Mehr Zusammenhalt durch soziale Stärkung der Wohnquartiere
Parks, Jugendtreffs, Bürgerhäuser: Der soziale Zusammenhalt einer Nachbarschaft ist auch von einer guten Infrastruktur abhängig. Stadtplaner Prof. Altrock nennt weitere wichtige Aspekte.
Wiesbaden (dpa/lhe) - Die hessische Landesregierung will mit einem neu gegründeten «Zukunftsbündnis» regelmäßig den Rat von Experten einholen, wie sich der soziale Zusammenhalt in Wohnquartieren stärken lässt. «Strukturschwache Quartiere stehen mehr denn je vor großen städtebaulichen, wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen», erklärte Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD) nach dem ersten Treffen am Donnerstag in Wiesbaden. «Durch die Zusammenarbeit im Zukunftsbündnis können wir weitere Kommunen dabei unterstützen, gerade in diesen Bereichen das Miteinander für alle lebenswerter zu gestalten.»
Sozialministerin Heike Hofmann (SPD) ergänzte: «Sozialer Zusammenhalt fußt nicht zuletzt auf guter sozialer Infrastruktur.» Naherholungsflächen für die Einwohner, Bürger- und Jugendhäuser, Schulen und Kindergärten sowie eine gute Mischung der Bevölkerung seien wichtige Faktoren, damit Menschen in einem Quartier zusammenkommen und ein soziales Klima entstehen kann, in dem sich alle Bürgerinnen und Bürger wohlfühlten.
Beim neuen «Bündnis für sozialen Zusammenhalt in Hessen» sitzen unter anderem Vertreter von sozialen Trägern und der kommunalen Spitzenverbände sowie von Hochschulen, Stiftungen und aus der Wirtschaft mit am Tisch. Das Gremium ist Teil der Landesinitiative «Zusammen mehr erleben». Diese bietet Kommunen Fördermittel für den Städtebau zur Stärkung des sozialen Miteinanders. Dies kann unter anderem die Sanierung oder der Neubau von Kitas, Bürgerzentren oder Jugendtreffs sein.
Ärmere finden oft nur bei öffentlichen Wohnungsunternehmen eine Bleibe
Der Mangel an bezahlbaren Wohnungen macht es aus Expertensicht zunehmend schwieriger, gemischte Quartiere als Zuhause für verschiedene gesellschaftliche Gruppen zu schaffen. In den zurückliegenden Jahren habe sich schleichend eine starke Konzentration der am stärksten sozial Benachteiligten in Wohnsiedlungen öffentlicher Unternehmen und in sehr einfachen Wohnlagen durchgesetzt, erklärt der Stadtplaner Uwe Altrock von der Universität Kassel. «Einfach, weil sich die Ärmeren sonst keine anderen Wohnungen mehr leisten können.» Die Entwicklung sei durch soziale Stadterneuerung kaum mehr aufzuhalten gewesen.
Durch immer neu ankommende Flüchtlinge beginne die Integrationsarbeit in den Quartieren oft immer wieder von Neuem, erläuterte Professor Altrock. Da soziale Förderprogramme bisweilen zeitlich begrenzt sind, seien die Integrationserfolge vor Ort gefährdet. Öffentliche Wohnungsunternehmen versuchten inzwischen, dafür zu werben, einen gewissen Teil Bessergestellte in ihren Quartieren aufnehmen zu dürfen, sagte der Stadtplaner. Aber wenn es in den betreffenden Städten ohnehin zu wenige Wohnungen gibt, wollen die Kommunen die wenigen preiswerten eher nicht an Bessergestellte vermieten lassen. «Hier stehen also sozialer Zusammenhalt im Quartier und Wohnungsversorgung für die Ärmeren in einem schwer auflösbaren Konflikt.»
Experte: «Stadtteilmütter» sind erfolgreiches Konzept
Der Schlüssel zu einer erfolgreichen sozialen Entwicklung von Wohnsiedlungen ist nach den Worten von Altrock ein gut ausgestattetes und engagiertes Quartiersmanagement. Wichtig sei auch, dass Bewohner und Bewohnerinnen eigene Projekte umsetzen könnten, die etwa von einer Quartiersjury ausgewählt werden. Beim Thema Integration hätten sich Projekte mit Stadtteilmüttern oft als Erfolg herausgestellt, berichtete der Experte. Über sie könnten migrantische Gruppen erreicht werden, was mit konventionellen Beteiligungsansätzen nicht so leicht gelinge. Stadtteilmütter haben einen Migrationshintergrund und beraten andere Mütter unter anderem zu Erziehungsfragen und Kindergesundheit. Wichtig seien zudem gute Treffpunkte in den Stadtteilen.
Es gebe nicht nur kein sicheres Erfolgsrezept, um benachteiligte Quartiere langfristig zu stabilisieren, gab der Stadtplaner zu Bedenken. «Sondern es ist auch deutlich geworden, dass die entsprechenden Maßnahmen allein nicht in der Lage sein werden, übergreifende gesellschaftliche Krisen zu lösen.»