Weinheim

„Alltagsrassismus ist ein ständiger Begleiter“

Florence Brokowski-Shekete ist nicht nur Schulamtsdirektorin am Staatlichen Schulamt Mannheim, sondern auch Bestseller-Autorin und Podcasterin. Wir haben die Autorin zum Gespräch getroffen.


Bettina Wolf
von Bettina Wolf

22.09.2024


Eloquent, scharfsinnig, humorvoll: Florence Brokowski-Shekete will mit ihren Büchern, ihrem Podcast und Lesungen Brücken bauen. Foto: Tanja Valérien
Eloquent, scharfsinnig, humorvoll: Florence Brokowski-Shekete will mit ihren Büchern, ihrem Podcast und Lesungen Brücken bauen.

Was bedeutet der Begriff Alltagsrassismus und was verbirgt sich dahinter? In welchen Situationen sprechen wir von Alltagsrassismus. Ist es rassistisch, wenn die Gesellschaft von Schwarzen Ärzten, Sachbearbeitern, Lehrerinnen oder Menschen, die im Zug in der 1. Klasse sitzen, immer noch irritiert ist?

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Florence Brokowski-Shekete ist Pädagogin, Schulamtsdirektorin und Coach mit ihrer Agentur für interkulturelle Kommunikationsberatung. Zudem hostest sie einen Podcast, der bereits mehrfach nominiert wurde. Die beiden Bücher „Mist, die versteht mich ja.“ und „Raus den Schubladen“ entstanden aus privaten und beruflichen Erfahrungen mit Rassismus und standen lange auf der SPIEGEL Bestseller-Liste. Aktuell arbeitet die Wahl-Heidelbergerin an dem Nachfolge-Titel: "SchwarzWeiss" (Es geht auch anders. Gespräche über Alltagsrassismus) in dem sie, gemeinsam mit Radiomoderatorin Marion Kuchenny, typische Situationen des alltäglichen Rassismus aufzeigt und Tipps dagegen gibt.

Liebe Frau Brokowski-Shekete, wann haben Sie das letzte Mal Rassismus erlebt?

Letzte Woche. Ich weiß aber, dass diese Person, die mich sehr unverschämt behandelt hat, diesen Vorwurf weit von sich weisen würde. Das ist wie ein Reflex: Menschen agieren rassistisch und sind dann aber empört und beleidigt, wenn sie darauf angesprochen werden. Oft kommen Antworten wie: „Ich kann gar nicht rassistisch sein, ich kaufe mein Obst doch immer beim Türken“ oder „Bei mir arbeitet auch eine Schwarze Person …“ Es gibt zahllose Situationen, die ich als rassistisch empfunden habe, die mein Gegenüber für sich anders eingeordnet hat. Ganz eindeutig rassistisch war es, als mir nicht geglaubt wurde, dass ich eine Fahrkarte für die 1. Klasse in der Deutsche-Bahn hatte. Nach dem Motto: So wie ich aussehe, kann ich gar kein Gast der 1. Klasse sein.

Sie sprechen und schreiben viel über Alltagsrassismus – was genau ist das eigentlich?

Wenn ich kontextlos gefragt werde, wo ich herkomme, und dann immer weiter nachgefragt wird, weil mein Gegenüber mit der Antwort "aus Buxtehude" nichts anfangen kann. Oder wenn jemand wegen seines Nachnamens nicht zum Vorstellungsgespräch oder zur Wohnungsbesichtigung eingeladen wird. Wenn weiße Menschen die Straßenseite wechseln und ihre Handtaschen ängstlich an sich ziehen, wenn ihnen Schwarze entgegenkommen. Oder der Platz neben einem bleibt im Zug oder im Bus frei. Das sind alltagsrassistische Situationen, die den meisten Menschen aber nicht bewusst sind. Diese Mechanismen sind so tief in der Gesellschaft verwurzelt, dass sie weißen Menschen gar nicht auffallen.

Sie werden wahrscheinlich häufig nach Ihrer Herkunft und Biografie gefragt – ist es anstrengend, sich immer wieder erklären zu müssen?

Bis zum Jahr 2020 wollte ich über dieses Thema nicht öffentlich sprechen. Mir war wichtig, dass sich die Frage nach meiner Hautfarbe nicht mit meiner beruflichen Karriere vermischt. Als ich Schulleiterin in Schwetzingen wurde und die Presse ein Interview mit mir führen wollte, waren die Fragen nach Herkunft und Hautfarbe tabu. Ich wollte nicht als "DIE Schwarze" angesehen werden, der man einen Job gegeben hat, weil sie schwarz ist. Ich wollte, dass man mich in meiner Professionalität erlebt. Irgendwann hatte ich jedoch eine Ebene erreicht, da wusste ich, da kommt nichts mehr, weil ich an der Position richtig war. Und dann habe ich gesagt: Jetzt kannst du öffentlich werden. Jetzt kann man dir nicht mehr vorwerfen, du hast den und den Job bekommen, weil du im Fernsehen bist oder viel Aufmerksamkeit bekommst. Deshalb sind die Fragen nach meiner Herkunft und die Antworten darauf inzwischen Teil meiner Arbeit. Ich sehe mich als wandelndes Cultural Awareness-Seminar, das die Fragen, die die Menschen haben, beantwortet. Ich bin dann auch nicht beleidigt oder pikiert, ich sehe das als einen Teil meiner Daseinsberechtigung auf dieser Welt.

Eltern mit Schwarzen Kindern beklagen häufig eine Form des Alltagsrassismus, der für Außenstehende schwer nachzuvollziehen ist. Zum Beispiel die wiederkehrende Frage: „Dein Kind hat so entzückende Haare, darf ich mal anfassen?“ Oder: „Rosa steht ihr ja besonders gut bei der Haut …“ Wie lässt sich das einordnen?

Das passiert nicht nur Kindern. Ich erlebe das tagtäglich. Eine Person kam beispielsweise auf mich zu, mit den Worten „Ist das cool. Sind die echt?“ und hatte ihre Hände in meinen Haaren. Zuerst bin ich nur zurückgewichen. Aber dann habe ich doch reagiert und meinte: „Wenn eine Frau mit einer großen Oberweite vor Ihnen steht, fassen Sie sie doch auch nicht an und fragen, ob das echt ist.“ Ich agiere in diesen Situationen mit sehr drastischen Beispielen. Weil man es den Menschen sonst nicht klarmachen kann. Und auch das Beispiel mit den Farben: Damit bin ich aufgewachsen. Ich habe es gehasst und irgendwann nur noch Schwarze Kleidung getragen. Bis ich Michelle Obama im Fernsehen gesehen habe, die ja durchweg farbenfrohe, auffällige Kleidung trägt. Man kann sagen: Michelle Obama hat meinen Kleiderschrank revolutioniert. Heute, als Erwachsene, sehe ich es auch gelassener. Wenn wieder die Aussage kommt: „DIE Farben stehen IHNEN besonders gut“, denke ich nur: Ja. Stimmt. Danke. Aber für Kinder ist es traumatisch und Eltern sollten sich hier nicht erklären oder rechtfertigen müssen. Der Satz „Bitte fassen Sie mein Kind nicht an“ sollte ausreichen. Übrigens: auch Schwarze Menschen fassen mir in die Haare. Manchmal denke ich, es hat nichts mit Rassismus, sondern mit geistiger Reife und gesellschaftlichen Regeln zu tun, die viele Menschen einfach noch nicht gelernt haben.

Sie waren Schulleiterin und sind Schulamtsdirektorin. Begegnet Ihnen auf dieser Ebene trotzdem noch Rassismus?

Es kommt vor, wenn Menschen mich nicht kennen, allerdings: direkt ins Gesicht bekomme ich diese Dinge nie gesagt. Aber vor einigen Wochen traf ich eine Lehrerin, die sehr erstaunt war, als sie mich sah. Zuerst fehlten ihr direkt die Worte. Zum Abschied meinte sie - es sollte wohl ein Kompliment werden – „Ich wusste gar nicht, dass das Schulamt eine so, eine so ...“ (ich war gespannt, was jetzt wohl kommt) „schöne Schulrätin hat“. Generell wird in meinem Beruf Rassismus diffus verpackt oder intellektuell kaschiert.

Aber sind Pädagogen nicht eigentlich besonders aufmerksam, wenn es um Rassismus geht?

Das Lehrerzimmer ist ein Abbild der Gesellschaft. Pädagogen sind nicht bessere oder schlechtere Menschen als andere. Schule muss noch viel rassismussensibler werden, auch hier stehen wir noch ganz am Anfang. Auch Lehrkräfte müssen rassismuskritisch die eigenen Gedanken, den gesellschaftlichen Alltag und natürlich die Schulbildung ´- wie sie heute ist - reflektieren.

Hat Sie das Ergebnis der Wahl und das Erstarken der rechten Parteien in Europa überrascht? Befürchten Sie eine Zunahme von Rassismus?

Ja sehr. Trotzdem versuche ich positiv zu bleiben. Stichwort: Veränderungskurven. Ich habe das Gefühl, dass sich die Gesellschaft zurzeit relativ weit unten im Tal der Tränen befindet. Aber es wird nicht geweint, sondern um sich geschossen. Ich bin, wie viele Menschen um mich herum, ratlos und auch oft resigniert. Aber dann denke ich: Man darf nicht aufgeben. Wir müssen weiter versuchen, Brücken zu bauen und irgendwann geht die Kurve auch wieder nach oben. Hoffnung gibt mir zum Beispiel, dass Leimen einen Schwarzen Oberbürgermeister hat. Trotz einer starken AFD-Fraktion.

Am 27. Juni ab 19 Uhr lesen Sie im Weinheimer Rathaus. Der Abend soll unter dem Motto stehen: „Perspektiven öffnen und Brücken bauen“. Was erhoffen Sie sich von dem Abend und worauf freuen Sie sich besonders?

Ich freue mich immer auf Lesungen, denn die Menschen, die zu den Lesungen kommen, sind von vornherein interessiert und offen für die Themen. Und dadurch, dass ich von einer weißen Mama aufgezogen wurde und weiß sozialisiert bin, aber meine biologischen Eltern aus Nigeria kommen und ich drei Jahre in Nigeria gelebt habe, kann ich beide Seiten - die Schwarze Seite und die der weißen Mehrheitsgesellschaft - verstehen und vereine auch beide Seiten. Lesungen schaffen die Möglichkeit, dass die Zuhörerinnen und Zuhörer den Saal mit einer neuen Perspektive verlassen und dann wiederum in ihrem Umfeld Multiplikatoren für das gegenseitige Verständnis werden.