Anschlag

Hanau: Zeugenaussage zu umstrittenen Polizeigesprächen

Wiesbaden (dpa) - In den Tagen nach dem rassistischen Anschlag von Hanau hat ein einstiger Polizeiführer nach eigener Aussage keinen Auftrag zu einer «Gefährderansprache» an Opferangehörige erteilt. Im rund 25-köpfigen Führungsstab des Landeskriminalamts (LKA) in der Nacht auf den 24. Februar 2020 sei diskutiert worden, wie diese traumatisierten Menschen für ein eventuelles zufälliges Zusammentreffen mit dem Vater des Attentäters sensibilisiert werden könnten, sagte der Zeuge am Freitag im parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu dem Anschlag.

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Der Vater sollte damals im Februar 2020 aus der Psychiatrie entlassen werden und habe angekündigt, in Hanau die Medien über seine Sicht des Attentats zu informieren. Die Grünen-Abgeordnete Vanessa Gronemann verwies in der voraussichtlich letzten öffentlichen Sitzung des Landtagsausschusses in Wiesbaden auf einen damaligen Vermerk des Polizeipräsidiums Südosthessen, wonach Gespräche mit Opferangehörigen zu führen seien, um «konfliktverschärfende oder strafbare Handlungen» zu vermeiden.

Der einstige Polizeiführer betonte, aus dem LKA-Führungsstab sei in der Nacht auf den 24. Februar 2020 kein Auftrag zu einer «Gefährderansprache» an Opferfamilien «rausgegangen». Der Vater sei wenige Tage nach dem Attentat als «weder fremdgefährdet noch eigengefährdet» aus der Psychiatrie «rausgeschmissen» worden, habe sich aber dann freiwillig in polizeiliche Obhut begeben. Opferangehörige hatten damals mit Blick auf Gespräche mit der Polizei den Fachbegriff «Gefährderansprache» als unsensibel kritisiert. Der Zeuge ist heute im Ruhestand und sagte: «Mein Abstand zur Polizei ist schon fortgeschritten - Gott sei Dank!»

Im Untersuchungsausschuss folgte anschließend eine Zeugenvernehmung von Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU). Ein 43-jähriger Deutscher hatte am 19. Februar 2020 in Hanau neun Menschen aus rassistischen Motiven erschossen. Danach tötete er seine Mutter und sich selbst. Seit dem Sommer 2021 beschäftigen sich Abgeordnete des Landtags in dem Untersuchungsausschuss mit dem Anschlag. Dabei soll geklärt werden, ob es vor, während und nach der Tat zu Behördenversagen gekommen ist.