Spielclub Heidelberg bringt Hamlet auf die Bühne: Jeder Mensch kann eine Queen sein
Der QUEERclub des Heidelberger Theaters interpretiert mit "Hamlet – Queen of Sass" Shakespeare überraschen anders und überzeugt mit zwei fulminanten Aufführungen.
Heidelberg. Mit „Etwas ist faul im Staate Dänemark. Oder ist etwas faul im Zwinger 1?“ wagt sich der QUEERclub des Theaters und Orchesters Heidelberg an nichts Geringeres als die vielleicht größte Tragödie der Theatergeschichte: Shakespeares „Hamlet“. Anlass ist das 424-jährige Jubiläum der Uraufführung – und die Frage, warum uns dieser Text immer noch nicht loslässt.
Die junge Gruppe hat ein Jahr lang geforscht, ausprobiert und diskutiert, bevor sie nun in Zwinger 1 ihre Sicht auf den Klassiker präsentiert. Herausgekommen ist kein ehrfürchtiges Nachspielen, sondern eine kluge, witzige und gleichzeitig schonungslos ehrliche Auseinandersetzung. Die Spielerinnen fragen sich: Was bedeutet Rache im Jahr 2025? Wo begegnen uns Selbstzweifel im Alltag? Wie zeigt sich Liebe jenseits von heteronormativen Vorstellungen? Und: Warum schweigen die Theatertraditionen bis heute über Ophelias eigene Stimme, über ihre Sehnsüchte, vielleicht sogar über ihr Lieblingslied?
Die Aufführung überzeugt besonders durch ihre Vielstimmigkeit. Mal ironisch gebrochen, mal existenziell ernst, wechseln die Szenen zwischen performativer Aktion, persönlicher Reflexion und fragmentarischen Zitaten aus Shakespeare. So entsteht eine Collage, die den Staub von 424 Jahren abschüttelt und die Themen Rache, Patriarchat und Identität unmittelbar in die Gegenwart holt.
Formal erlaubt sich die Inszenierung Freiheiten: Musik, flackerndes Schwarzlicht und chorische Elemente werden neben klassische Monologe gestellt. Das wirkt stellenweise sperrig, ist aber gerade darin authentisch – es spiegelt die Zerrissenheit einer Generation, die mit den Schatten des Patriarchats ringt und gleichzeitig nach neuen Erzählweisen sucht.
Das Fazit: Der QUEERclub Heidelberg zeigt, dass „Hamlet“ kein museales Stück ist, sondern ein Projektionsraum für Fragen, die uns heute ebenso bewegen wie vor Jahrhunderten. „Etwas ist faul“ – ja, aber das Theater beweist hier, dass die Suche nach Antworten lebendig, divers und unbedingt relevant bleibt.
Wir haben uns mit Theaterpädagogin Franziska Kühnle über die Entstehung und die Hintergründe der ungewöhnlichen Inszenierung unterhalten.
"Jeder Mensch kann eine Queen sein"
Liebe Frau Kühnle, wie kam es zu dem Titel und was bedeutet er genau? (Königin der Frechheit?)
Franziska Kühnle: Der Begriff "Sass" ist in der queeren Kultur ein sehr gängiger. Er beschreibt eine bestimmte Art von Schlagfertigkeit. Das Wort "Queen" sehen wir im Titel geschlechtsneutral, jeder Mensch kann eine Queen sein. Wir sind auf den Titel beim Lesen des Stückes gekommen – der Titel ist ein Vorschlag aus der Gruppe, die sehr beeindruckt davon war, wie lustig und schlagfertig die Figur Hamlet im Stück ist.
Wie fanden sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen in diesem Spielclub zusammen?
Das Theater und Orchester Heidelberg bietet jedes Jahr verschiedene Spielclubs an. Seit diesem Jahr sind diese teilweise Zielgruppenorientiert, so haben wir beispielsweise einen FRAUEN*club und eben auch diesen QUEERclub. Die Teilnehmer*innen haben sich für diesen Club angemeldet.
Bühne frei für Kinder und Jugendliche!
Wer jetzt Lust bekommen hat und in der kommenden Spielzeit selbst in einem der Spielclubs mitspielen möchte, ist bei den Auftakttreffen genau richtig. Die finden vom 29. September bis 3. Oktober 2025 auf der Probebühne CARL (Carl-Bosch-Straße 4) statt. Zur Anmeldung schreibt eine Mail an kunstundvermittlung@theater.heidelberg.de
Der Spielclub nennt sich „queerer“ Spielclub. Warum?
Weil in dem Club nur junge Menschen sind, die sich in einem queeren safer space wohlfühlen. Der Club war von Anfang an als QUEERclub ausgeschrieben.
Welchen Hintergrund haben die jungen Erwachsenen (Schule, Studium) – oder ist jemand bereits professioneller Schauspieler*in?
Das ist unterschiedlich, professionell ist aber niemand. Da wir altersmäßig relativ divers sind (zwischen 16 und 24 Jahren) haben wir junge Menschen, die noch zur Schule gehen, welche, die studieren und auch welche, die bereits arbeiten.
Warum hat sich die Gruppe für „Hamlet“ entschieden? Was hat die Jugendlichen gerade an diesem Stück gereizt?
Ehrlich gesagt habe ich der Gruppe das Stück vorgeschlagen bzw. ihnen vorgesetzt. Wir haben bei den Spielclubs immer ein Spielzeitmotto, dieses Jahr war es „unter Hochspannung“. Ich wusste, dass ich mit dem QUEERclub zu diesem Thema arbeiten werde und mir war sehr klar, dass ich Lust habe einen Klassiker auseinander zu nehmen und danach zu forschen, was uns daran interessiert. Ich war gedanklich schnell bei Shakespeare, habe dann ein paar Stücke gelesen und bin bei Hamlet hängen geblieben, da so viele Themen in dem Stück sind, bei denen ich mir sicher war: Die sind spannend für junge Menschen. Die Gruppe war tatsächlich von Beginn an ziemlich begeistert, ein paar kannten das Stück schon, ein paar nicht, aber wir haben es dann zusammen gelesen und auf unsere Art bearbeitet.
Es werden Sexismus, Suizid und psychische Erkrankungen thematisiert, ebenso Mord. Schwere Kost für so junge Menschen. Eigentlich beschäftigt „man“ sich doch mit anderen Dingen beim Aufwachsen. Oder?
Die aktuelle Situation ist für queere Menschen weltweit gefährlich - Franziska Kühnle
Es wäre sehr schön, wenn ich hier sagen könnte, dass man sich mit diesen Themen nicht beschäftigt, das würde aber leider nicht der Wahrheit entsprechen. All diese Themen – vielleicht den Mord ausgenommen – sind Themen, mit denen sich die Teilnehmer schon viel auseinandergesetzt haben. Vor allem in einer queeren Gruppe sind diese Themen momentan super präsent. Die Situation für uns ist gerade eine gefährliche, wenn man sich die Angriffe auf CSDs und den Rechtsruck auf der Welt anschaut. Da kommt man um diese Themen eigentlich gar nicht herum.
Hamlet, angeblich der erste moderne Mensch auf der Bühne, wird noch immer gespielt und gefeiert. Ist das Stück noch zeitgemäß?
Ich glaube, das Stück ist in dem Moment zeitgemäß, in dem es reflektiert auf die Bühne gebracht wird. Shakespeare hat im 16. Jahrhundert geschrieben und das merkt man an jeder einzelnen Zeile, die die Figuren sagen oder – im Fall der weiblichen Figuren – nicht sagen. Trotzdem haben wir viele Anknüpfungspunkte gefunden. Das Stück kritisch, reflektiert und vor allem nicht kommentarlos auf die Bühne zu bringen ist für mich zeitgemäß.
Grundlegend ist Kritik am Patriarchat
Grundlegende Themen kommen zur Sprache wie Familie, Liebe, Hass, Rache. Mit welchem Aspekt haben sich die Jugendlichen am intensivsten auseinandergesetzt?
Wir haben uns jede Probe zwei Szenen aus Hamlet gemeinsam durchgelesen, besprochen und die Themen, die in den Szenen vorkommen gesammelt und dazu Texte geschrieben. So kann ich gar nicht so richtig sagen, mit welchem Thema sich am intensivsten auseinandergesetzt wurde, alle Themen hatten ihren Raum. Das Thema, was vermutlich über allem hing, war unsere große Kritik am Patriarchat.