Streit über Flugroute «Cindy-S» - darum geht es
Seit Juli 2025 fliegen Maschinen, die vom Frankfurter Flughafen starten, eine Kurve um den Norden Darmstadts. Das soll für Entlastung sorgen, doch es gibt viel Kritik. Wie es weitergeht.
Frankfurt/Darmstadt/Raunheim (dpa/lhe) - Mehr als 460.000 Flugbewegungen gab es im vergangenen Jahr von und nach Frankfurt: Im Rhein-Main-Gebiet befindet sich der größte deutsche Flughafen. Viele Anwohner und Anwohnerinnen sind von Fluglärm betroffen, an manchen Stellen stark.
Im Süden Hessens soll dies vermindert werden, indem eine Flugroute geändert wurde. Doch die Kritik an der Maßnahme reißt nicht ab.
Was ist die Flugroute «Cindy-S» – und warum wurde sie eingeführt?
Die neue Abflugroute mit der Bezeichnung «Cindy-S» soll einige Orte etwa im Norden Darmstadts von Fluglärm entlasten. Die Maschinen, die von der Startbahn West in Richtung Südosten losfliegen, machen nun einen Bogen um die dortigen dicht besiedelten Gebiete. Der Betrieb begann am 10. Juli 2025. Er unterliegt einem einjährigen Monitoring, mit dem die Be- und Entlastungseffekte überprüft werden sollen.
Wie sind die Auswirkungen vor Ort?
Entlastet werden sollen insbesondere die Darmstädter Stadtteile Kranichstein und Arheilgen, ebenso Weiterstadt-Gräfenhausen. Dafür sei es aber an anderer Stelle lauter geworden, kritisieren die nun betroffenen Kommunen.
Nach Ergebnissen des begleitenden Monitorings sind die Flugzeuge in Erzhausen, Egelsbach und im Norden von Darmstadt-Wixhausen stärker zu hören. Dies teilte das Forum Flughafen und Region im Juni mit. Die Ergebnisse bestätigten die Erwartungen, hieß es. Das Forum ist eine Dialogplattform für die Luftverkehrswirtschaft und die Region Rhein-Main.
Befürchtungen, die Flugzeuge flögen nun tiefer, hielten die Spur nicht ein oder seien in den neuen Kurven lauter, bestätigten sich den Ergebnissen zufolge nicht.
Welche Kritik gibt es an der Abflugroute?
Die Kommunen mit mehr Fluglärm kritisieren die bisherigen Auswertungen. Das Betrachten von Durchschnittswerten spiegele nicht das tatsächliche Erleben der Betroffenen wider.
So fordert der Landkreis Darmstadt-Dieburg den Verzicht auf die Route «Cindy-S», wie der Kreistag am 9. Februar 2026 beschloss. «Hieran hat sich, im Besonderen auch nicht anhand der bisherigen Monitoring-Ergebnisse, nichts geändert. Die rein statistische "regionale Gesamtentlastung", die hier oft angeführt wird, wird durch eine unzumutbare und unfaire Lärmkonzentration über unseren Kommunen erkauft», hieß es. Vor allem die Lärmspitzen in den späten Abend- und Nachtstunden seien gesundheitlich nicht hinnehmbar.
Kommunen wie zum Beispiel Messel beklagen, dass die Gemeinde wegen fehlender Betroffenheit nicht der Fluglärmkommission beitreten darf, weil es dort im Vergleich mit anderen betroffenen Kommunen unter anderem «noch nicht laut genug» sei.
Welche Folgen beklagen die Betroffenen konkret?
Viele Flugzeuge rauben den Menschen den Schlaf. Das kritisiert der Verein «Stopp Cindy-S». Durchschnittswerte zeigten diese Belastung der Betroffenen aber nicht: «Ein Durchschnitt glättet aber genau das weg, was die Menschen wahrnehmen: das einzelne Flugzeug, das nachts weckt.» Die Zunahme in den neu betroffenen Gemeinden sei deutlich größer als die Entlastung, mit der die Route begründet wurde.
Der gesamte Lärmteppich südlich des Flughafens sei heute größer als vor der Einführung von «Cindy-S». «Die Anwohnerinnen und Anwohner beschweren sich weiterhin, sind aber durch ausbleibende Reaktionen und fehlende Transparenz entmutigt.»
Die Lärmbelastung sei zum Beispiel in Egelsbach um rund 13 Dezibel gestiegen. Zehn Dezibel mehr würden Menschen als doppelte Lautstärke empfinden.
Wie kam es zur neuen Flugroute?
Die Änderung geht auf eine Empfehlung des Forums Flughafen und der Fluglärmkommission zurück, in der die Anrainerkommunen des größten deutschen Flughafens vertreten sind. Möglichkeiten, den Lärm in den dicht besiedelten Gebieten im Norden Darmstadts zu verringern, waren zuvor lange diskutiert worden. Ein Probebetrieb musste abgebrochen werden.
Die jetzige Variante wurde aus mehreren ausgewählt. Im Beschluss der Kommission aus dem Jahr 2024 heißt es, wenn die erwartete Lärmminderung nicht eintrete oder unerwartete Mehrbelastungen aufträten, solle die Ausgestaltung der Flugroute erneut beraten werden.
Berechnungen zufolge sind mit der neuen Route deutlich weniger Menschen von Lärm betroffen: bis zu 20.000 in der Nacht und am Tag.
Wie geht es weiter?
Die Fluglärmkommission beriet am Mittwoch über die bisher vorliegenden Monitoring-Ergebnisse. Weitere sollen Ende Oktober vorgelegt werden. Anfang Dezember ist dann ein Beschluss vorgesehen. Die letztendliche Entscheidung obliegt dem Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung (BAF).
Der Verein «Stopp Cindy-S» hat angekündigt, weiter gegen die Route zu mobilisieren. Eine Reihe von Demonstrationen ist geplant. Auch politisch sucht der Verein Unterstützung und will im Oktober dem hessischen Landtag eine Petition mit mehr als 5.000 Unterschriften übergeben.