Keltenfürst gibt auch 30 Jahre nach Fund Rätsel auf
Vor drei Jahrzehnten kam mit dem Keltenfürst vom Glauberg ein archäologischer «Jahrhundertfund» ans Licht. Wen stellt die Sandstein-Statue dar? Bis heute birgt das Fundstück Geheimnisse.
Glauberg (dpa/lhe) - An den folgenreichen Rundflug über die Wetterau im Sommer 1988 erinnert sich Werner Erk noch gut: Eigentlich wollten er und zwei Mitstreiter an jenem Nachmittag von dem Flieger aus Fotos einer Schule machen, die als Geschenk für den Schulleiter zum Abschied in den Ruhestand gedacht waren. «Und dann habe ich gesagt, also wenn wir schon jetzt hier in der Luft sind, dann fliegen wir auch über den Glauberg», erinnert sich der heute 77 Jahre alte Heimatforscher. Von hoch oben fielen Erk ungewöhnliche farbliche Unterschiede in der Vegetation auf, die einen Halbkreis und Linien andeuteten. Er drückte erneut auf den Auslöser und ebnete so den Weg zu einem «Jahrhundertfund» am Glauberg vor 30 Jahren.
Erk sandte seine Fotos an das hessische Landesamt für Denkmalpflege. Der damalige Landesarchäologe Fritz-Rudolf Herrmann gab daraufhin Ausgrabungen in Auftrag, die im Herbst 1994 zur Entdeckung eines Fürstengrabs am Fuße der 276 Meter hohen Erhebung im Wetteraukreis führten. Die eigentliche archäologische Sensation aber war der Fund einer rund 2.400 Jahre alten, lebensgroßen Sandstein-Statue, die am 24. Juni 1996 geborgen und schon bald als Keltenfürst vom Glauberg weltberühmt wurde.
Das «Gesicht» der Kelten in Mitteleuropa
Den Kelten in Mitteleuropa gab die bis auf die fehlenden Füße nahezu unversehrt erhaltene Steinfigur «buchstäblich ein Gesicht», wie es in einer Publikation zum Jubiläum der Entdeckung heißt. Seit gut 15 Jahren wird die Statue in einem eigenen Museum, der Keltenwelt am Glauberg, präsentiert.
Was macht die Entdeckungen, zu denen auch Fragmente von mindestens drei weiteren Statuen gehören, so bedeutsam? Mit ihnen war der Nachweis erbracht, dass der Glauberg nördlichster Fürstensitz der frühkeltischen Zeit in Deutschland war. Zudem galten sie als Beleg, dass die Kelten das erste namentlich bekannte Volk mit ausgeprägter Kultur waren, das in Hessen siedelte.
Parallelen zwischen Statue und Bestattetem
Als einzigartig stuft Keltenwelt-Direktor Marcus Coesfeld auch die Parallelen zwischen der realen Bestattung im Grab und der Statue ein: Die Sandstein-Figur weise Attribute auf, die identisch mit den Grabbeigaben des Bestatteten sind, darunter ein reich verzierter goldener Halsreif und weitere Schmuckstücke, Schwert und Schild. Auch fanden sich Eisendrähte im Grab, die möglicherweise zu einer Blattkrone gehörten, wie sie auch die Sandstein-Statue aufweist und wie sie als Abbildung auch auf anderen keltischen Fundstücken zu sehen ist.
Doch woher kamen die goldenen Grabbeigaben und wie speiste sich der Wohlstand der am Glauberg ansässigen Elite? Drei Jahrzehnte nach dem Sensationsfund sind noch längst nicht alle Geheimnisse um den sagenumwobenen Fürstensitz gelüftet - auch weil es bislang keine schriftlichen Zeugnisse aus jener Kultur gibt. «Es sind ganz viele Dinge, die wir nicht wissen, und wir haben immer noch viele Forschungsfragen offen», sagt Coesfeld. «Es kann auch sein, dass der Bestattete so ausgestattet worden ist wie die Figur, dass die Figur also möglicherweise eine Gottheit, Halbgottheit, einen Helden darstellt und der Bestattete so abgebildet werden sollte.» In einem neuen Forschungszentrum, dessen Eröffnung jetzt für Ende 2029 geplant ist, wollen Coesfeld und sein Team diese und weitere Fragen untersuchen.
Mitentdecker verpasste Augenblick der Bergung
Dass sein Foto einmal zu einem solchen archäologischen Volltreffer führen würde, ahnte Werner Erk nach eigenen Worten seinerzeit nicht - auch wenn es bereits in den 1930er-Jahren Ausgrabungen am Glauberg gegeben hatte. Bei der Ausgrabung der Statue war der pensionierte Berufsschullehrer übrigens nicht selbst zugegen, was ihn bis heute wurmt. «Es war bekannt, die wird um die Mittagszeit geborgen. Und ich Depp bin bis 13.00 Uhr in der Schule geblieben, statt meine Schüler eine Stunde vorher heimzuschicken», sagt er. Nach Unterrichtsschluss sei er ins Auto gesprungen und direkt zur Ausgrabungsstätte gefahren. Dort habe er die Steinfigur dann gerade noch zu Gesicht bekommen - in einem Transporter auf einer Matratze liegend.
«Nachdem man heute die weltweite Einmaligkeit und die Bedeutung dieser Statue einordnen kann, sind das natürlich Geschichten, die einen immer wieder den Atem anhalten lassen», sagt Coesfeld. Wertvolle archäologische Funde werden heute mit höchster Vorsicht, feinsten Werkzeugen und unter Laborbedingungen freigelegt - wie etwa ein erst kürzlich bei Bauarbeiten nahe Bad Camberg im Taunus entdecktes keltisches Fürstengrab.
Auch Protestbewegung trug zur Rückkehr der Statue bei
Für den Keltenfürst vom Glauberg ging es vor 30 Jahren im Transporter zunächst nach Wiesbaden - später sollte die Statue eigentlich im Landesmuseum Darmstadt präsentiert werden. Doch auch eine breite Protestbewegung in der Wetterau trug schließlich dazu bei, dass die Figur zurückkehrte an den Glauberg und seither in der Keltenwelt präsentiert werden kann.
Bei seiner Entstehung sei das Museum lediglich «wie ein mittleres Informationszentrum» mit ein paar Regionalfunden ausgestattet worden, sagt Coesfeld. Daraus habe sich mittlerweile ein «echtes Landesmuseum» mit einem 37 Hektar großen archäologischen Park entwickelt. Obendrein steht der Glauberg zusammen mit der Heuneburg - einer vor- und frühgeschichtlichen Höhensiedlung am Oberlauf der Donau in Baden-Württemberg - auf der deutschen Vorschlagsliste für eine spätere Nominierung als Unesco-Welterbe. Das zeigt für Coesfeld: «Die Erwartungen, die man in den Bau dieser Keltenwelt gesteckt hat, sind bei Weitem übertroffen, und die Perspektiven gehen noch deutlich darüber hinaus.»