Erste Formel-1-Renningenieurin

Laura Müller: «Mich stört es nicht, wenn er mich anschreit»

Laura Müller ist eine Formel-1-Pionierin: Die Deutsche ist die einzige Renningenieurin. Vor dem England-Rennen spricht sie über Gartenarbeit, das Aufwachsen auf dem Land und das «Resting Bitch Face».

Laura Müller: «Dorfleben fand ich immer schrecklich.» (Archivbild) Foto: Wu Lu/XinHua/dpa
Laura Müller: «Dorfleben fand ich immer schrecklich.» (Archivbild)

Silverstone (dpa) - Als Wahl-Engländerin kennt Laura Müller die Bedeutung von dicht bewachsenem Rasen. Dabei kann die einzige Formel-1-Renningenieurin mit der Arbeit im eigenen Garten wenig anfangen. «Ich hasse alles außer Rasenmähen», sagte Müller, die aus der Nähe von Konstanz am Bodensee kommt, der Deutschen Presse-Agentur vor dem Grand Prix von Großbritannien am Sonntag (16.00 Uhr/Sky) in Silverstone.

Frage: Der Rasen vor Ihrem Haus ist noch grün oder schon braun?

Antwort: Nein, nein, der Rasen läuft, ich lebe schließlich in England (lacht).

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Frage: Sie geben nicht viele Interviews. Ist die Anspannung hier größer oder an der Boxenmauer?

Antwort: Sie ist vielleicht nicht so hoch wie bei einem Qualifying, aber sie fühlt sich nach einem zweiten Freien Training an, und das ist mir lieber als ein Interview (lacht).

Frage: Wie zeigt sich bei Ihnen Anspannung?

Antwort: In Form des Resting Bitch Face (Gesichtsausdruck im Ruhezustand, der ungewollt abweisend wirkt; lacht). Eine meiner Stärken ist, dass man mir die Anspannung nicht unbedingt anmerkt. Umso stressiger es wird, umso ruhiger werde ich nach außen. Ich glaube, es ist eine Art Selbstkontrolle, weil man nicht überreagieren will. Aber wenn es sich zum Beispiel um ein Qualifying handelt, in dem es um alles geht, dann spürt man schon seinen Herzschlag in den ersten paar Minuten.

Studium an der TU München

Frage: Womit kann man Sie aus der Ruhe bringen?

Antwort: Das sind eher so Sachen wie Undankbarkeit oder wenn man sich nicht auf jemanden verlassen kann, wodurch man selbst in eine blöde Situation gerät. Das bringt mich eher aus der Ruhe als alles, was in einer Session passieren kann.

Laura Kristin Müller ist eine Pionierin. Sie ist die erste Frau, die es zur Renningenieurin in der Formel 1 geschafft hat. Seit 2022 arbeitet sie für Haas, zunächst als Simulator-Ingenieurin, dann als Performance-Ingenieurin. Zu Beginn der vergangenen Saison wurde Müller, die an der TU München ihren Master in Automotive Engineering gemacht hat, zur ersten Vertrauensperson von Pilot Esteban Ocon befördert.

Esteban Ocon hat seit 2025 Laura Müller im Ohr. (Archivbild) Foto: Vincent Thian/AP/dpa
Esteban Ocon hat seit 2025 Laura Müller im Ohr. (Archivbild)

Frage: Sie sind die einzige Renningenieurin in der Formel 1. Befolgen Sie bestimmte Kommunikationsregeln bei der Ansprache Ihres Fahrers?

Antwort: In einer Session halte ich mich kurz und formuliere prägnant. Esteban ist nicht besonders gut im Zwischen-den-Zeilen-Lesen. Das heißt, man muss immer sehr klar und eindeutig sein, damit er keine Aussage oder Frage interpretieren muss. Das kann ich auch gut verstehen, wenn man mit 300km/h fährt. Wenn der Fahrer zum Beispiel wütend ist, versuche ich auch nie das Gefühl zu verstärken, sondern ich versuche ihm zu vermitteln: Ich verstehe deine Situation und schaue sie mir an. Für mich ist das Schlimmste, jemanden aufzustacheln, der sowieso schon wütend ist.

«Wie erkläre ich ihm das?»

Frage: Welcher Teil Ihres Berufs ist spannender: die Interaktion mit dem Fahrer oder der technische Aspekt rund ums Auto?

Antwort: Der Kommunikations-Part ist schwieriger, weil man dem Fahrer zum Beispiel erklären muss, warum die Strategieabteilung gerade jetzt zu einem Boxenstopp rät oder auch nicht. Das ist ein kompliziertes Konstrukt. Manchmal stehe ich, zumindest gefühlt, eine Minute da und muss überlegen, wie erkläre ich ihm das. Viel leichter fällt es mir, dem Fahrer verständlich zu machen, was wir tun können, um das Auto schneller zu machen.

Frage: Was sind besonders unangenehme Botschaften an einen Fahrer?

Antwort: Wenn sich der Fahrer in den Punkterängen befindet und man muss ihm sagen, dass er wegen eines Defekts das Auto abstellen soll, dann ist das nicht geil. Der Fahrer kann mit so einer Situation aber schon umgehen, weil es in dem Moment aus dem Wagen qualmt oder der Schaden sich anders angedeutet hat. Für mich am unangenehmsten ist, wenn wir zum Beispiel nur auf P18 liegen und nicht ins Q2 kommen, obwohl der Fahrer eigentlich eine gute Runde hingelegt hat. Generell hasse ich es natürlich, Esteban im Qualifying zu sagen, dass (Teamkollege) Olli (Bearman) deutlich schneller war, weil ich genau weiß, wie es sich anfühlt, wenn man alles gegeben hat.

Frage: Wie sollte denn ein Fahrer mit Ihnen sprechen?

Antwort: Das ist mir eigentlich egal. Mich stört es auch nicht, wenn er mich anschreit (lacht). Denn das Problem dabei ist, dass man nur schwer verstehen kann, was jemand sagt. Was mich für gar nicht geht, ist, wenn Fahrer nach einer Session Fundamentalkritik ablassen. Denn das richtet sich immer auch gegen all die Mitarbeiter in der Fabrik und ist respektlos ihnen gegenüber.

Müller war als Kind riesiger Fan von Michael Schumacher. Sie schaute jedes Wochenende Formel 1 im Fernsehen und träumte davon, sich als erste Fahrerin in der Formel 1 durchzusetzen. Über ein Praktikum kam Müller später in die DTM. Leena Gade wurde später zu einem ihrer Vorbilder. Die Engländerin war die erste Renningenieurin, die beim Klassiker der 24 Stunden von Le Mans 2011 mit Audi erfolgreich war.

Lob für ihre Arbeitsmoral

«Was sie wirklich gut kann: Wenn sie auf ein Problem stößt, geht sie der Sache auf den Grund und gibt sich nicht mit der erstbesten Antwort zufrieden», lobt Haas-Teamchef Ayao Komatsu die deutsche Ingenieurin Müller. «Sie hat eine so gute Arbeitsmoral, dass sie, wenn sie die erste Lösung findet, weiß, dass es noch zehn weitere Aspekte gibt und dass nun neue Fragen zu klären sind.»

Frage: Sie kommen aus der Bodenseeregion. Wie sind Sie aufgewachsen?

Antwort: Ich komme aus der Nähe von Konstanz, aus einem kleinen Dorf. Wir sind ein paar Mal umgezogen, als ich klein war. Ich habe öfter die Schule gewechselt, was dafür gesorgt hat, dass ich mich gut in ein neues Umfeld integrieren kann. Sobald ich konnte, bin ich aus dem Dorf raus, auch wenn es wunderschön ist. Aber das Dorfleben fand ich immer schrecklich als Kind, weil der Bus nur jede Stunde fuhr, am Freitagabend schon um 23.00 Uhr, und das Taxi einfach schweineteuer war. Dann musste man immer bei Freunden übernachten. Als ich mit 19 nach München gekommen bin, war das für mich das absolute Highlight, weil man überallhin laufen konnte und einen die Nachbarn auch nicht kannten (lacht).

Frage: Sie sind heute ein Vorbild in der Formel 1 für viele Mädchen und junge Frauen. In Australien wurde sogar eine Kurve nach Ihnen und Red-Bull-Strategin Hannah Schmitz benannt. Hätte aus Ihnen selbst eine Rennfahrerin werden können, wenn Sie jemanden wie sich als Vorbild gehabt hätten?

Antwort: Wahrscheinlich ja. Mein Traum als Kind war es immer, Rennfahrerin zu werden und mich in der Formel 1 durchzusetzen. Aber ich hatte null Background mit Kartfahren, meine Eltern auch nicht. Ich war im Endeffekt auch nicht so hinterher, weil man dafür auch einiges an Geld braucht. Aber in meinem Hinterkopf war es immer so ein bisschen, wie Kinder davon träumen, einmal Astronautin oder Astronaut zu werden. Daher glaube ich, dass es mit einem Vorbild realistischer gewesen wäre.