Weinheim

Naturin hat als Name ausgedient

„Die Entscheidung war fast schon überfällig“, sagt Wilfried Schobel, Geschäftsführer der Viscofan DE GmbH, und gewährt Einblicke in die aktuelle Lage des Weinheimer Traditionsunternehmens.

Der Naturin-Schriftzug ist verschwunden. Der Wursthüllenhersteller heißt seit einigen Monaten nur noch Viscofan, bleibt dem Standort Weinheim aber nach Auskunft von Geschäftsführer Wilfried Schobel weiterhin eng verbunden. Foto: Thomas Rittelmann
Der Naturin-Schriftzug ist verschwunden. Der Wursthüllenhersteller heißt seit einigen Monaten nur noch Viscofan, bleibt dem Standort Weinheim aber nach Auskunft von Geschäftsführer Wilfried Schobel weiterhin eng verbunden.

Als 1990 der Weinheimer Wursthüllenhersteller Naturin vom spanischen Unternehmen Viscofan übernommen wurde, war die Aufregung zunächst einmal groß. Da war es ein Trost, dass zumindest der Name „Naturin“ erhalten blieb. Schließlich ist das Unternehmen seit 1933 einer der prominentesten Vertreter der Weinheimer Wirtschaft. Als 2008 daraus der Doppelname „Naturin Viscofan“ wurde, hatte niemand etwas dagegen; die Verbindung hatte sich bewährt. Doch seit einigen Monaten ist der Schriftzug „Naturin“ gänzlich aus dem Stadtbild verschwunden. Der Standort firmiert seither unter dem Namen Viscofan DE GmbH. Doch das sei kein Grund zur Sorge, betonen Geschäftsführer Wilfried Schobel und Personalchef Thomas Böhler im Gespräch mit der Redaktion.

Jahrzehntelang gehörte der Schriftzug „Naturin“ zum Weinheimer Stadtbild; 2008 gesellte sich der Name Viscofan dazu. Foto: Simon Hofmann
Jahrzehntelang gehörte der Schriftzug „Naturin“ zum Weinheimer Stadtbild; 2008 gesellte sich der Name Viscofan dazu.

Beide sind schon lange bei dem Unternehmen – Böhler 35 Jahre, Schobel 29. Ein bisschen Nostalgie habe die Entscheidung deshalb zwar schon begleitet, aber sie sei auch ein Aufbruchsignal, findet Böhler. Denn längst sei Weinheim ein integraler Bestandteil des Viscofan-Konzerns. „Als Naturin 1990 übernommen wurde, waren wir der erste Auslandsstandort von Viscofan“, blickt Schobel zurück, „heute hat der Konzern Produktionsstandorte in 14 Ländern.“ Und Weinheim liefere seine Produkte über die Vertriebswege des Konzerns in mehr als 100 Länder. „Da war diese Entscheidung fast schon überfällig“, sagt Schobel.

Denn der Markt hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Die Kunden würden immer größer und damit nicht nur die Anforderungen an die Effizienz, sondern auch an ein einheitliches Auftreten auf dem Weltmarkt, erläutert der 59-jährige Geschäftsführer.

„Trotzdem fühlen wir uns als Unternehmen Weinheim weiterhin sehr verbunden“, betont Schobel. Als Beispiele nennt er den engen Kontakt zur Stadtverwaltung, die Mitwirkung beim Weinheimer Bündnis Ausbildung („Zweiburgen-Talente“), die Unterstützung der „Lern-Praxis-Werkstatt“ von Job Central und die Förderung zahlreicher Veranstaltungen als Sponsor. „Daran wird sich auch unter dem neuen Namen nichts ändern.“

500 Mitarbeiter in Weinheim

Rund 500 Mitarbeiter hat Viscofan in Weinheim; sie erwirtschaften nach Schobels Angaben rund 200 Millionen Euro Jahresumsatz. In den vergangenen Jahren habe man sowohl die Produktionskapazitäten für Wursthüllen als auch für Nahrungsergänzungsmittel, die seit 2018 zum Angebot gehören, erhöht.

Was den Einsatz von Collagen in der Medizin angeht, arbeite man weiter an „interessanten Lösungen“. So sei die Sparte Bio-Engineering von Viscofan DE zum Beispiel als Koordinator bei dem von der Europäischen Union geförderten Forschungsprojekt „Triankle“ aktiv, das sich mit der Entwicklung von künstlichen Achillessehnen auf Collagenbasis befasst. Neben mehreren Universitäten ist dabei unter anderem der FC Barcelona als Partner mit im Boot. Der Weg bis zur Marktreife sei im Bereich Medizin und Pharma jedoch weit, räumte Schobel offen ein. Das könne man nicht mit den Entwicklungszyklen in der Lebensmittelbranche vergleichen. „Wir haben gelernt, geduldig zu sein“, erklärt der Geschäftsführer, der vom wirtschaftlichen Potenzial der 2007 gegründeten Sparte Bio-Engineering weiterhin überzeugt ist.

Nachfrage-Delle seit Jahresbeginn

Beim Blick auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ist Schobel aktuell nicht ganz so optimistisch. Der Boom bei den vegetarischen Wursthüllen, den Viscofan seit der Einführung seiner „Veggie“-Sparte 2019 erlebt hat, sei seit Beginn des Jahres 2023 abgeflacht. Auch bei den klassischen Wursthüllen habe man zum ersten Mal seit 15 Jahren in den ersten beiden Quartalen eine stagnierende Nachfrage gesehen.

Er gehe zwar davon aus, dass dies nur eine „Delle“ in der Nachfrage ist, die man in wenigen Monaten wieder überwunden haben werde, so Schobel. Aber es bleiben die Sorgen wegen der hohen Energiekosten, die sich seit 2020/21 um den Faktor drei erhöht hätten.

Kritik an Wirtschaftspolitik

Dass es der Politik nicht gelinge, verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Unternehmen in Deutschland wissen, worauf sie sich einstellen müssen, sei derzeit das größte Problem. Das gefährde letztlich die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland, warnt der Geschäftsführer vor den volkswirtschaftlichen Folgen. pro