der Region zur Schadensabwehr. Nach mehreren Rissvorfällen im Wolfsterritorium Greifenstein war darauf hingewiesen worden, dass für ihn das Bundesjagdgesetz greife, das die entsprechende Rechtsgrundlage bilde. «Bei erfolgreicher Ausführung dieser genehmigten Abschüsse wäre das Rudel praktisch erloschen», so Neumann.
Vom BUND hieß es, Wolfswelpen rissen keine Schafe oder andere Nutztiere, «und ihr Abschuss hätte keinen Beitrag zur Verbesserung der Koexistenz zur Folge gehabt». Ob man erneut klagen werde, lasse sich noch nicht sagen. «Dazu müssen wir erst die Entwicklung abwarten.»
Weiteres Vorgehen noch offen
Basis für den eigentlich geplanten Abschuss der Jungwölfe war eine Allgemeinverfügung des RP Kassel zum «revierübergreifenden Managementplan für das Land Hessen im Jagdjahr 2026/2027». Sie hatte für die Jagdzeit vom 1. Juli bis 31. Oktober im Lahn-Dill-Kreis den Abschuss von insgesamt vier Jungwölfen erlaubt. Weil auf diese Zahl zwei tot aufgefundene Wölfe angerechnet wurden, galt die Abschussfreigabe für zwei Jungwölfe.
NI-Bundesvize Neumann kritisierte den Plan. Es handele sich um «eine verwaltungsinterne Vorschrift, in der konkrete Vorgaben zu Jagd und Artenschutz fehlen». Damit sei er nicht geeignet, die Jagd auf den Wolf und dessen Schutz überhaupt zu regeln. Laut offiziellen Daten der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes sei eine Stagnation der Wolfspopulation in Deutschland festzustellen. Die Anzahl der Wölfe in Hessen sei «kaum nennenswert», so Neumann. «Von daher sehen wir keine Grundlage für die erneute Planung und Genehmigung von Wolfsabschüssen.» Sollte es erneut dazu kommen, werde man dies genau prüfen. Je nach Ergebnis erwäge die NI auch wieder eine Klage.
Jäger beklagen Anfeindungen
Derweil hält es ein Sprecher des Landesjagdverbandes Hessen für wenig überraschend, dass die Tiere innerhalb des vorgegebenen Zeitraums nicht erlegt wurden. Zum einen würden Wölfe generell nur selten von Jägern gesichtet. Hinzu komme, dass Jäger teils öffentlich angefeindet würden, deshalb Sorge hätten, mit einem Abschuss in Verbindung gebracht zu werden und sich zurückhielten. In sozialen Netzwerken kursierten teils Bilder, die «unter die Gürtellinie» gingen, und Vorwürfe, die Jäger wollten den Wolf «auslöschen», was man zurückweise.
Aus den Revieren sei teils auch berichtet worden, dass zu gemeinsamen Waldspaziergängen aufgerufen werde, sodass teils auch nachts zahlreiche Menschen im Wald unterwegs seien und andere Jagden gestört würden. Wer sich an solchen Aktionen beteilige, solle bedenken, dass auch anderen Wildtieren damit geschadet werde, «die ja gar keinen Rückzugsort mehr finden».
Schafhalter fühlen sich «belagert»
Auch die Weidetierhalter der Region sehen sich unter wachsendem Druck, wie Kristin Loh, Geschäftsführerin des Hessischen Verbandes für Schafzucht und -haltung, sagte. Neben den Jägern würden teils auch Weiden «belagert». Es gebe auch Fälle, in denen selbst ernannte Wolfsschützer Weidezäune kontrollierten und die elektrische Spannung überprüften. In sozialen Netzwerken geteilt würden aber nur Fälle, in denen noch Verbesserungspotenzial bestehe, kritisierte Loh. Dass aber Übergriffe des Greifensteiner Wolfsrüden ganz überwiegend auf wirklich gut geschützten, über den Grundschutz oder den zumutbaren Herdenschutz hinausgehenden Weiden passiert seien, «darüber spricht keiner», sagte Loh.
So habe ein Wolf bei einem der jüngsten Rissvorfälle einen 1,20 Meter hohen Zaun mit Flatterband und Blinklichtern überwunden - «und das direkt hinterm Ort», sagte Loh. «Mehr kann man nicht machen, außer seine Tiere aufzustallen.» Es gehe um Weidetiere, denen man die artgerechteste Haltung bieten wolle, die es gebe: Freiland mit Weidegang. «Ich finde, da kann man, da muss man was tun, damit wir das auch weiterhin so darstellen können, weil das ist von der Gesellschaft eigentlich gewollt.»