Geburt

Das ändert sich nun für werdende Weinheimer Mütter

Die GRN-Klinik setzt bei ihren Hebammen auf ein komplett neues System. Im WN-Gespräch erklären die Geburtshelferinnen, was sich ändert. Und sie erzählen von den bewegendsten Momenten im Job.

Die Hebammen Stefanie Krackhecke (links) und Leonie Schönberg kümmern sich um die werdenden Eltern Alyssa und Marcel Kiss. Foto: Marco Schilling
Die Hebammen Stefanie Krackhecke (links) und Leonie Schönberg kümmern sich um die werdenden Eltern Alyssa und Marcel Kiss.

Weinheim. Der Geburtshilfe der Weinheimer GRN-KIinik stehen große Veränderungen bevor. Bereits ab kommenden Samstag wird das dortige System von festangestellten Mitarbeiterinnen auf freiberufliche Hebammen umgestellt. „Es ist kein Geheimnis, dass wir in der Vergangenheit große Probleme hatten, Hebammen zu finden“, sagt Dr. Lelia Bauer, Chefärztin der Gynäkologie und Geburtshilfe.

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Pandemie, Grippewelle und individuelle Krankheitsfälle dünnten die Personaldecke der Hebammen in den vergangenen Jahren immer wieder gefährlich aus. Um die Geburtshilfe überhaupt 24 Stunden aufrechterhalten zu können, habe das GRN auf Hebammen von Leihfirmen zurückgreifen müssen. „Der Systemwechsel war nicht einfach und dauerte mehrere Jahre“, erzählt Bauer. Tatsächlich wird die Selbstständigkeit und freiberufliche Tätigkeit in dem Berufsfeld immer beliebter. Flexibilität bei den Arbeitszeiten, so Bauer, sei vielen sehr wichtig.

Durch den Wechsel verändere sich für werdende Mütter nichts zum Nachteil, verspricht Stefanie Krackhecke, Sprecherin des Hebammenteams. Im Gegenteil: „Eigentlich verändern sich die Dinge nur zum Guten.“

Rund um die Uhr bereit

Nach wie vor stünden die Hebammen rund um die Uhr zur Verfügung, Patientinnen könnten auch ohne vorherige Anmeldungen kommen. „Durch einen höheren Personalschlüssel ist uns künftig aber eine noch intensivere und kontinuierlichere Betreuung möglich“, sagt Krackhecke. Insgesamt bestünde das Team nun aus 18 Hebammen. Gearbeitet werde in Zwölf-Stunden-Schichten. „Dadurch gibt es weniger Wechsel in der Versorgung.“

Auch die Hebammen profitierten von dem Zweischichtsystem. Oft selbst Mütter, käme ihnen der Dienstbeginn um 8 Uhr bei der eigenen Familienbewältigung sehr entgegen. „Wer ausgebrannt ist, der kann sich nicht empathisch um andere kümmern“, betont die Geburtshelferin. Allzu oft habe sie beobachtet, dass Hebammen nach ihrer Elternzeit nicht mehr in den Beruf zurückkehrten, weil sie die Versorgung ihrer eigenen Kinder und der „Jobbabys“ nur schwer unter einen Hut bekommen.

Diese Betreuung kann im Übrigen ganz unterschiedlich intensiv aussehen. Frauen dürfen sich schon in der frühen Schwangerschaft mit Fragen und Nöten an das Team wenden. Dasselbe gilt während des Schwangerschaftsverlaufs. Auch, so Krackhecke, werde das Angebot der Elternschule wieder ausgebaut. Diese habe während der Pandemie mit erschwerten Bedingungen zu kämpfen gehabt. In der Elternschule finden beispielsweise Geburts- und Stillvorbereitungskurse statt. Nach dem großen Wunder der Geburt bieten die Weinheimer Beleghebammen etwa Rückbildungsgymnastik und Stillcafé an. „Dort beantwortet Fachpersonal Fragen zu Babyernährung und -pflege. Entscheidend für die Mütter ist aber die psychosoziale Komponente“, erklärt die Hebamme.

Oft sei es auch heutzutage noch so, dass die Frau mit dem Baby zuhause bleibt, während der Partner wieder arbeiten geht. Dabei bestehe die Gefahr, dass die Mütter sich im Wochenbett einsam und alleine fühlen. „Da ist es total wichtig, sich mit Gleichgesinnten austauschen zu können“, so Krackhecke. Und Hebammen-Kollegin Leonie Schönberg fügt hinzu: „Oft ist es dann schön, zu hören, dass man nicht alleine ist mit seinen Problemen.“ Und im entscheidenden Moment, wenn das Kind im Anmarsch ist? „Wenn das Baby kommt, könnten Frauen natürlich jederzeit zu uns kommen“, sagt Schönberg. Oftmals sei eher das Problem, dass sich werdende Mütter unsicher seien, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Die Fachfrau spricht aus Erfahrung: Sie war die betreuende Hebamme der 17-jährigen Kreidacherin Jennifer Spohn, die ihr Baby Jean-Milo im Saukopftunnel zur Welt brachte (wir berichteten). „Wenn sich Frauen unsicher sind, ist das eigentlich schon der richtige Hinweis, um zu uns zu kommen. Zu früh gibt es hier gar nicht.“ Es sei auch immer der Fahrtweg einzuplanen, gerade wenn Mütter aus dem Odenwald kommen. „Wehen bei angeschnalltem Gurt sind kein Spaß“, sagt die Hebamme. Allerspätestens, wenn starke Wehen im Fünf-Minuten-Takt kämen, die Mutter schon Schwierigkeiten beim Sprechen habe, sei es allerhöchste Zeit, sich zur Geburtshilfe zu begeben.

Dort angekommen, warten ab sofort die neuen Räume in warmen, weichen Farbtönen auf sie. Kombiniert mit den dimmbaren Lichtern entsteht die Gemütlichkeit eines Rückzugsortes. Denn eine Geburt, das könne man auch in der Tierwelt beobachten, sei auch immer eine Form von Rückzug, so Hebamme Krackhecke.

Mobile Wehenschreiber

Die wichtigsten Räume, die Kreißsäle, dienen für Geburten und Gesundheitschecks. Sie verfügen über mobile CTGs beziehungsweise Wehenschreiber. „Frauen brauchen viel Freiraum und Gestaltungsmöglichkeiten bei der Geburt“, erklärt Leonie Schönberg. Die beweglichen Wehenschreiber ermöglichten, dass die Mütter in spe ganz nach Belieben umherlaufen, auf dem Gymnastikball sitzen oder stehen können. In jedem Kreißsaal hängt ein Tuch von der Decke, an das die Frauen sich während der schmerzhaften Wehen krallen können.

Schmerzlindernde Wirkung

Auch gibt es ein Zimmer mit Gebärwanne und Entspannungsbad. Wasser, so Schönberg, sei vielen Patientinnen sehr wichtig bei der Entbindung. Allem voran wegen der schmerzlindernden Wirkung. In der Wickel-Oase, einem Raum mit vielen entsprechenden Tischen, können die Hebammen den frischgebackenen Müttern Hilfestellung geben. Es ist auch ein Ort, an dem die Mutter-Kind-Einheit gefördert werden kann. Das Stichwort wird in der Einrichtung großgeschrieben. Die sogenannte Goldene Stunde, die erste, die Mutter und Kind miteinander verbringen, sei essenziell, erklärt Krackhecke. „Sie fördert die Atemregulation des Kindes, die Temperatur und begünstigt den Stillbeginn. Es ist superfaszinierend, zu beobachten, wie schon frisch geborene Babys von Natur aus die Brustwarze finden.“ Selbst nach Kaiserschnitten werde die Goldene Stunde ermöglicht und der Mutter das Kind auf die Brust gelegt.

Das Wunder der Geburt, das merkt man im Gespräch mit den beiden Hebammen, hört auch nach jahrelanger Berufsroutine nicht auf, zu faszinieren. „Bis heute kommt es noch vor, dass ich mit den Müttern Freudentränen mit weine“, erzählt Hebamme Stefanie Krackhecke. Ehrlich und mitfühlend zu sein, bei Freud wie bei Leid, seien die wichtigsten Voraussetzungen für den Beruf. Diese bringen die freiberuflichen Hebammen mit.

Gemeinsam mit den aufpolierten Räumen, der höheren Personalstärke und der zusätzlichen Ausstattung die perfekten Bedingungen für noch viele Lebenswunder in der GRN-Klinik.

Bewegende Momente

Stefanie Krackhecke und Leonie Schönberg verbindet so einiges. Der Beruf, den sie seit elf Jahren ausüben. Die Kinder, von denen sie beide drei haben. Und die bewegenden Momente, schöne wie traurige, die sie beide als Hebammen erlebten.

Fragt man Krackhecke nach einer Geburtshilfe, die ihr besonders in Erinnerung geblieben ist, erinnert sie sich prompt an einen bestimmten Fall. Den einer werdenden Mutter, die erst in der 20. Woche bemerkte, dass sie schwanger ist. „Auf der Arbeit wurde sie wegen starker Unterleibsschmerzen nach Hause geschickt. Dann stellte sich heraus: Es ist nicht der Blinddarm, es ist ein Baby“, erzählt Stefanie Krackhecke. Bereits 40 Jahre alt und alleinstehend, war die Neuigkeit erschütternd. Zumal sie sich bereits mitten in der Schwangerschaft befand, wenige Monate vor Geburtstermin. Sie musste intensiv betreut werden. Der Weg bis zur Freude sei ein langer gewesen. Aber irgendwann war es da, das Mutterglück.

Eine der bewegendsten Geschichten von Leonie Schönberg war die eines minderjährigen Paares. Wissend, dass Mutter und Vater nicht in der Lage sind, sich um das Baby zu kümmern, schenkten sie ihm trotzdem das Leben. Und die junge Mutter entband, um dem Säugling in einer anderen Familie eine Zukunft zu schenken. Auch schenkte sie ihm die sogenannte Goldene Stunde, die erste, die Mutter und Kind unmittelbar nach der Geburt miteinander verbringen. Sie ist wichtig für Atem- und Temperaturregulation sowie für das Urvertrauen. „Das hat mich total bewegt, dass sie sich das getraut hat, obwohl sie wusste, dass sie das Kind anschließend weggeben würde. Trotz des jungen Alters war sie plötzlich so reif und reflektiert.“

„Es gibt Kinder, die sterben. Auch das gehört bei unserem Beruf dazu“, sagt Hebamme Stefanie Krackhecke. Manchmal ist es die Diagnose des Arztes, der keinen Herzschlag erkennen kann. Manchmal die Mutter, die sagt, dass sie ihr Kind nicht mehr spürt. Im besten Fall werden Befürchtung oder Diagnose bei der Kardiotokografie widerlegt. Doch nicht immer haben Mütter dieses Glück. „Wir müssen es dann schaffen, die Frauen in ihrem Leid zu begleiten.“ Oft gebe es das Bedürfnis, das tote Kind zu sehen, zu berühren und auf den Arm zu nehmen. „Es gibt Situationen, da weine ich selbst und weiß auch nicht mehr weiter“, sagt Krackhecke. „Aber das ist auch, was den Beruf ausmacht. Dass man aufrichtig mitfühlend ist.“