Bildung

Neue Studie: Personalmangel in Kitas verschärft sich

Verletzungen der Aufsichtspflicht, kürzere Öffnungszeiten und weniger pädagogische Angebote - das Thema Personalmangel ist in Baden-Württembergs Kitas ein dramatischer Dauerbrenner. Mit jedem Jahr spitzt sich die Lage zu, wie eine neue Studie zeigt.

Jacken und Rucksäcke hängen in einer Kita im Flur. Foto: Caroline Seidel/dpa/Symbolbild
Jacken und Rucksäcke hängen in einer Kita im Flur.

Stuttgart (dpa/lsw) - Zu viele Kinder für zu wenig Erzieherinnen und Erzieher: Immer mehr Kita-Kinder in Baden-Württemberg können wegen fehlender Fachkräfte nicht wie vorgeschrieben beaufsichtigt werden. In einer neuen Befragung des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) gaben 94 Prozent der rund 3000 befragten Kitaleitungen an, im vergangenen Jahr mit weniger Personal gearbeitet zu haben als vorgeschrieben. «Das ist der schlechteste Wert, der bisher gemessen wurde», sagte der VBE-Landesvorsitzende Gerhard Brand am Montag bei der Vorstellung der Ergebnisse für Baden-Württemberg in Stuttgart.

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Wo liegen die Probleme?

Dem Verband zufolge gab ein gutes Drittel der Kita-Leitungen (36 Prozent) an, an mindestens zwei von fünf Werktagen nicht die vorgeschriebene Minimalbesetzung erreichen und damit die Kinder nicht ausreichend beaufsichtigen zu können. Bei etwa jeder sechsten Kita (17 Prozent) sei dies sogar an mindestens drei von fünf Werktagen der Fall.

Der Verband stellte weiter fest, dass 60 Prozent der Kitaleitungen mehr Zeit für ihre Führungsaufgaben benötigen als vertraglich vereinbart. Damit falle das Verhältnis von vertraglicher und tatsächlicher Leitungszeit in Baden-Württemberg viel schlechter aus als im Rest der Republik, wo knapp 39 Prozent der Kitaleitungen mehr Zeit für ihre pädagogische Führungsrolle aufwenden als per Vertrag festgelegt.

Einen neuen Tiefstwert erreichte nach Angaben des Verbands außerdem die empfundene Wertschätzung der Kitaleitungen durch die Politik. Nur noch ein gutes Drittel der Befragten (36 Prozent) fühlten sich von der Kommunalpolitik anerkannt. Im Vorjahr sei es noch knapp die Hälfte (45 Prozent) gewesen. Die Landes- und Bundespolitik schnitten bei der Frage dem Verband zufolge mit 23 beziehungsweise 20 Prozent noch schlechter ab.

Außerdem hat die Umfrage laut VBE gezeigt, dass Maßnahmen zur Personalsicherung und -gewinnung zum Teil an dem vorbeigehen, was die Kitaleitungen für sinnvoll erachten.

Welche Folgen hat der Personalmangel?

Wegen fehlender Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mussten laut Studienergebnissen rund neun von zehn Kitas pädagogische Angebote streichen. An sieben von zehn Kitas sei es wegen einer erhöhten Belastung zu mehr Fehlzeiten von Angestellten gekommen. An jeder vierten Kita kündigten dem Verband zufolge sogar Mitarbeitende wegen Personalmangels.

Eltern müssen sich bei weniger Angestellten auch mit kürzeren Kita-Öffnungszeiten arrangieren. Laut der Umfrage des VBE hatten sechs von zehn Kitas zeitweise oder dauerhaft kürzer offen.

«Die Ergebnisse könnten drastischer kaum ausfallen und sie machen eines unmissverständlich klar: Wir befinden uns an einem Kipppunkt», sagte VBE-Landesvorsitzender Brand dazu. Er betonte, dass die Problemlagen in eine «soziale Krise» führen. Wenn es keine verlässliche Ganztagesbetreuung gebe, seien Familie und Beruf weniger gut vereinbar. Das habe vor allem Auswirkungen auf die soziale Teilhabe von Frauen, Alleinerziehenden und finanzschwachen Familien.

Was fordert der Verband?

Bund, Länder und Kommunen sollten sich nach Ansicht des Verbands über die Finanzierung einer Fachkräfteoffensive abstimmen. Laut dem sogenannten Fachkräfte-Radar der Bertelsmann Stiftung werden bis zum Jahr 2030 33.000 zusätzliche Erzieherinnen und Erzieher benötigt, um alle Kitas mit so vielen Fachkräften auszustatten, wie wissenschaftlich empfohlen.

Dabei lobte Landesvorsitzender Brand die Einführung der praxisintegrierten Ausbildung (PiA) in Baden-Württemberg. Die finanzielle Förderung von Ausbildungsplätzen durch das Land wirke sich positiv aus. Kita-Leitungen hätten sie in der Studie als nützlich bewertet.

Damit sich Kitaleitungen und pädagogische Fachkräfte auf ihre Kernaufgaben konzentrieren können, forderte der Verband außerdem mehr vertraglich fixierte Leitungszeit und multiprofessionelle Teams.

Welche Reaktionen gab es auf die Studie?

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Baden-Württemberg warnte vor weiteren Einschränkungen bei Kita-Öffnungszeiten. «Eltern wird oftmals die Option auf eine vollzeitnahe Beschäftigung genommen», merkte dazu Stefan Küpper, Geschäftsführer Politik, Bildung und Arbeitsmarkt bei den Unternehmern Baden-Württemberg (UBW), an.

Der zuständige Staatssekretär aus dem Kultusministerium, Volker Schebesta, teilte mit, dass die Regierung beispielsweise mit einer groß angelegten Kampagne für den Erziehungsberuf werbe und die Ausbildungskapazitäten erhöht habe. Außerdem finanziere man auch weiterhin die pädagogische Leitungszeit für Kitaleitungen.

Der Chef des Städtetags Baden-Württemberg, Ralf Broß, schlug vor: «Wir brauchen keine staatliche Regelung von oben, sondern wir müssen den Kommunen mehr Möglichkeiten geben, auf die Situation vor Ort Einfluss zu nehmen. Beispielsweise indem man sehr wohl darüber nachdenkt, den Betreuungsschlüssel zu ändern.» Bisher sei der Betreuungsschlüssel - also wie viele Betreuungskräfte es pro Kindergruppe geben muss - fix.

Der Sprecher für frühkindliche Bildung der SPD-Fraktion, Daniel Born, sagte dagegen, dass eine Senkung des Betreuungsschlüssels oder größere Gruppen keine dauerhaften Lösungen seien. Er forderte einen Kita-Gipfel.