Wie Hessens Streuobstwiesen aufblühen sollen
Streuobstwiesen in Hessen stehen unter Druck: Hitze, Schädlinge und mancherorts auch fehlende Pflege setzen ihnen zu. Eine neue Förderrichtlinie soll helfen.
Darmstadt/Flörsheim am Main (dpa/lhe) - Sie verzaubern im Frühling als blühende Hingucker, leisten einen wichtigen Beitrag zur Artenvielfalt und liefern schmackhafte Früchte: Streuobstwiesen prägen Hessens Landschaften und sollen jetzt durch eine neue Richtlinie des Landwirtschaftsministeriums gestärkt werden. Wie geht es dem hessischen Kulturgut Streuobstwiese? Und wie kann jeder Bürger und jede Bürgerin dazu beitragen, sie zu bewahren?
Was macht Streuobstwiesen so wertvoll?
Insekten, Fledermäuse, Vögel: Dank ihrer zumeist extensiven Bewirtschaftung mit seltener Mahd bieten Streuobstwiesen den perfekten Lebensraum für viele Tierarten. Die teils über 100 Jahre alten Bäume bieten natürliche Höhlen als Nistplätze und grobe Rindenstrukturen als Verstecke, etwa für Steinkäuze und Zwergfledermäuse, wie Nicola Boeye vom Landschaftspflegeverband Main-Taunus sagt.
Auch Totholz-Bäume werden zu Wohnstätten - hier zimmern Spechte ihre Höhlen, die auch von Garten- und Siebenschläfern, Meisen und Staren bewohnt werden. Je nach Bodenbeschaffenheit finden sich auch selten gewordene Pflanzenarten auf Streuobstwiesen. Und nicht zuletzt reifen hier alte Obstsorten heran wie die Berliner Schafsnase und Gravensteiner - beides aromatische Apfelsorten, die andernorts kaum noch zu finden sind.
Wie geht es Hessens Streuobstwiesen?
Viele dieser wertvollen Biotope haben in den vergangenen Jahrzehnten arg gelitten. Manche sind sogar ganz verschwunden. Jüngsten Erhebungen zufolge gibt es laut Streuobstwiesenzentrum Hessen noch rund 17.500 dieser Biotope auf einer Fläche von insgesamt rund 9.100 Hektar.
Teils unklare Besitzverhältnisse sorgten dafür, dass zahlreichen Streuobstwiesen jahrelang zu wenig Pflege zukam. Hinzu kommen die Folgen des Klimawandels, die sich ganz aktuell auch während der gerade zurückliegenden Hitzewelle zeigten: Die Bäume hätten nicht nur Trockenstress, auch ihre Blätter seien für Temperaturen von 30 bis 40 Grad nicht ausgelegt, sagt Boeye.
Ihre Rinde könne aufplatzen, Schädlinge vermehrten sich schneller als früher. So macht dem Landschaftspflegeverband auf den 20 zugehörigen Streuobstwiesen der Schmetterling Blausieb zu schaffen, dessen Raupen am Holz der Bäume fressen und sie so auch zum Absterben bringen könne.
Wie steht es um das Engagement?
Aber es gibt auch gute Nachrichten: Wieder mehr Menschen als noch vor einigen Jahren engagieren sich für den Fortbestand und lassen sich beispielsweise als Baumwarte ausbilden, erlernen also alles rund um Obstbaumschnitt und Pflege der Streuobstwiese.
Die Nachfrage nach solchen Lehrgängen sei derzeit stabil, sagt Boeye. Auch beim Streuobstwiesenzentrum Hessen melden sich laut Projektleiter Andreas Baumann immer wieder Menschen, die etwa Streuobstgrundstücke von den Großeltern geerbt haben, diese gerne erhalten und sich dazu beraten lassen möchten - eine erfreuliche Entwicklung, wie Baumann findet. Einen besseren und aktiveren Beitrag zum Artenschutz könne man kaum leisten.
Welches sind die Kernelemente der neuen Richtlinie?
Die Richtlinie zielt auf mehrere Punkte ab: Neben der Neu- und Nachpflanzung hochstämmiger Obstbäume wird die langfristige Pflege bestehender Streuobstwiesen unterstützt mit einer an das Alter der Bäume angepassten Förderung. Je neu gepflanztem Streuobstbaum etwa beträgt der Fördersatz 105 Euro.
Auch die Pflanzung aus Direktsaaten und sogenannten Sämlingsunterlagen wird gefördert. Bei letzterem handelt es sich um die Wurzeln und den unteren Stamm von Obstbäumen, die aus Samen herangezogen werden. Unterstützung gibt es außerdem für Erntearbeiten und für die Einrichtung regionaler Streuobst-Annahmestellen.
Baumann vom Streuobstzentrum Hessen lobt die neue Richtlinie. Vielversprechende Formen der Neupflanzung würden damit unterstützt und die Förderung komme allen zugute, die sich um Streuobstwiesen kümmern - von der Privatperson bis zur Waldbesitzervereinigung und zum kleinen bis mittleren Landwirtschaftsbetrieb.
Was kann jeder zur Bewahrung beitragen?
Bei der Pflege und Ernte helfen, sich in Naturschutzvereinen und Streuobstinitiativen engagieren: Das sind Wege, zum Schutz der Biotope beizutragen. Wer dabei beispielsweise Äpfel, Birnen oder Kirschen auf Streuobstwiesen erntet, sollte aber auf einen sorgsamen und verantwortungsvollen Umgang mit diesen sensiblen Flächen achten. Zu beachten ist: Die Bäume oder Flächen müssen ausdrücklich für das Pflücken freigegeben sein - wildes Abernten hingegen ist Diebstahl.