Hilfe für Mütter in Not

«Jeder Fall ist einzigartig» - 25 Jahre Babyklappe in Hessen

Vor einem Vierteljahrhundert öffnete die erste Babyklappe Hessens. Was seitdem alles passiert ist - und warum das Konzept auch als umstritten gilt.

Hinter der Tür zur Babyklappe befindet sich ein vorgewärmtes Bettchen. Foto: Andreas Arnold/dpa
Hinter der Tür zur Babyklappe befindet sich ein vorgewärmtes Bettchen.

Hanau (dpa/lhe) - Ein Fenster, das per Knopf geöffnet werden kann, dahinter ein Babybett, vorgewärmt auf 37 Grad. Auf der bunten Decke liegt ein kleiner Teddybär und ein Brief mit der Aufschrift «An die Mutter». Am St. Vinzenz-Krankenhaus in Hanau können seit einem Vierteljahrhundert Neugeborene anonym abgegeben werden, in der damals ersten Babyklappe Hessens. 

«Jeder Fall ist einzigartig und berührt mich», sagt Krankenschwester und Seelsorgerin Annette Biecker, die seit den Anfangstagen dabei ist. Wenn da ein Kind liege, und vielleicht noch blutig sei von der Geburt, deren Umstände man nicht kenne, «da sehe ich einfach die Not dahinter».

Der Träger der Babyklappe, der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in Fulda, betreibt landesweit drei Babyklappen, auf Hanau folgten binnen eineinhalb Jahren noch Fulda und Kassel. Seitdem wurden an den drei Standorten 54 Kinder abgegeben, davon 27 in Hanau. Weitere Babyklappen gibt es etwa in Bad Homburg oder in Korbach. 

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Erstes Hanauer Babyklappen-Kind kam an einem Januarmorgen

Die bundesweit erste Babyklappe wurde im Jahr 2000 in Hamburg eröffnet. Am 19. September 2001 kam dann in Hanau die Erste in Hessen. Auf die Idee seien sie gekommen, weil man damals immer wieder in der Presse von ausgesetzten Babys gelesen habe, sagt Marion Meister vom SkF. Nach einigen behördlichen Hürden habe es schließlich geklappt. Allerdings sollte es noch rund vier Monate dauern, bis das erste Baby in Hanau abgegeben wurde. 

«Jeder Fall ist einzigartig und berührt mich», sagt Krankenschwester Annette Biecker. Foto: Andreas Arnold/dpa
«Jeder Fall ist einzigartig und berührt mich», sagt Krankenschwester Annette Biecker.

Mit-Initiatorin Jutta Berg - damals Pflegedirektorin und seit zwei Jahren in Rente - erinnert genau: Das Mädchen sei an einem Januarmorgen nach einer eiskalten Nacht abgegeben worden. «Da waren viele Emotionen hier im ganzen Haus», sagt die 66-Jährige. Alle seien voller Euphorie gewesen. 

Aber wie genau funktioniert die Babyklappe? 

Nachdem ein Baby abgelegt wird, geht sofort ein Alarm an, das Kind wird in Empfang genommen und medizinisch versorgt. Über den SkF wird dann schnell nach passenden - und bereits geschulten - Adoptiveltern gesucht. Meist bekommt das Kind schon in der Klinik einen Namen, den die Adoptiveltern manchmal als Zweitnamen behalten, wie Berg sagt.

Manchmal würden auch Kuscheltiere oder persönliche Gegenstände mit abgegeben, erklärt Schwester Annette. Einmal sei ein Brief dabei gewesen, mit den Worten: «Kümmert euch gut um sie, ich kann es nicht».

«Liebe Unbekannte (...) Wir respektieren Ihre Entscheidung» 

In dem Schreiben, das wiederum für die leibliche Mutter in der Babyklappe hinterlegt ist, wird diese mit «Liebe Unbekannte» angeschrieben. «Wir respektieren Ihre Entscheidung und möchten Ihnen helfen.» Das Kind komme in eine sorgfältig ausgewählte Familie, und werde «ein geliebtes Kind» sein. Zugleich könne sich die Mutter jederzeit - auch anonym - beim SkF melden, etwa wenn sie Hilfe benötige, dem Kind Informationen zur Herkunft mitgeben oder die Entscheidung rückgängig machen wolle. 

In der Babyklappe liegt auch ein Brief für die leibliche Mutter zum Mitnehmen. Foto: Andreas Arnold/dpa
In der Babyklappe liegt auch ein Brief für die leibliche Mutter zum Mitnehmen.

In dem Brief steht aber auch, dass die Adoption nach etwa einem Jahr nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Zugleich bestehe auch nach vielen Jahren die Möglichkeit, das Kind kennenzulernen. Laut der Initiatorinnen wurden zwei Kinder aus der Hanauer Babyklappe wieder zu ihren leiblichen Eltern zurückgebracht, die sich beim SkF gemeldet hatten. 

Babyklappen-Kinder sollen zusammengebracht werden

Und generell wird auf Transparenz gesetzt. So können die Adoptiveltern gemeinsam mit ihrem Kind die Babyklappe besuchen und die Einrichtung kennenlernen. Sie habe Kindern, die hier einst abgegeben worden seien, schon das Bettchen in der Klappe gezeigt und die Wärme fühlen lassen, erklärt Berg. Auch um ihnen zu verdeutlichen, dass dies ein Ort der Geborgenheit sei. 

Der SkF in Fulda, der die Adoptionen vermittelt, begleitet danach die neuen Familien. Es gibt Ansprechpartner und es werden Treffen organisiert, wie ein Sommerfest mit den Adoptionsfamilien. Geplant sei auch, Jugendliche zusammenzubringen, die einst Babyklappen-Kinder waren. Das sei wichtig, um zu sehen, «dass sie nicht alleine sind mit ihrem Lebenslauf», sagt Berg. «Sondern dass es eine ganze Community gibt, die das gleiche Schicksal hat.»

Ethikrat empfahl Schließung

Allerdings gelten Babyklappen auch als umstritten. Kritiker bemängeln, dass das Konzept das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft verletzt. Seit 2014 gibt es etwa auch die Möglichkeit der vertraulichen Geburt. In einer Stellungnahme empfahl der Ethikrat bereits 2009 eine Schließung der Klappen. Die Angebote anonymer Kindesabgabe seien ethisch und rechtlich sehr problematisch, insbesondere weil sie das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft und auf Beziehung zu seinen Eltern verletzten, hieß es. 

«Jeder Fall ist einzigartig und berührt mich», sagt Krankenschwester Annette Biecker. Foto: Andreas Arnold/dpa
«Jeder Fall ist einzigartig und berührt mich», sagt Krankenschwester Annette Biecker.

Ein Punkt, den auch der Kinderschutzbund Hessen kritisch sieht. «Grundsätzlich begrüßen wir, dass es Babyklappen gibt», sagt Vorsitzende Silke Arnold. «Aber die abgelegten Kinder haben keinerlei Möglichkeit, herauszufinden, wer ihre leiblichen Eltern sind.» Wünschenswert wäre eine juristische Nachjustierung. Das Leben des Kindes sei natürlich wichtiger als das Wissen um die leiblichen Eltern, erklärt sie. «Aber das Ablegen in eine Babyklappe ist für die Kinder oft eine traumatische Erfahrung, die sie in ihrem Leben begleitet.»

Jutta Berg, die schon so viele abgegebene Kinder betreut hat, sagt, die Frauen seien in einer Not, die es nicht erlaube, das Kind bei sich zu behalten. Die Babyklappe sei eine von vielen Hilfsmöglichkeiten Ja, es gebe ein Recht auf Herkunft, betont die Rentnerin. Aber: «Das Recht auf Leben steht für mich höher».