Rhein-Neckar

20. Geburtstag: S-Bahn Rhein-Neckar gibt Anlass zur Sorge

Zum runden Geburtstag herrscht kein Jubel. Zwar gibt es viel Lob, aber wie bis 2030 die Fahrgastzahlen verdoppeln werden sollen, ist offen.

Die S 6 hält seit Dezember 2020 auch in Sulzbach. Foto: Fritz Kopetzky
Die S 6 hält seit Dezember 2020 auch in Sulzbach.

S-Bahn-Fahrer sind in der Metropolregion Rhein-Neckar in den vergangenen zwei Jahren sukzessive zu leiderprobten Menschen geworden. Und da ist es am Ende ganz egal, ob man die S 5 in Eppingen betrachtet, die S 6 in Bensheim besteigt oder mit der S 4 in Schifferstadt strandet. Was macht man aber mit seiner ziemlich kranken Lebensgefährtin, wenn ihr Geburtstag ansteht? Man reißt sich zusammen, drückt ein Tränchen weg, gratuliert und erinnert sich an die Zeiten, als dieser „Spirit“ noch da war – diese Aufbruchsstimmung im Jahr 2003, von der jetzt in der S-Bahn-Werkstatt neben dem Ludwigshafener Hauptbahnhof gleich mehrmals die Rede war. Nicht zuletzt der Mannheimer Oberbürgermeister Christian Specht (CDU) verband die Erinnerung an diesen „Spirit“ zum Schluss der Gratulationskur mit einer dringenden Forderung an die Politik und an die Deutsche Bahn. Dazu später mehr.

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Ein neues Zeitalter

Wir schreiben den 14. Dezember 2003. Nachts um 0:08 Uhr fällt am neuen Bahnhof Ludwigshafen Mitte das Startsignal für die S-Bahn Rhein-Neckar. Ein kleines Feuerwerk wird damals sogar abgeschossen. Zu diesem Zeitpunkt ist das Rhein-Neckar-Dreieck einer der letzten Ballungsräume, der mit einem solchen System bedacht wird. Die Einzigartigkeit des Vorhabens liegt in der Struktur, wie auch die geistigen Väter der S-Bahn im Rückblick feststellen. Norbert Egger, einst Erster Bürgermeister in Mannheim, beschreibt die damalige Gemengelage. Mit Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen sitzen drei Länder mit am Tisch. Ein Staatsvertrag muss her. Heute ist zusätzlich noch das Saarland mit im Boot beziehungsweise im Zug.

Es ist ein neues Zeitalter, das damals eingeläutet wird. Der Verkehr – das war der Hintergedanke – sollte irgendwie demokratischer werden. Auch Menschen ohne Auto sollten mehr eingebunden werden in diese Gesellschaft, barrierefreier sollte vieles werden, das Auto sollte auch damals schon mal stehengelassen werden, wenn ein Einkauf in Mannheim, Ludwigshafen oder Heidelberg auf dem Plan stand. Die Elektrifizierung der Strecken stellte eine Mammutaufgabe dar – ebenso wie die Herrichtung Dutzender Bahnsteige.

Deutschland ist zu langsam

Der Germersheimer Landrat Fritz Brechtel erinnerte in seiner Funktion als Vorsitzender des ZÖPNV Süd daran, dass Letzteres damals innerhalb von drei Jahren geschah. Erfahrungen von heute zeigen hingegen, dass allein dieses Vorhaben des Bahnsteigbaus ein Jahrzehnt Planungsvorlauf benötigen würde. Deutschland – eine Essenz des Vortrags – ist träge geworden. Und das, obwohl die S-Bahn mit 20 noch vergleichsweise jung ist. Zuletzt schrieb Brechtel deshalb einen Brandbrief an Bahnchef Richard Lutz.

Die Realität der S-Bahn Rhein-Neckar stellt sich nach 19 Jahren Betrieb so dar, dass sie unter den Umständen der Zeit zu leiden hat. Es fehlen fähige Stellwerker. Weichen, Schienen und Signale sind oft alt und daher abgängig. Es fehlt insgesamt an Personal im System S-Bahn Rhein-Neckar – ein strukturelles Problem. Eines, das sich auch nicht in wenigen Wochen lösen lässt, wie Brechtel trotz des Brandbriefes an Lutz einräumt. Die Fehler waren früher da, so der Tenor.

Elke Zimmer, in Mannheim zu Hause und als Staatssekretärin im Stuttgarter Verkehrsministerium unterwegs, weiß: „Die Bahn hat im Qualitätsranking abgenommen.“ Trotzdem bezeichnete sie die S-Bahn als „das Rückgrat der Region“. Sie verbinde so viele Menschen wie nie. Und: Es gibt da dieses ambitionierte Ziel, die Fahrgastzahlen im Jahr 2030 im Vergleich zum Jahr 2010 verdoppelt zu haben. Um ein solches Ziel zu erreichen, muss es nach Ansicht von OB Christian Specht jetzt schnell gehen.

„Nach Stuttgart 21 sofort starten“

In der Rolle des Vorsitzendes des Zweckverbandes Verkehrsverbund Rhein-Neckar sprach er eine Mahnung aus: Es werde schwer, den 30. oder gar 40. Geburtstag der S-Bahn zu feiern, wenn es nicht spätestens 2025 eine klare Lösung für ein drittes und viertes Gleis zwischen Mannheim und Heidelberg gebe. Ähnliches gelte für den Ausbau des Knotens Mannheim. Specht appellierte an die Politik und die Deutsche Bahn, dieses Projekt sofort nach Beendigung von Stuttgart 21 in Angriff zu nehmen.

Der Prügelknabe

Maik Dreser, Vorsitzender der Regionalleitung DB Regio Mitte, hat die Forderungen nicht zum ersten Mal gehört. Er ist manchmal der Prügelknabe in der S-Bahn-Familie. Dabei kann er oft nichts dafür. Dreser startete 2003 die erste S-Bahn und erinnert sich, dass damals 40 Triebwagen für eine Strecke von 240 Kilometern zur Verfügung standen. Inzwischen gab es mehrere Ausbaustufen. 150 Fahrzeuge sind mittlerweile auf 603 Kilometern zwischen Osterburken, Homburg und Karlsruhe unterwegs.

Positiv in die Zukunft

14 Millionen Kilometer legt die S-Bahn jährlich zurück und befördert in dieser Zeit 44 Millionen Fahrgäste. „Auch wenn es viele Herausforderungen gibt: Wir blicken positiv in die Zukunft“, so Dreser. Fragt man ihn nach seinen Vorstellungen von S-Bahn in 20 Jahren, dann spricht er von autonomen Rangiermanövern, von einem hohen Maß an Digitalisierung und völliger Barrierefreiheit.

Schon zum Geburtstag waren Musiker in den S-Bahnen unterwegs, um Ständchen zu spielen. Auch Musik soll ja im Fall schlimmer Erkrankungen zur Gesundung beitragen.