Kraniche, Störche & Co.: Wo fliegen all die Vögel hin?
Warum bleiben immer mehr Kraniche und Störche im Winter in Hessen? Der Klimawandel verändert das Zugverhalten der Vögel spürbar.
Wetzlar (dpa/lhe) - Bald werden sie wieder zu sehen sein: Die tierischen Symbole für den Abschied des Sommers und die Rückkehr der dunklen Jahreszeit – Zugvögel. «Ab Ende September werden die ersten auffälligen Trupps von Kranichen unterwegs sein», sagt der Ornithologe beim hessischen Landesverband des Naturschutzbunds (Nabu) in Wetzlar, Bernd Petri. Im Oktober beginnt die Hauptreisezeit der bis zu 1,30 Meter großen Tiere. Dann fliegen sie in der typischen V-Formation auch über Hessen hinweg in den Süden - und viele Menschen werden einen Moment innehalten und den Kranichen mit etwas Wehmut hinterherschauen.
Aber vor den Tieren liegt längst nicht mehr so eine weite Reise wie früher. Durch die Klimaerwärmung haben sie es nicht nötig, wie einst bis nach Südspanien oder Nordafrika zu fliegen. Viele der Kraniche überwintern an großen Seengebieten wie zum Beispiel dem Marne-Stausee in Nordfrankreich. Manche fliegen sogar nur bis nach Hessen und verbringen hier den Winter.
«Wenn sie in den Vogelschutzgebieten genügend Nahrung finden, bleiben sie, denn sie sind ja nicht blöd. Schließlich ist Reisen gefährlich», erklärt der Fachmann. So könnten sie etwa in gefährliche Stürme geraten oder beim Zug über das Meer mangels Aufwind im Wasser landen und ertrinken.
Auch Gänse in V-Formation
Gänsezüge werden ebenfalls bald wieder zu sehen sein. Die ersten Tiere sammeln sich laut Petri bereits. Sie fliegen wie die Kraniche in einer V-Formation und können daher leicht mit diesen verwechselt werden. Doch Wildgänse sind kleiner, haben kürzere Beine und stoßen keine trompetenartigen Rufe aus, sondern quäken eher.
Generell sind Vögel dynamische Völkchen, sesshafte Tiere sind selten. Dies betrifft auch die kleinen Singvögel aus dem heimischen Garten wie Stare, Amseln, Meisen und Finken. Die Tiere, die im Winter im Vogelhäuschen futtern werden, sind nicht dieselben, die im Sommer bei Sonnenaufgang zwitschern.
So verbringt zum Beispiel eine Kohlmeise, die im Sommer in Hessen brütete, den Winter wahrscheinlich rund 300 Kilometer entfernt im Westen. Die Kohlmeise im winterlichen Vogelhäuschen kann dagegen zum Beispiel aus Brandenburg angereist sein.
Maurersegler und Schwalben sind Langstreckenflieger
Diese Singvögel gehören damit zu den Kurzstrecke-Reisenden ihrer Art, andere Vögel fliegen Mittelstrecke, manche meistern imposante Langstrecken. Unter anderem Maurersegler und Schwalben fliegen rund 10.000 Kilometer weit bis nach Afrika.
Die Mauersegler haben sich bereits Ende Juli aus Hessen verabschiedet, sie verbringen hier zur Brut ohnehin nur rund drei Monate des Jahres. Erst im Mai werden sie wiederkommen. Die Schwalben sind laut Petri noch da. Aber schon ab Mitte September werden sie sich auf den Weg nach Zentral- oder Südafrika machen.
«Mauersegler und Schwalben sind Insektenjäger, sie könnten im November in Hessen nie satt werden», erklärt Petri den Grund für die weite Reise. Denn beispielsweise im Kongo finden sie in den kommenden Monaten genügend Nahrung.
Auch Vögel vom Klimawandel betroffen
Durch die zunehmend milderen Temperaturen hat sich der Vogelzug in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. «Manche Arten ziehen später, legen kürzere Strecken zurück oder bleiben zunehmend hier», sagt Prof. Simon Thorn von der Staatlichen Vogelschutzwarte in Gießen. Das trifft etwa auf die kleine Mönchsgrasmücke zu, die hier immer häufiger überwintere. Selbst die Weißstörche seien keine Fernreisenden mehr, die sich wie früher im ruhigen Segelflug weit bis nach Afrika treiben lassen. Bereits in Frankreich oder Spanien ist Schluss.
In Hessen sind sie derzeit etwa im Hessischen Ried, rund um Wiesbaden oder in der Wetterau zu sehen. «Das sind alles Altstörche, die es sich in der Nähe von Bioabfallanlagen gemütlich machen und futtern», erklärt Petri. Diese Orte seien für Störche «eine Art sehr attraktive Autobahnraststätte». Auf dem Weg aus Richtung Norden machen die Störche hier Pause, es herrscht ein lebhaftes Kommen und Gehen.
Spektakuläre Jagd
Generell ist Hessen für Vögel ein wichtiges Transitland auf dem Weg aus Nordosten in Richtung Südwesten. «Essenziell sind für sie Vogelschutzgebiete», betont der Nabu-Ornithologe Petri.
Derzeit sind in der Region unter anderem Fischadler zu sehen, von denen es hierzulande kaum noch Brutpaare gibt. Vor allem am nordhessischen Twistesee seien sie gut zu beobachten, so Petris Tipp: «Sie jagen und stürzen sich dabei spektakulär in den See.» Auf dem Speiseplan dieser Adler stehen ausschließlich Fische, sie können bis zu einem Meter tief tauchen.
Ebenfalls am Twistesee machen derzeit Schnepfenvögel auf ihrem Flug Richtung Mittelmeer Pause, mit ihrem markanten Schnabel stochern sie im Schlamm nach Nahrung.
In Nordhessen bei Korbach lässt sich ein weiterer, hierzulande seltener Vogel blicken: Der Mornellregenpfeifer lebt und brütet eigentlich in der Tundra im hohen Norden. Er rastet auch nur in tundraähnlichen Gebieten - also karge Flächen, die hoch liegen und durch die der Wind rauscht. Der Name des Vogels leitet sich laut Nabu-Angaben vom lateinischen Wort «morinellus» ab und bedeutet «kleiner Narr».
Mornellregenpfeifer sind zutrauliche Tiere und lassen auch Menschen nah an sich herankommen. Gegenüber Feinden haben sie aber dramatische Tricks parat: Sie präsentieren sich verletzt oder spielen mit zitternden Flügeln einen sterbenden Vogel vor.