Abschied

Zehn Dinge, die Sie über Kretschmann wissen sollten

Länger als jeder andere hat Ministerpräsident Kretschmann das Land regiert und geprägt. Nun wird er in den Ruhestand verabschiedet. Welche kuriosen Fakten gibt es über Grünen-Politiker?

Jetzt ist es rum – und Kretschmann freut sich auf die Zeit, die kommt. Foto: Marijan Murat/dpa
Jetzt ist es rum – und Kretschmann freut sich auf die Zeit, die kommt.

Stuttgart (dpa/lsw) - Kein Ministerpräsident in Baden-Württemberg war länger im Amt als er: Winfried Kretschmann wird am Mittwoch nach 15 Jahren als Regierungschef feierlich mit großem Tamtam verabschiedet. Seine Zeit in der Politik bietet Stoff für eine Sammlung an kuriosen Fakten.

Der Geschmack der Kröten

Bevor Kretschmann Ministerpräsident wurde, war er Biologielehrer – und ein unkonventioneller noch dazu: Nach eigener Erzählung ließ er seine Schüler im Biologieunterricht an Kröten lecken. Ihn hätten die ganzen Vorschriften wenig beeindruckt, erzählt er später. In seiner politischen Laufbahn musste er selbst die ein oder andere «Kröte» schlucken – auch wenn er mal trocken anmerkte: «Ich bin ein Grüner, wir schlucken keine Kröten.»

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Rinderinnereien und Rutschpartie 

Kröten stehen nicht auf dem Speiseplan des Ministerpräsidenten – wohl aber Froschkutteln. Die haben allerdings nichts mit Amphibien zu tun, sondern sind Rinderinnereien, die Kretschmann traditionell mit seiner Narrenzunft isst. Seit Jahrzehnten ist er am Fasnetsdienstag in Riedlingen im Kreis Biberach Stammgast. Nach dem Ritual rutscht er auf einer Rutsche aus dem ersten Stock des Rathauses hinunter auf den Marktplatz. 

Jährlich steigt Kretschmann auf die Rutsche. (Archivbild) Foto: Felix Kästle/dpa
Jährlich steigt Kretschmann auf die Rutsche. (Archivbild)

Die Idee mit der Klospülung

Kretschmann ging es nicht immer nur um die große Politik. In den 80ern wirbt er dafür, dass Toilettenspülungen zwei Knöpfe haben sollte – einen fürs große und einen fürs kleine Geschäft. Im Parlament sorgte das auf Heiterkeit, heute ist diese Technik Standard. Noch kürzlich gab er 77-Jährige zur Fasnet seinen Bürgern einen lebensnahen Rat zur Wahl des Toilettenpapiers: «Es ist eigentlich besser, du kaufst a g'scheits Scheißhauspapier als a Glomb.»

Die Waschlappen-Sammlung

Duschen? Muss nicht immer sein, findet der Regierungschef – und empfiehlt während der Energiekrise 2022 den Griff zum Waschlappen. Damit löst er eine aufgeregte Debatte aus. Regieren die Grünen nun auch noch ins Badezimmer hinein? Kretschmann fühlt sich missverstanden. Er bekommt aber auch viele kreative Waschlappen aus der Bevölkerung zugeschickt – die ganze Sammlung ist im Haus der Geschichte zu bestaunen. 

Viele Waschlappen erhält Kretschmann in seiner Amtszeit, hier beim politischen Aschermittwoch der baden-württembergischen Grünen. (Archivbild) Foto: Marijan Murat/dpa
Viele Waschlappen erhält Kretschmann in seiner Amtszeit, hier beim politischen Aschermittwoch der baden-württembergischen Grünen. (Archivbild)

Das Gebet für die Kanzlerin

Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise steht Angela Merkel («Wir schaffen das») massiv politisch unter Druck. Anfang 2016 sagt Kretschmann einen Satz, der noch Jahre später zitiert wird. Der bekennende Katholik erklärt öffentlich, dass er jeden Tag dafür bete, dass Merkel gesund bleibe. Währenddessen distanziert sich sein Herausforderer Guido Wolf (CDU) im Landtagswahlkampf von der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin. Kretschmann gewinnt die Wahl und startet in seine zweite Amtszeit.

Der Autoflüsterer

Ein Spagat im Autoland: Kretschmann regiert als Grüner ausgerechnet Baden-Württemberg – die Heimat von Mercedes, Porsche und Bosch. Der Satz aus seiner frühen Amtszeit, dass weniger Autos besser seien als mehr Autos, fällt dem Regierungschef gehörig auf die Füße. Seit vielen Jahren nun gibt Kretschmann den pragmatischen Autoversteher. Zu seiner Dienstwagenwahl sagt er mal den Satz: «Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg fährt einen Daimler, Basta! Ich kann doch keinen Fiat fahren!» 

Der Namensgeber

Auch in der Natur hat Kretschmann Spuren hinterlassen: Mehrere Arten tragen seinen Namen – darunter ein winziges Bärtierchen, das weltweit erstmals im Nationalpark Schwarzwald entdeckt wurde. Es hört auf den klangvollen Namen «Ramazzottius kretschmanni». Auch eine klitzekleine Wespenart («Aphanogmus kretschmanni») ist nach Kretschmann benannt – ebenso wie ein Kaktus, passend zum Bürstenhaarschnitt des Regierungschefs.

Einige Arten wurden schon nach Kretschmann benannt. (Archivbild) Foto: Bernd Weißbrod/dpa
Einige Arten wurden schon nach Kretschmann benannt. (Archivbild)

Von Binokel bis Werkstatt

Zur Entspannung trifft sich Kretschmann mit Freunden zum Binokel-Spielen – ein traditionelles, schwäbisches Kartenspiel. In der Pandemie entwickelt sich der Regierungschef dafür sogar zum Online-Gamer und spielt mit seinen alten Kumpels übers Internet. «Wenn man das ein paar Stunden spielt, geht einem die Corona-Krise nicht ständig im Kopf rum», sagt er im Krisenjahr 2020. «Online macht das auch richtig Spaß – außer, dass es ein bisschen schnell geht am Computer.» Weitere Hobbys von Kretschmann: Wandern auf der schwäbischen Alb, Pflanzen bestimmen, sich in der heimischen Werkstatt verausgaben. 

Der Maoist

Heute schreibt er Bücher über Konservatismus und umgarnt pragmatisch die CDU, aber als Student war Kretschmann politisch ganz anders unterwegs. In den 70er Jahren war er Mitglied im Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) und engagierte sich als Maoist. Später sprach er von einer Sekte und ideologischer Verirrung. 

Hannah Arendt

Von seinem linksradikalen Weltbild bringt ihn auch Hannah Arendt ab. «Die Philosophie von Hannah Arendt hat mir geholfen, mich aus diesem engen Denken zu lösen», sagt er. Denn Arendt habe geschrieben, dass Grundlage aller Politik die Pluralität des Menschen sei. Niemanden hat Kretschmann über die Jahre häufiger zitiert als seine Lieblingsphilosophin. Vor kurzem schrieb er noch ein Buch über sie. Im Ruhestand hat er viel vor – Bücher will er aber keine mehr schreiben.