«Unvergessliches Geschenk» – Dankesbriefe nach Organspende
Wird ein Organ gespendet, muss Anonymität gewahrt werden. Doch in vielen Fällen gibt es Sehnsucht nach Austausch. In Briefen können Angehörige und Empfänger ihre Erfahrungen und Gefühle teilen.
Frankfurt/Main (dpa) - Aufregung, Freude, Sehnsucht. Das alles fühlt Lea Jantschke, als sie den ersten Brief von dem Empfänger einer Niere ihrer Mutter bekommt. Nachdem die Mutter der 27-Jährigen 2020 plötzlich an einem Hirnaneurysma verstorben war, entschied sich die Familie zur Organspende – und schenkte anderen Menschen damit eine Chance auf Leben.
«Es war wie ein kleiner Gruß von meiner Mama», erinnert sich Jantschke an den Tag, an dem der Brief ankam, ausgerechnet ein Jahr nach dem Tod ihrer Mutter. Sie habe ihn nicht erwartet, aber trotzdem Sehnsucht danach gehabt.
Das Schreiben habe ihr und ihrer Familie viel Halt in der Trauerphase gegeben. Ein Gedanke habe Jantschke besonders berührt: «Meine Mama ist jetzt ein Teil von dieser Familie.»
Rund 8.200 Menschen auf Warteliste
Die 27-Jährige schildert ihre Erfahrung auf einer Veranstaltung der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Deutschlandweit haben im vergangenen Jahr 985 Menschen nach ihrem Tod ein oder mehrere Organe gespendet. Die Zahl stieg im Jahresvergleich leicht um 3,4 Prozent, wie die DSO mitteilt.
Die Spenderorgane reichten aber weiter nicht aus. Zwar wurden mehr als 3.000 Organe gespendet, auf der Warteliste stehen aber laut DSO rund 8.200 Menschen.
Frühzeitig mit Organspende beschäftigen
Die Entscheidung, ob Organe entnommen werden oder nicht, müssen häufig die Angehörigen treffen. Denn in den meisten Fällen hätten sich die Menschen zu Lebzeiten nicht mit dem Thema auseinandergesetzt, erklärt die DSO.
Für die Angehörigen sei dies eine hohe Belastung, sagt Paula Barreiros, Geschäftsführende Ärztin der Region Mitte der DSO. Die Entscheidung falle in der Mehrzahl der Fälle gegen die Organspende aus, da der Wille des Verstorbenen nicht bekannt gewesen sei.
Lea Jantschke und ihre Mutter hatten über das Thema gesprochen – die Familie entschied sich dafür: «Meine Mama war immer sehr herzlich und hilfsbereit, es wäre gar nicht in ihrem Sinne gewesen, die Spende zu verweigern», sagt die 27-Jährige. Sie lege jedem nahe, sich frühzeitig mit diesem wichtigen Thema zu beschäftigen, sowohl persönlich als auch mit Angehörigen.
«Eine ganz besondere Beziehung»
In Dankesbriefen können sich Empfänger von Organen bei Angehörigen melden – wenn diese das wollen. Für Jantschke ist es «eine ganz besondere Beziehung mit dieser Person. Man spürt Verbundenheit, obwohl man sich nicht kennt.»
Bis zur ersten Antwort habe es etwa ein Jahr gebraucht. Sie habe die richtigen Worte finden und sich Zeit lassen wollen, erinnert sich die 27-Jährige. Immer noch stehe sie mit dem Nieren-Empfänger in regelmäßigem Kontakt. Die Briefe seien über die Jahre persönlicher und länger geworden. Beide Seiten kennen sich trotzdem nicht namentlich.
Trost in Briefen finden
Zahlreiche weitere Briefe sind in den vergangenen Jahren geschrieben worden, die DSO hat beispielhaft einige davon veröffentlicht. «Kein Wort, dass ich schreiben kann, wird jemals den Schmerz lindern können, den Sie empfinden», heißt es in einem. Die Entscheidung zur Organspende «hat nicht nur mein Leben gerettet, sondern auch das Leben meiner gesamten Familie in einer Weise berührt, die wir nie in Worte fassen können», heißt es in dem Schreiben. «Sie haben mir ein unvergessliches Geschenk gemacht.»
In ebenfalls rührenden Worten bedankt sich ein Patient oder eine Patientin nach einer Lebertransplantation per Brief. «Jeder Atemzug, den ich heute mache, jede Sonne, die ich spüre, jeder Moment, den ich mit meinen Liebsten teilen darf - all das verdanke ich den Menschen, den Sie gehen lassen mussten. Ich weiß, dass mein Glück aus Ihrem Schmerz geboren wurde.»
Aus rechtlichen Gründen gibt es zum Spender keine Informationen. Das beschäftigt den Absender oder die Absenderin: «Ich frage mich oft, wer Ihr geliebter Mensch war. Wie er oder sie gelebt hat, gelacht hat, geliebt hat.»
Zukunft für schwer krankes Kind
Auch die Familie eines transplantierten Kindes schrieb einen Brief. Von Geburt an sei die Tochter schwer krank gewesen, ohne neue Leber hätte sie ihren zweiten Geburtstag nicht erlebt. «Nur durch Ihre lebensrettende, selbstlose Entscheidung hat unsere Tochter eine Zukunft», schrieb die Familie, die den Angaben zufolge zwei Jahre um die richtigen Worte für den Brief rang.
Ein Empfänger, der einen solchen Brief geschrieben hat, ist Sascha Brandhorst. Der 55-Jährige erhielt vor etwa drei Jahren eine Lungentransplantation. 16 Jahre lebte er zuvor mit Lungenfibrose. «Von einem auf den nächsten Tag war klar, ich brauche eine Transplantation oder es ist nichts mehr zu machen», sagt er sichtlich bewegt. Es sei um Leben oder Tod gegangen.
Nach einiger Zeit schrieb Brandhorst an die Familie des Spenders oder der Spenderin. «Das war sehr schwer, Leid und Glück liegen so eng beieinander.» Worte zu finden, habe gedauert, doch schließlich sandte er den Brief mit Vermittlung der DSO ab. Gesundheitlich gehe es ihm heute gut, sagt der 55-Jährige, der in Frankfurt lebt und in der IT-Branche arbeitet. «Es gibt keinerlei Einschränkungen.»