«Nie wieder vergessen» – 9/11 erschütterte auch Hessen
Wie haben Menschen in Hessen die Anschläge vom 11. September 2001 erlebt? Zeitzeugen berichten zum 25. Jahrestag von Schock, Trauer und bleibenden Erinnerungen.
Wiesbaden/Frankfurt/Hanau (dpa/lhe) - Kaum ein Ereignis hat die Welt so sehr erschüttert wie die Terroranschläge auf die USA am 11. September 2001. Islamisten steuerten damals drei gekaperte Passagiermaschinen in das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington. Eine vierte Maschine stürzte in Pennsylvania ab. Rund 3.000 Menschen starben. Auch viele Hessen haben 9/11 als Zeitenwende erlebt. Was sie an diesem Tag vor 25 Jahren dachten und fühlten:
Ministerpräsident Rhein: Bilder haben sich «tief eingebrannt»
«Ich erinnere mich noch ganz genau», sagt Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU). Er sei mit dem Rechtsausschuss des Landtags auf einer Reise ins Baltikum gewesen, zusammen mit dem damaligen hessischen Justizminister Christean Wagner. «Als uns die ersten Nachrichten erreichten, standen wir auf einem Aussichtsturm», erzählt Rhein.
Eine Journalistin aus der Reisegruppe sei durchgehend von ihrem Mann informiert worden, der gute Kontakte nach New York hatte. «Ich war geschockt, wir waren alle geschockt. Die Bilder dieses Tages haben sich mir tief eingebrannt.»
Zu Ehren der Opfer und der Einsatzkräfte wird Rhein auf seiner USA-Reise am 9. Oktober das 9/11-Memorial in New York besuchen. Geplant ist auch ein Austausch mit aktiven und ehemaligen Feuerwehrleuten des New York City Fire Departments, die am 11. September 2001 im Rettungseinsatz gewesen waren.
Bischof Bätzing: «Terror und Kriege führen zu nichts»
Auch für den Limburger Bischof Georg Bätzing sind die schlimmen Ereignisse noch sehr präsent. «Ich kam am Nachmittag von einem Einkehrtag zurück ins Trierer Priesterseminar - ganz erfüllt von den guten Gesprächen», erinnert er sich. «Unterwegs in der Stadt sprachen mich schon Menschen darauf an, was da in New York Entsetzliches passiert sei. Dann bin ich gleich in meine Wohnung gegangen, habe den Fernseher eingeschaltet und konnte nicht glauben, was ich da sah.»
In den ersten Stunden sei er kaum vom Fernseher losgekommen, weil sich die Berichterstattung ja gerade erst entwickelt habe. «Diese armen Menschen, die da unschuldig ihr Leben verloren haben, waren mein erster Gedanke», so Bätzing, ebenso die vielen Menschen, die um Verwandte, Kolleginnen, Kollegen und Freunde bangten. «Terror - was für ein Wahnsinn, wie menschenverachtend. Das waren meine Gedanken.»
Der Jahrestag gelte vor allem dem Gedenken an die Opfer des Terrors und den Menschen, die ihre Lieben bis heute schmerzlich vermissten. Darüber hinaus müsse auch durch Reaktionen der internationalen Gemeinschaft deutlich werden: «Terror und Kriege führen zu nichts. Sie treiben Völker und Nationen nur immer weiter in die Spirale von Hass und Gewalt.»
Bätzings Botschaft lautet deshalb: «Hört endlich auf mit diesem Gegeneinander und damit, Menschen gegen andere Menschen aufzuhetzen.» Es gebe keinen gerechten Krieg - «es gibt nur gerechten Frieden», so der Bischof. «Nur Verständigung über bestehende Konflikte weist den Weg in eine bessere Zukunft für alle.»
Den Kriegstreibern von heute und «auch denen, die mit Mitteln hybrider Kriegsführung sensible Infrastruktur angreifen», könne man nur zurufen: «Lasst die Waffen schweigen und sucht das Gespräch und den Kompromiss miteinander, der zu einem echten Interessenausgleich führt.»
Henni Nachtsheim «Es war auf jeden Fall ein Horrortag»
Für Comedy-Legende Henni Nachtsheim ging der 11. September 2001 schon von Anfang an nicht gut los. Zunächst sei er mit seiner gestürzten Tochter im Krankenhaus gewesen. Dann habe er mit der Hündin zum Tierarzt gemusst, wo es recht traurig zugegangen sei, erinnert er sich. «Es war so ein Tag, wo du sagst, das reicht schon alles. Und dann setze ich mich ins Auto und eine Freundin ruft an und sagt: "Hast du mitbekommen, was in New York passiert ist?"»
Er habe dann die Nachrichtenlage im Radio und später den ganzen Abend im Fernsehen verfolgt. «Es war auf jeden Fall ein Horrortag. Es war wirklich ein Tag, den ich nie wieder vergessen werde», sagt er. Und: «Alle wissen, wo sie in diesen Stunden waren oder wo sie es erfahren haben.»
In der Comedy-Szene sei es natürlich auch schwierig gewesen, in der darauffolgenden Zeit mit der Ausnahmesituation umzugehen. Aus Pietätsgründen seien viele Veranstaltungen abgesagt worden, erinnert sich der 69-Jährige. Die Anschläge des 11. September hätten die gesamte Welt erschüttert, «und man konnte das gesamte Ausmaß auch erst einmal nicht genau einschätzen, was das jetzt noch alles mit sich bringt».
Kirchenpräsidentin Tietz starrte auf Fernsehbilder
Die Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Christiane Tietz, war während der Anschläge in Italien im Urlaub. «Der Vermieter trommelte plötzlich aufgewühlt an die Tür. Den Rest des Tages starrte ich auf Fernsehbilder aus New York.» Nie werde sie die Menschen vergessen, die in Verzweiflung aus den Fenstern sprangen.
Maximilian Bieri erlebte Bilder als Zehnjähriger
Hanaus künftiger Oberbürgermeister Maximilian Bieri (SPD) erlebte als zehnjähriger Junge die Berichterstattung über die Terroranschläge in den USA mit. «Ich bin an jenem Tag mit meiner Mutter in der Innenstadt von Hanau einkaufen gewesen. Als wir über den Marktplatz gelaufen sind, haben wir Menschen vor dem Schaufenster der Sparkasse gesehen.»
Dort stand ein Fernseher, auf welchem Live-Bilder aus New York zu sehen waren, mit den brennenden Türmen des World Trade Centers. «Das Ausmaß der Tragödie habe ich zu dem Zeitpunkt wohl noch nicht richtig realisieren können. Zu Beginn des Schultages am nächsten Morgen fand in der Aula eine kleine Versammlung mit Gottesdienst statt. Erst da begriff ich, von welch unfassbarer Dimension dieser Terroranschlag war.»