Region

Afrikanische Schweinepest: Schwarzwild soll jetzt verstärkt bejagt werden

Landwirtschaftliche Woche Südhessen: Bergsträßer Kreisbeigeordneter Matthias Schimpf kündigt neue Strategie gegen ASP an.

Zwischen Heppenheim und Bensheim wurden mehr als 40 mit ASP infizierte Wildschwein-Kadaver entdeckt. Foto: Paul_Henri
Zwischen Heppenheim und Bensheim wurden mehr als 40 mit ASP infizierte Wildschwein-Kadaver entdeckt.

Region. Die Afrikanische Schweinepest (ASP) hat große Teile Südhessens seit Juni fest im Griff. Der Kreis Bergstraße steht nun unmittelbar vor einem Paradigmenwechsel: In drei bis fünf Wochen soll das Schwarzwild dort verstärkt bejagt werden. In der kommenden Woche finden vorbereitende Gespräche mit den Revierinhabern statt. Ziel: Das Gebiet von der B 38a bis zur Autobahn A 5 soll laut dem Bergsträßer Kreisbeigeordneten Matthias Schimpf (Grüne) „eine Schwarzwild reduzierte Zone“ werden. Man habe erkannt, dass der Bau von Zäunen allein auf lange Sicht die Ausbreitung der Tierseuche nur verlangsamen, aber nicht stoppen könne. „Die Zeit läuft ganz massiv und rasant gegen uns“, so Schimpf.

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Im Rahmen der Landwirtschaftlichen Woche Südhessen in der Reichelsheimer Reichenberghalle sprach er als zuständiger Dezernent zur aktuellen Lage und sparte dabei auch nicht mit Kritik an der Landespolitik: „Unsere Hoffnung auf mehr koordinierende Maßnahmen vonseiten der Landesregierung wurden enttäuscht.“ Und: „Wir haben zu lange den übergeordneten Behörden vertraut.“

Steigende Zahlen

Im Kreis Bergstraße habe man wellenartige Bewegungen des Seuchengeschehens beobachtet. Erst habe es sehr wenige Funde gegeben bis Ende Oktober/Anfang November 2024, seitdem stiegen die Zahlen „relativ horrend“. So habe man allein im Naturschutzgebiet „Tongruben“ zwischen Heppenheim und Bensheim um die Weihnachtszeit über 40 mit ASP infizierte Kadaver entdeckt. Auch im Ried sei die Zahl gestiegen, inzwischen habe man auf Hambacher Gemarkung ebenso einen positiven Fund gemacht wie in Bensheim.

Das Seuchengeschehen habe sich also nicht so eingrenzen lassen wie gewünscht. Die errichteten Zäune hätten nicht die gewünschte Wirkung gehabt. Das habe sich auch beim Wildgehege bei Einhausen gezeigt: Die dort lebenden 22 Wildschweine seien mit einem doppelten Zaun gesichert gewesen – am 7. November sei bei einer Kontrolle noch alles gut gewesen, zwei Tage später seien fünf der Tiere tot gewesen, gestorben an der ASP. Untersuchungen zeigten, dass bis auf ein oder zwei Tiere alle infiziert gewesen seien.

Da weder Zäune noch sogenannte Saufänge geholfen hätten, tue nun ein Strategiewechsel not. Je näher das Frühjahr mit seinem immer reichhaltiger werdenden Nahrungsangebot für die Tiere komme, umso unattraktiver würden Saufänge. Durch diese sollten ortsansässige Rotten mit Futter angelockt und in ihrem angestammten Gebiet gehalten werden.

Eine gezielte Entnahme von Schwarzwild in den verschiedenen Sperrzonen sei vom Land so nicht gewünscht gewesen. Doch bereits am Montag bei der Eröffnung der Landwirtschaftlichen Woche hatte Landwirtschaftsminister Ingmar Jung es angesprochen, dass das Schwarzwild künftig verstärkt bejagt werden müsse. Und so startet in wenigen Wochen im Kreis Bergstraße ein Pilotprojekt: Ab der Autobahn A5 aufwärts beginnt die „Zielentnahme“ – der Abschuss – ganzer Rotten in Zusammenarbeit mit örtlichen Jägern und mithilfe von Drohnen. Mit der Bejagung der Tiere hofft man zu verhindern, dass sich die Seuche weiter in den Odenwald ausbreitet. Die Allgemeinverfügung wird entsprechend geändert.

Entschädigung für Landwirte

Schimpf äußerte sich auch zum Thema Entschädigung für Landwirte, die finanziell durch die Tierseuche arg gebeutelt sind, nicht selten sind sogar Existenzen bedroht. Die Schweinepest begann zur Erntezeit. Entschädigt werden müssen auch Landwirte, deren Schweinezucht von der ASP betroffen ist. Bisher sind acht Schweinehaltungsbetriebe im Kreis Groß-Gerau betroffen, noch keiner im Kreis Bergstraße. Die Entschädigung zahlt je zur Hälfte die Tierseuchenkasse und das Land Hessen.

Die betroffenen Ställe seien nun „leergelaufen“, ein Nachbesatz sei wegen der ASP nicht möglich, die Frage nach entsprechender Unterstützung, die diese Bauern vor dem Ruin schützt, wird lauter. Darüber hinaus falle „ein Teil regionaler Wertschöpfung weg“, Hofläden müssten schließen. Der Schaden sei immens. Hier fordert Schimpf vom Land eine einheitliche Richtung, wie man agieren soll. Da das nicht passiert sei, „wäre es schön, wenn wenigstens die drei betroffenen Kreise – Bergstraße, Darmstadt-Dieburg, Groß-Gerau – an einem Strang ziehen“, so Schimpf.

Insgesamt 3,5 Millionen Euro stehen im Bergsträßer Haushalt 2025 zur Bekämpfung der Seuche zur Verfügung. Es gebe einen Krisenstab, der sich täglich austausche. „Wir stehen das nur gemeinsam durch“, so der Grünen-Politiker. „Die Situation treibt uns sehr um. Wir wären gerne freier in unseren Entscheidungen.“

Im Gespräch mit den Landwirten machte Schimpf klar, dass der Kreis selbst bisher keine Zäune gebaut habe, das sei Landessache gewesen. Einzig die Überwachung liege bei den Kreisen. Der Einfluss des Kreises auf den Zaunbau sei sehr gering, Absprachen, wo die Zäune stehen – etwa mit Landwirten, Jägern oder anderen Ortskundigen – seien eher die Ausnahme, was bedauerlich sei. Das Problem bei den Zäunen: In einem dicht besiedelten Gebiet wie der Region habe ein solcher zwangsläufig viele Durchlässe.

„Wir wissen nichts“

Hans Trumpfheller, Vorsitzender des Regionalbauernverbandes Starkenburg, wollte genauere Informationen über den geplanten Zaunbau entlang der B 38 und der B 45. „Wir wissen nichts“, kritisierte auch er die mangelnde Kommunikation mit dem Land. Aus dem ASP-Krisenstab seien er und Kreislandwirt Sebastian Glaser rausgeflogen, weil sie Kritik geübt hätten. „Warum redet man nicht mit den Orts- und Kreislandwirten und dem Bauernverband?“

Moniert wurde von anderer Seite, dass Anträge wegen Entschädigung bezüglich der ausgefallenen Mais-ernte unbearbeitet „seit vier Monaten bei der Gemeinde“ liegen würden. Hier riet Schimpf, das entsprechende Formular auf der Internet-Seite des Kreises zu nutzen. Zuständig seien nicht die Gemeinden, sondern einzig die Veterinärämter.