Pilotcharakter?

Vom Straßenrand in den Napf - Unfallwild als Tierheimfutter

Bei einer bundesweit einmaligen Kooperation wollen Jäger dem Reutlinger Tierheim verendete Rehe für die Hunde bringen. Was das mit Nachhaltigkeit zu tun hat. Und welche Rolle Allergien spielen.

Das Tierheim Reutlingen verfüttert Unfallwild an Hunde. Foto: Jason Tschepljakow/dpa
Das Tierheim Reutlingen verfüttert Unfallwild an Hunde.

Reutlingen (dpa) - Das tote Reh liegt in einer Wanne auf dem Gelände des Tierheims Reutlingen. Im Hintergrund haben die Hunde schon Witterung aufgenommen. «Die freuen sich», sagt Tierpflegerin Nina Herzog.

Das Tierheim und die Kreisjägervereinigung haben eine Zusammenarbeit beschlossen, die gleich auf mehrere Probleme eingeht - und deutschlandweit Pilotcharakter haben könnte. Zuerst hatte die «Südwest Presse» darüber berichtet.

Vorbild für andere?

Am Anfang steht die Frage: Was geschieht mit einem Reh, das bei einem Verkehrsunfall verendet und nicht mehr für menschlichen Verzehr geeignet ist? «Entweder es geht an die Hunde der Jäger oder wird entsorgt», erklärt Sandra Weiß von der Jägervereinigung. Während sie den Jagdschein machte, überlegte sie mit ihrem Mann, Kreisjägermeister Marc Weiß, ob es eine Alternative gebe.

Immer top informiert mit dem WNOZ-WhatsApp-Kanal!

Breaking News, spannende Hintergründe und Newsletter: Mit unserem WhatsApp-Kanal bleiben Sie stets über Weinheim, den Odenwald und die Metropolregion informiert.

Impressum

Gerade im Herbst verenden viele Rehe bei Unfällen. Foto: Jason Tschepljakow/dpa
Gerade im Herbst verenden viele Rehe bei Unfällen.

Insofern ist die Kooperation aus Sicht der Beteiligten im Sinne der Nachhaltigkeit: «Vorhandene natürliche Ressourcen werden verantwortungsvoll genutzt, verwertbares Wild bleibt im Kreislauf und zugleich wird die wichtige Arbeit des Tierheims unterstützt», erklärt die Jägervereinigung dazu.

Auch der Landesjagdverband Baden-Württemberg lobt die Lösung, mit der verunfallte Rehe sinnvoll verwertet würden. Das spare Kosten für das Tierheim und habe «Vorbildcharakter». Weder dem Landesverband noch dem Deutschen Jagverband oder dem Landestierschutzverband sind ähnliche Kooperationen wie in Reutlingen bekannt.

Der Deutsche Tierschutzbund weiß auch bloß von Wildparks, Zoos oder Auffangstationen, die Tierkörper im Ganzen etwa an Bären oder Wölfe verfüttern. Als Vorbildmodell sieht er das Reutlinger Projekt aber nicht, da die Tiere ordnungsgemäß zerlegt und das Fleisch wegen hygienischer Risiken gekocht sowie Krankheits- und Seuchengefahren berücksichtigt werden müssten. «Für all diese Aspekte sind die meisten Tierheime sicherlich nicht ausgelegt.» Nur im Einzelfall werde es Menschen mit genug Sachkunde geben.

Jäger bringen die toten Rehe ins Tierheim. Foto: Jason Tschepljakow/dpa
Jäger bringen die toten Rehe ins Tierheim.

Auch der Landestierschutzverband meint etwa mit Blick auf Kühlräume, die sehr hohen Zusatzanforderungen könne bei weitem nicht jedes Tierheim leisten. «Somit sind entsprechende Regelungen nur auf lokaler Ebene denkbar.»

Warum nur Rehe infrage kommen

In Reutlingen wird nicht jedes Unfallwild dem Tierheim gebracht: Wildschweine etwa sind ausgeschlossen, weil sie die für Hunde tödliche Aujeszkysche Krankheit übertragen könnten, wie Weiß erklärt. Bei Füchsen, Mardern oder Waschbären bestehe die Gefahr von Fadenwürmern.

Es geht letztlich also nur um Rehe aus Verkehrsunfällen. Und diese müssen ein paar Kriterien erfüllen: Sie dürfen zum Beispiel keine Anzeichen für eine Krankheit oder Seuche zeigen. Die Fachleute achten etwa auf Eiter, wie Weiß sagt. Auch dürften die toten Tiere nicht allzu lange am Straßenrand liegen, denn mit der Zeit gehe die Darmbarriere kaputt. Als Faustregel rät die Jägervereinigung: «Nur ein Stück abgeben, das ihr nach äußerlicher Prüfung auch dem eigenen Hund bedenkenlos füttern würdet.»

Das Projekt ist deutschlandweit einmalig. Foto: Jason Tschepljakow/dpa
Das Projekt ist deutschlandweit einmalig.

Laut Jagdverband sind im Jagdjahr 2024/2025 deutschlandweit gut 200.000 Rehe durch «nicht-jagdliche Einwirkungen» - also überwiegend durch Straßenverkehr - zu Tode kommen. Allein in Baden-Württemberg waren es demnach rund 24.000.

Nach Weiß' Einschätzung dürften 90 bis 95 Prozent davon für das Tierheim nutzbar sein. Jägerinnen und Jäger, die zu einem Wildunfall gerufen werden, sollen dem Reh allerdings nicht wie sonst üblich innere Organe entfernen - das geschehe erst im Tierheim. Auch das Fell soll zunächst an den Tieren bleiben.

Behörden vor Ort müssen zustimmen

Der Landesjagdverband rät: «Wer eine ähnliche Zusammenarbeit anstoßen möchte, sollte frühzeitig die zuständigen Behörden, insbesondere das örtliche Veterinäramt, in die Planungen einbeziehen.» Es sei unerlässlich, rechtliche und hygienerechtliche Vorgaben einzuhalten. «Entscheidend ist, dass die Lösung an den tatsächlichen Bedürfnissen und Möglichkeiten vor Ort ausgerichtet ist und für diejenigen, die sie umsetzen, auch in der Praxis funktioniert.»

Aus Sicht des Tierschutzbunds ist wichtig, dass die Rationen für die Tiere mit Blick auf die Nährstoffe bilanziert werden. Im Idealfall sollten auf Tierernährung spezialisierte Tierärztinnen und -ärzte diese berechnen.

Gut für allergische Hunde?

Im Reutlinger Tierheim ist das Unfallwild angesichts steigender Kosten als Futtermittel willkommen. Und verschwendet wird nichts, wie Herzog sagt: «Wir kochen in großen Töpfen. Auch das Wasser mischen wir unters Futter.» Bei den Hunden komme das gut an, berichtet sie.

Die Hunde fressen das Rehfleisch gerne, wie Tierpflegerin Nina Herzog sagt. Foto: Jason Tschepljakow/dpa
Die Hunde fressen das Rehfleisch gerne, wie Tierpflegerin Nina Herzog sagt.

Zudem hätten immer mehr Hunde Futtermittelallergien, sagt Herzog. Sie bekämen zum Beispiel Durchfall oder Hautprobleme. Auch hier könnte Rehwild eine Lösung sein - und entlastet: «Das Spezialfutter können wir jetzt strecken.»

Eine vollständige Umstellung auf Wildfleisch sei nicht geplant, sagt Herzog. Zum einen gebe es dafür zu wenig Unfallwild. Zum anderen sei Barfen - eine Füttermethode, die sich an natürliche Ernährungsweisen etwa von Wölfen anlehnt - aufwendig. Man brauche etwa Pansen und bestimmte Anteile an Obst und Gemüse. «Das wird dann auch schwieriger in der Weitervermittlung.»

Zunächst will sie die Reh-Kost an die Hunde im Tierheim verfüttern. Denkbar wäre, dies auch bei Katzen zu probieren. Die seien aber deutlich wählerischer, sagt Herzog. «Keine Ahnung, ob die das überhaupt annehmen würden.»