"Ein Leben in Extremen"

Autismus-Expertin Ulrike Funke aus Hirschberg über die Arbeit mit autistischen Kindern

Am 2. April ist Welt-Autismus-Tag. Die Hirschberger Logopädin und Expertin Ulrike Funke spricht über ihre langjährige Arbeit mit autistischen Kindern und deren Familien.


Bettina Wolf
von Bettina Wolf

02.04.2025


Autistische Kinder sind nicht krank. Sie nehmen die Welt nur anders wahr. Eine Hirschberger Logopädin spricht anlässlich des Weltautismustages über ihre langjährige Arbeit mit den Familien. Foto: Bild: Jessica Rockowitz/Unsplash
Autistische Kinder sind nicht krank. Sie nehmen die Welt nur anders wahr. Eine Hirschberger Logopädin spricht anlässlich des Weltautismustages über ihre langjährige Arbeit mit den Familien.

Hirschberg. Am 2. April ist Welt-Autismus-Tag – der Tag wurde am 18. Dezember 2007 von den Vereinten Nationen (UNO) beschlossen und 2008 erstmals veranstaltet. Ziel des Tages ist es, das Bewusstsein für die „Autismus-Spektrum-Störung“ zu schaffen und zu stärken. Wir haben uns mit der Logopädin und Autorin Ulrike Funke über die Entwicklung der öffentlichen Wahrnehmung dieser „ganz anderen Wahrnehmung“ unterhalten. Denn, und das ist betroffenen Menschen ganz wichtig, Autismus soll nicht als Krankheit, sondern als eine andere besondere Art der Wahrnehmung verstanden werden.

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Seit 26 Jahren arbeitet Ulrike Funke als selbstständige Logopädin mit einer eigenen Praxis in Hirschberg. Bis vor einigen Jahren leitete sie zudem das von ihr 2017 eröffnete Autismus-Zentrum in Schriesheim. Mittlerweile hat sie sich auf Weiterbildungen für Therapeuten und Eltern spezialisiert, mit dem Ziel, dass Kinder mit Autismus besser verstanden werden. Und um betroffene Familien in ihrem Familienleben zu unterstützen. Denn, das Leben mit autistischen Kindern ist eine besondere Herausforderung.

Geht das überhaupt? Kann man als „neurotypischer“ Mensch (so wie Nicht-Autisten von Betroffenen genannt werden) Kinder verstehen, die sich im Autismus-Spektrum befinden? „Natürlich geht das“, erklärt Ulrike Funke fröhlich und lacht. „Es ist schwierig, mit ihnen in Kontakt zu kommen, ja, aber wenn ich den richtigen Reiz, den richtigen Impuls gefunden habe, den das Kind braucht, dann reagiert es auch darauf.“

Den richtigen Reiz? Wir dachten immer, dass autistische Kinder weder Berührungen noch Augenkontakt mögen? Beharrlich hält sich auch bei uns das Bild von unglücklichen, isolierten Kindern, die jeden Kontakt vermeiden und kein Verständnis für Mimik und Körpersprache besitzen, die weder unterschiedliche Tonfälle verstehen, noch wissen, wie man Liebe und Fürsorge empfindet.

„Auch falsch“, betont die Logopädin. „Hier hat sich in den letzten Jahren glücklicherweise viel verändert. Auch beim Blick auf autistische Menschen. Früher hat die Gesellschaft autistische Kinder zu sehr „in Ruhe“ gelassen. Es hingenommen, dass sie in ihrer eigenen, merkwürdigen Welt leben. „Aber was ist das für ein Leben? Es gibt doch nur eine Welt für uns alle und in dieser sollten die unterschiedlichen Bedürfnisse Beachtung finden. Dann ist ein gutes Miteinander möglich.“

Auf das Kind einlassen

Das andere Extrem der Therapie: Kinder werden gezwungen, sozialen Kontakt zu erlernen. Berührungen hinzunehmen, Augenkontakt zu halten. Verhält sich das Kind unkooperativ, wird mit Bestrafungen gearbeitet. Von alledem hält Funke nichts. „Wir müssen uns auf das Kind und seine Art, die Welt zu sehen, einlassen – und nicht andersherum“, ist sie überzeugt.

Dass viele Fachleute das immer noch anders sehen, hat Ulrike Funke in der Zeit gespürt, als sie ihr Autismuszentrum in Schriesheim aufgebaut hat. „Der Gegenwind war zu stark. Die Behörden sind mit meiner Art zu arbeiten einfach nicht zurechtgekommen.“

Was ist denn das Besondere an ihrer Art? „Ich schaue genau hin: Was braucht dieses Kind. Danach richten sich die Impulse, die ich gebe. Manche der Kinder sind sehr aufgeregt und schreien immer wieder unwillkürlich laut auf. Andere reiben sich immer wieder die Hände. Hier nehme ich zum Beispiel die Kinderhände in meine Hand und knete sie. Wer Lautstärke braucht, der bekommt sie ebenfalls. Dann machen wir zusammen laut Musik und werfen auch mal Bälle oder kleine Gegenstände durch den Raum. Natürlich nur solche, die nicht kaputtgehen.“ Wer dagegen sehr unruhig ist, mit dem hüpft die sportliche Logopädin quer durch den Raum.

Autistische Kinder mögen zumeist keine sanften Berührungen, ist Funke überzeugt. Aber klare, feste Reize. Umarmungen und starke Impulse, damit könne man sie erreichen. Jedes Kind suche soziale Kontakte, davon ist Funke überzeugt. „Auch wenn es sich in unseren Augen komplett ‚unsozial‘ verhält, will es doch dazugehören. Aber das Angebot muss stimmen. Immer wieder nach dem richtigen Angebot zu suchen, das kann für Eltern und Lehrer natürlich sehr anstrengend zu sein. Trotzdem: Vorwiegende Reizvermeidung, Stille und Ruhigstellen mit Medikamenten, sei der falsche Weg. In ihren 26 Jahren Arbeit als Logopädin habe sie noch kein Kind erlebt, mit dem es nicht möglich gewesen wäre, in Kontakt zu kommen. Eine Beziehung herzustellen. Und für Kinder und Eltern eine neue Lebensqualität zu finden. Das größte Problem sei die unterschiedliche Wahrnehmung von „normalen“ und autistischen Menschen. „Wir gehen immer von unserer Wahrnehmung aus. Aber wir müssen uns klarmachen: Meine Wahrnehmung ist nicht deine Wahrnehmung.“

Eltern müssten anerkennen, dass sie ein Kind haben, dass die Dinge nun mal komplett anders sehe. Mal lauter, mal leiser, mal schneller, mal langsamer, mal heller, mal undeutlicher, mal intensiver ... „ein Leben in Extremen“.

Ihr zweites Buch

Gerade hat die Autorin ihr zweites Buch veröffentlicht. „Kinder im Autismus-Spektrum verstehen und unterstützen“.“

Es ist ein Ratgeber, der sich speziell an Eltern und Begleiter richtet und niederschwellige Angebote bereithält. Denn: Bis Eltern einen Therapieplatz bekommen, vergehen oft Jahre. So prall gefüllt sind die Wartezimmer und Wartelisten der Therapeuten. Und die Tendenz, dass Kinder die Diagnose bekommen, ist stark steigend, meint die Therapeutin. Die Gründe seien vielfältig. Zum einen sähen heute Ärzte und Eltern genauer hin, auf der anderen Seite gibt es vielfältige weitere Faktoren. Traumata, Stress und Erkrankungen während der Schwangerschaft und im weiteren Verlauf andere ungünstige Einflüsse.

Zudem haben Kinder heute oft zu wenige Möglichkeiten, sich zu bewegen, sich und ihren Körper auszuprobieren, mal laut zu sein, herumzuhüpfen und irgendwo hochzuklettern. Jeder Mensch ist besonders, jeder hat seine eigene Wahrnehmung und jeder hat seine besonderen Bedürfnisse. Vielleicht gelingt es uns mit diesem Blick, diesem Wissen besser in Kontakt zu kommen, mit den Kindern, die oftmals so ganz anders erscheinen als andere Kinder.