Sechs Monate Stillen nun auch in Deutschland empfohlen
Erstmals gibt es eine offizielle deutsche Leitlinie, wie lange Frauen optimalerweise stillen sollen. Mehr Druck soll es dadurch jedoch nicht geben.
Berlin (dpa) - Sechs Monate ausschließlich stillen – diese Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Ernährung von Babys gilt nun auch in Deutschland. «Reifgeborene Kinder sollten bis zum vollendeten sechsten Lebensmonat ausschließlich oder überwiegend gestillt werden», heißt es in der am Freitag vorgestellten neuen Leitlinie. Die bisherige Handlungsempfehlung für Deutschland lautete, in den ersten vier bis sechs Monaten ausschließlich zu stillen. Als reifgeboren gelten alle Babys, die nicht als Frühgeburt zur Welt kommen.
«Die Angleichung an die WHO-Empfehlung von sechs Monaten ausschließlichen Stillens erfolgt im Sinne einer international konsistenten Praxis und unter Berücksichtigung der neuen Datenlage», heißt es zu der Anpassung. Unter ausschließlichem Stillen wird die Ernährung ohne die zusätzliche Gabe von Flüssigkeiten, Flaschennahrung oder Beikost verstanden, beim überwiegenden Stillen werden zusätzlich Flüssigkeiten wie Wasser oder Tee gegeben.
Die WHO empfiehlt, auch nach der Einführung von Beikost bis zu zwei Jahre oder darüber hinaus zu stillen. In der neuen deutschen Leitlinie heißt es dazu: «Die Gesamtstilldauer für reifgeborene Kinder soll mindestens zwölf Monate betragen.» Das Gremium habe sich unter anderem wegen der günstigeren Studienlage auf die zwölf Monate fokussiert, erklärte Regina Ensenauer, Vorsitzende der Nationalen Stillkommission und Koordinierende der Leitlinie. Die Frage, welche Effekte 24 Monate Stilldauer haben, sei für die Leitlinie nicht gestellt worden.
Die Empfehlungen wurden aus einer großen Zahl von Beobachtungsstudien zu verschiedenen Gesundheitseffekten bei Kind und Mutter abgeleitet.
Welche positiven Effekte gibt es laut den Studien?
Beobachtungsstudien belegen einen statistischen, aber keinen ursächlichen Zusammenhang. Entsprechend vorsichtig werden die anzunehmenden Positiveffekte in der Leitlinie formuliert.
Demnach gibt es Anhaltspunkte, dass ausschließliches Stillen für sechs Monate und eine Gesamtstilldauer von mindestens zwölf Monaten beim Baby das Risiko für Mittelohr-Entzündungen, Darminfektionen und Asthma vermindert. Hinweise auf einen Schutzeffekt des Stillens gebe es auch bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen. Dazu zählen Krankheiten wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa.
Als uneinheitlich wird die Studienlage bei Übergewicht und Adipositas bewertet. Bei Effekten wie diesem gebe es andere Faktoren, die die Ausprägung mitbestimmten, erklärte Ensenauer – hier zum Beispiel die Ernährung im weiteren Kindheitsverlauf.
Der Leitlinie zufolge gibt es Anhaltspunkte auch dafür, dass eine kürzere Gesamtstilldauer und Nicht-Stillen das Risiko für Fehlstellungen der Zähne erhöhen können. Beim Saugen an der Brust werden demnach Muskeln im Mund-, Gesichts- und Rachenbereich stärker gefordert als beim Saugen an der Flasche, was die Entstehung von Zahn- und Kieferfehlstellungen beeinflussen kann.
Potenzielle Effekte machen die Experten auch bei ADHS und Autismusspektrum-Störungen aus: Es gebe Anhaltspunkte, dass längeres ausschließliches Stillen im Vergleich zu einer kürzeren Stilldauer und/oder einer geringeren Stillintensität beziehungsweise Nicht-Stillen mit einem geringeren Risiko für ADHS und Autismus einhergeht.
Damit ist kein ursächlicher Zusammenhang belegt. Grund können ganz andere Faktoren sein, in denen sich das Umfeld nicht oder wenig stillender Mütter von dem länger stillender Frauen im Mittel merklich unterscheidet.
Positive Effekte gibt es zudem wohl auch auf die mütterliche Gesundheit, etwa, was die Gewichtsreduktion nach der Schwangerschaft und die Risiken für Bluthochdruck und Diabetes Typ 2 angeht.
Wie ist die Empfehlung einzuordnen?
Es handelt sich um eine sogenannte S3-Leitlinie – die erste zur Stilldauer in Deutschland überhaupt. Sie basiert auf der Klassifikation der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Eine S3-Leitlinie ist die höchste Stufe wissenschaftlich basierter, medizinischer Leitlinien hierzulande. Die Leitlinie soll eine einheitliche Stillberatung und Stillförderung durch die verschiedenen Berufsgruppen wie Hebammen und Frauenärzte ermöglichen.
Die Empfehlungen gelten für reifgeborene und ausschließlich gesunde Kinder, da Studien, die Kinder mit bereits vorhandenen akuten oder chronischen Erkrankungen einschlossen, in der Leitlinie nicht berücksichtigt wurden. «Im Fall von vorliegenden Erkrankungen sollte daher individuell beraten werden.»
Erhöht die Leitlinie den Druck auf Frauen, stillen zu müssen?
«Leitlinien sind letztendlich Leitplanken, die das Handlungsspektrum darstellen sollen», sagte Michael Abou-Dakn vom St. Joseph Krankenhaus Berlin-Tempelhof, ein Autor der Leitlinie. Sie böten Hilfe für die Beratung – seien aber keineswegs verpflichtend. Die Frau habe immer die Wahl, frei zu entscheiden.
Die Empfehlung lasse Handlungsspielraum für Abweichungen, wenn die Situation der Mütter und Säuglinge dies erfordere, heißt es in der Leitlinie. Generell sei eine sensible Beratung essenziell, um Schuldgefühle bei Müttern zu vermeiden. Frauen, die kürzer oder länger stillen als empfohlen, dürften nicht stigmatisiert werden. «Sie dürfen nicht unter Druck gesetzt werden, weder zum Stillen noch zum Abstillen, noch dazu, vorzeitig Beikost zu geben.»
Wie viel wird in Deutschland gestillt?
Nach Ergebnissen der bundesweiten «Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland» (KiGGS Welle 2; 2014-2017) wurden nach der Geburt 68 Prozent der Säuglinge ausschließlich gestillt. Im Verlauf war eine deutliche Abnahme zu beobachten: Etwas mehr als die Hälfte (57 Prozent) wurden bis zum vollendeten zweiten Monat ausschließlich gestillt, 40 Prozent bis zum Ende des vierten und 13 Prozent bis zum Ende des sechsten Lebensmonats.
Aktuellere Daten aus dem Qualitätssicherungsverfahren Perinatalmedizin (QS PM) zeigten für das Jahr 2023, dass 69 Prozent der Kinder bei Entlassung/Verlegung ausschließlich mit Frauenmilch, 17 Prozent teilweise mit Frauenmilch und 6 Prozent ausschließlich mit industriell hergestellten Milchersatzprodukten ernährt wurden.
Studiendaten weisen darauf hin, dass das Stillverhalten unter anderem vom Bildungsstatus der Mutter beeinflusst wird: 69 Prozent der Mütter
mit einem niedrigen Bildungsstatus gegenüber 95 Prozent der Mütter mit hohem Bildungsstand stillten ihr Kind demnach zeitweise. Mütter mit hohem Bildungsstatus stillten ihre Kinder zudem auch länger.