IPCC

Weltklimarat fordert drastische Klimaschutzschritte vor 2030

Deutliche Warnungen vor den Folgen zu lascher Klimaschutzmaßnahmen gibt es genug. Jetzt haben Regierungen selbst ein Dokument abgesegnet, das drastisches Handeln verlangt.

Der ausgetrocknete Uferbereich des Rheins bei Köln im vergangenen Sommer. Foto: Oliver Berg/dpa
Der ausgetrocknete Uferbereich des Rheins bei Köln im vergangenen Sommer.

Interlaken (dpa) - Die Klimaschutzziele der Welt sind in akuter Gefahr, wenn die klimaschädlichen Treibhausgase nicht noch in diesem Jahrzehnt drastisch gesenkt werden. Davor hat der Weltklimarat (IPCC) in seinem Synthesebericht gewarnt. Das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau (1850-1900) zu begrenzen, ist nach dem Bericht praktisch unmöglich. Die 1,5 Grad könnten sogar bereits in der ersten Hälfte der 2030er Jahre überschritten werden. Die Erwärmung liegt schon bei rund 1,1 Grad.

Newsletter

Holen Sie sich den WNOZ-Newsletter und verpassen Sie keine Nachrichten aus Ihrer Region und aller Welt.

Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzerklärung zur Kenntnis.

«Die Klima-Zeitbombe tickt» sagte UN-Generalsekretär António Guterres. «Aber der heutige IPCC-Bericht ist ein Leitfaden zur Entschärfung der Klima-Zeitbombe. Er ist ein Überlebensleitfaden für die Menschheit.» Guterres verlangte, dass Industrieländer das Netto-Null-Ziel bei Emissionen möglichst schon bis 2040 statt 2050 erreichen. Gemeint ist, dass dann nicht mehr Treibhausgase ausgestoßen werden als eingefangen werden können. Außenministerin Annalena Baerbock sagte, der Bericht mache «mit brutaler Klarheit deutlich, dass wir an dem Ast sägen, auf dem wir als Weltgemeinschaft sitzen.»

CO2-Emissionen müssten drastisch sinken - steigen aber

Zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels müssten die weltweiten CO2-Emissionen bis 2030 um 48 Prozent gegenüber 2019 sinken. Derzeit steigen sie jedoch - nach einem kleinen Rückgang wegen der Corona-Pandemie. Erstmals gibt der Weltklimarat auch eine entsprechende Vorgabe für 2035: minus 65 Prozent gegenüber 2019. «Das Tempo und der Umfang der bisherigen Maßnahmen sowie die derzeitigen Pläne sind unzureichend, um den Klimawandel zu bekämpfen», stellt der Weltklimarat fest.

«Die Dringlichkeit, bis 2030 etwas zu tun, ist gestiegen», sagte Mitautor Matthias Garschagen, Klimaforscher an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Der Klimawandel schreitet schneller voran und die Folgen sind stärker als zunächst gedacht, geht aus dem Bericht hervor. Fast die Hälfte der Weltbevölkerung, bis zu 3,6 Milliarden Menschen, leben demnach in Regionen, die besonders starke Folgen des Klimawandels erleben dürften.

Schon jetzt sind Folgen wie häufigere und stärkere Hitzewellen, Überschwemmungen und Dürren deutlich, etwa die Hitze und Überschwemmungen in Indien und Pakistan im 2022 und die anhaltende Dürre südlich der Sahara. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) berichtete gerade, dass es in Somalia wegen der Dürre im vergangenen Jahr bis zu 43.000 zusätzliche Todesfälle gegeben haben könnte.

Erwärmung bis 3,5 Grad möglich

Wenn die Regierungen ihre Anstrengungen zur Minderung der Emissionen nicht deutlich ausbauen, steuere die Welt auf eine Erwärmung von 2,2 bis 3,5 Grad zu, sagte der Generalsekretär der Weltwetterorganisation (WMO), Petteri Taalas. Um in der Nähe des 1,5-Grad-Ziels zu bleiben, gebe es nur eins, sagte Mitautor Peter Thorne: «Der Rest dieses Jahrzehnts wird entscheidend sein.»

Der Weltklimarat geht selbst in den beiden optimistischsten Szenarien mit sehr deutlicher Emissionsminderung davon aus, das die Erwärmung 1,5 Grad vorübergehend überschreiten dürfte, und dies für mehrere Jahrzehnte. Warum, ist klar: «Öffentliche und private Finanzströme für fossile Brennstoffe sind immer noch größer als die für Klimaanpassung und Klimaschutz», hieß es in dem Bericht.

«Botschaft der Hoffnung»

Der Vorsitzende des Weltklimarats, Hoesung Lee, nannte den Bericht dennoch eine «Botschaft der Hoffnung»: Denn das Wissen sei da, um den Klimawandel nachhaltig zu begrenzen, ebenso die finanziellen Mittel. Es müsse aber drei bis sechs Mal so viel investiert werden wie heute.

Das neue Dokument beruht auf sechs Berichten der vergangenen acht Jahre, die Tausende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erarbeitet haben. Es bringt ihre Erkenntnisse auf den Punkt und dient als Handlungsgrundlage für Politiker. Der Weltklimarat (IPCC) ist ein Gremium aus 195 Mitgliedsländern. Sie haben tagelang um jede Formulierung gerungen und den Synthesebericht abgesegnet. Das ist zwar mühsam, bedeutet aber, dass sie den Inhalt nicht mehr in Zweifel ziehen. Darauf aufbauend wollen sie in diesem Jahr anschauen, wie sich die bislang versprochenen Maßnahmen mit den Klimaschutzzielen vereinbaren lassen (global stocktake). Der aktuelle Bericht zeigt: Die Bilanz wird ernüchternd ausfallen.

Der Weltklimarat ruft in Erinnerung, dass die durchschnittliche globale Oberflächentemperatur seit 1970 so stark gestiegen ist wie in keiner anderen 50-Jahre-Periode seit mindestens 2000 Jahren. Er stellt stärker als zuvor heraus, wer am meisten geschädigt wird: «Verwundbare Gruppen, die in der Vergangenheit am wenigsten zum aktuellen Klimawandel beigetragen haben, sind unverhältnismäßig stark betroffen.»