Umfrage

Investitionsstopp? Chemie im Osten hadert mit dem Standort

Die Chemieindustrie liefert unverzichtbare Produkte für den Alltag. Doch viele Unternehmen im Osten sehen den Standort Deutschland zunehmend kritisch - mit Folgen für ihre Investitionspläne.

Einige ostdeutsche Chemieunternehmen erwägen, ihre Investitionen in Deutschland zurückzufahren. (Archivbild) Foto: Jan Woitas/dpa
Einige ostdeutsche Chemieunternehmen erwägen, ihre Investitionen in Deutschland zurückzufahren. (Archivbild)

Berlin/Leuna (dpa) - Ob Düngemittel, Kunststoffe oder chemische Grundstoffe für zahlreiche Industrieprodukte: Die Chemieindustrie liefert Produkte für viele Bereiche des Alltags. Dennoch will nach einer aktuellen Mitgliederumfrage des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) jedes zweite ostdeutsche Unternehmen seine Investitionen in Deutschland 2026 und 2027 zurückfahren. Mehr als jedes dritte plant, Investitionen ganz oder teilweise ins Ausland zu verlagern.

An der bundesweiten Umfrage beteiligten sich den Angaben zufolge rund 250 Chemie- und Pharmaunternehmen. Der VCI vertritt insgesamt etwa 2.000 Unternehmen. Für die regionale Auswertung wurden die Antworten von gut 20 ostdeutschen Teilnehmern gesondert betrachtet. Welche Unternehmen Investitionen kürzen oder verlagern wollen, teilte der Verband nicht mit. Die Befragung fand vor wenigen Wochen statt.

Krise trifft die Branche unterschiedlich

Die Ergebnisse passen zu Entwicklungen, die sich in Teilen der ostdeutschen Chemieindustrie bereits seit längerem abzeichnen. Der Düngemittelhersteller SKW Piesteritz warnt etwa, dass die besonders energieintensive Düngemittelproduktion in Deutschland wegen hoher Energiepreise an Wettbewerbsfähigkeit verliert. Auch in Leuna bleibt die Lage angespannt: Die als Auffanggesellschaft für die insolventen Domo-Werke gegründete Polyamid GmbH kämpft nach ihrer eigenen Insolvenz weiter um eine langfristige Zukunft des Standorts.

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Viele Unternehmen bewerten die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland kritisch. (Archivbild) Foto: Jan Woitas/dpa
Viele Unternehmen bewerten die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland kritisch. (Archivbild)

Nicht alle Teile der Branche sind jedoch gleichermaßen von der Krise betroffen. Vergleichsweise robust zeigt sich die Pharmasparte. So kündigte der Pharmakonzern Merz jüngst an, mehr als 100 Millionen Euro in seinen Standort Dessau-Roßlau zu investieren und dort rund 150 zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen.

Der Pharmakonzern Merz will mehr als 100 Millionen Euro in seinen Standort Dessau-Roßlau investieren und dort rund 150 zusätzliche Arbeitsplätze schaffen. (Archivbild) Foto: Jan Woitas/dpa
Der Pharmakonzern Merz will mehr als 100 Millionen Euro in seinen Standort Dessau-Roßlau investieren und dort rund 150 zusätzliche Arbeitsplätze schaffen. (Archivbild)

Hohe Kosten bremsen Investitionen

Die unterschiedlichen Beispiele spiegeln die Lage der Branche wider. Während einzelne Unternehmen investieren, sehen viele Betriebe hohe Hürden. Als größtes Investitionshemmnis nennen die Unternehmen in der Umfrage die hohen Kosten in Deutschland. Neun von zehn bewerten sie als eher oder stark negativen Einfluss, drei Viertel sehen auch die Energie- und Klimapolitik kritisch. Nur jedes zehnte Unternehmen möchte seine Investitionen im Inland ausweiten.

«Unsere Unternehmen verlieren nicht den Mut zu investieren - sie verlieren das Vertrauen in die Standortbedingungen», sagt Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin des VCI Nordost. Um Investitionen in Deutschland zu halten, brauche es verlässliche Rahmenbedingungen, weniger Bürokratie, schnellere Genehmigungen und wettbewerbsfähige Energiepreise.

VCI-Nordost-Chefin Nora Schmidt-Kesseler fordert bessere Standortbedingungen, weniger Bürokratie und wettbewerbsfähige Energiepreise. (Archivbild) Foto: Jennifer Brückner/dpa
VCI-Nordost-Chefin Nora Schmidt-Kesseler fordert bessere Standortbedingungen, weniger Bürokratie und wettbewerbsfähige Energiepreise. (Archivbild)

Bürokratie belastet, Erwartungen bleiben verhalten

Laut Umfrage empfinden 85 Prozent der Unternehmen Bürokratie und Regulierung als schwere oder sehr schwere Belastung. Sieben von zehn sehen darin zugleich das größte Innovationshemmnis. Jeweils 60 Prozent nennen hohe Rohstoffkosten sowie Steuern und Abgaben, 55 Prozent die Genehmigungspraxis und 50 Prozent die Energiekosten.

Entsprechend bleiben auch die Geschäftserwartungen verhalten. Die Hälfte rechnet mit sinkenden Erträgen, nur jedes fünfte Unternehmen mit einer Verbesserung. Bei den Umsätzen erwarten jeweils 45 Prozent einen Anstieg oder einen Rückgang.

Kritik an Bundesregierung und EU

Ein ähnlich schwieriges Bild zeigt sich auch bundesweit. Nach Angaben des VCI lag die Produktion der chemisch-pharmazeutischen Industrie im ersten Halbjahr drei Prozent unter dem Vorjahreswert. Die Investitionen gingen bereits das dritte Jahr in Folge zurück.

Auch die Wirtschaftspolitik bewerten viele ostdeutsche Teilnehmer kritisch. 65 Prozent geben der Bundesregierung die Noten «mangelhaft» oder «ungenügend», bei der EU-Kommission sind es 75 Prozent. «Deutschland kann sich im internationalen Wettbewerb dauerhaft hohe Standortkosten nicht leisten», sagt Schmidt-Kesseler. Politik müsse Investitionen ermöglichen statt behindern.