Apotheker gehen auf die Barrikaden
Am Mittwoch, 15. November, bleiben die meisten Apotheken in Hessen geschlossen. Am 22. November „streiken“ die Kollegen in Baden-Württemberg.
Der Protest der Apotheker in Deutschland gegen die für sie untragbaren Zustände in ihrer Branche geht weiter. Am Mittwoch, 15. November, bleiben in Hessen die meisten Apotheken geschlossen. Eine Woche später – am Mittwoch, 22. November – folgen viele Apotheken in Baden-Württemberg.
Den Notdienst für den Bereich Weschnitztal und Überwald übernimmt am 15. November die Johannes-Apotheke in Mörlenbach (Weinheimer Straße 2, Telefon 06209/3324); für den Bereich Birkenau/Gorxheimertal ist im Nachtdienst die Birken-Apotheke in Weinheim (Kurt-Schumacher-Straße 1, Telefon 06201/64166) zuständig. Durch die Aufteilung der Protesttage auf die Bundesländer sind am 15. November tagsüber alle Weinheimer Apotheken zu den regulären Zeiten geöffnet.
Das sieht dann am 22. November anders aus: Dann werden sich die meisten Apotheken an der badischen Bergstraße dem Protest anschließen. Den Notdienst übernimmt dann die Weinheimer Rodenstein-Apotheke (Bahnhofstraße 11, Telefon 06201/12375).
Der Protest richtet sich gegen den Zukunftsplan des Bundesgesundheitsministeriums. „Das ist kein Zukunftsplan, sondern der finale Einstieg in das Ende der wohnortnahen Patientenversorgung mit Arzneimitteln und das Aus für die öffentlichen Apotheken vor Ort“, erklärt dazu Holger Seyfarth, Vorsitzender des Hessischen Apothekerverbandes.
Zur Kundgebung nach Dortmund
Auch im Odenwald werden am Mittwoch die Apotheken geschlossen bleiben, an diesem Tag wird nur der Notdienst über die Johannes-Apotheke in Mörlenbach zur Verfügung stehen. „Auch wir haben geschlossen, und wir fahren zu viert mit zu der großen Kundgebung in Dortmund“, erklärt beispielsweise Petra Gehron von der Johannis-Apotheke in Fürth. Der Landesverband hat eine ganze Reihe von Bussen organisiert, die Apotheker und Mitarbeiter aus allen Regionen nach Dortmund bringt.
„Unsere Apothekenteams arbeiten täglich bis zur Erschöpfung. Sie sind ausgelaugt und frustriert von den komplett an der Realität vorbeigehenden Vorschlägen und den jetzt auch noch absurden und realitätsfremden Äußerungen aus dem Bundesgesundheitsministerium“, erklärt Seyfarth in einer Pressemitteilung zu den kürzlich bekannt gewordenen Plänen von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) zur Zukunft der wohnortnahen Patientenversorgung mit Arzneimitteln und der öffentlichen Apotheken, die er als unausgegoren bezeichnet und denen er namens der hessischen Apothekerschaft eine klare Absage erteilt.
Schlichtweg nicht leistbar
Die von Lauterbach ins Spiel gebrachten zusätzlichen Leistungen zur Gesundheitsvorsorge seien für die Apotheken schlichtweg nicht leistbar, gerade „in Zeiten eines historischen Arzneimittelnotstandes, der für die Apothekenkunden unzumutbar ist, eines durchschlagenden Fachkräftemangels und im Angesicht des größten Apothekensterbens in der Geschichte der Bundesrepublik“.
Demnach sank die Zahl der Apotheken in Hessen von 1502 am Ende 2016 auf nur noch 1344 am Ende des dritten Quartals 2023. Habe die Bundesrepublik Ende 2016 noch 20 023 Apotheken gezählt, so seien es zum 30. September 2023 nur noch 17 733 gewesen. „Und dieser Trend setzt sich ungebremst fort“, so Seyfarth.
So fordern die Apotheken eine nachhaltige Sicherung der wohnortnahen Arzneimittelversorgung und eine Stärkung der öffentlichen Apotheken vor Ort. Bislang habe Berlin weder eine Anpassung der seit 20 Jahren unveränderten Apothekenvergütung noch eine nachhaltige Verbesserung des historischen Arzneimittelnotstandes – aktuell seien weit über 600 Medikamente nicht lieferbar – im Sinne der betroffenen Patienten wirklich auf der Agenda.
Im Rahmen des bundesweiten Protests wird die Bundesregierung zum sofortigen Handeln aufgefordert, um die öffentlichen Apotheken vor Ort nachhaltig zu stärken, damit sie weiterhin dem gesetzlichen Auftrag zur wohnortnahen Arzneimittelversorgung für die Menschen nachkommen können. „Dem Bundesgesundheitsminister bieten wir einmal mehr unseren konstruktiven Beitrag zur Lösung der aktuell für die Gesundheitsversorgung der Menschen brandgefährlichen Situation an und sind jederzeit zu Gesprächen auf Augenhöhe bereit“, macht Seyfarth deutlich.
Der Verband weist darauf hin, dass die Arzneimittelversorgung am 15. November einzig über die Notdienstapotheken aufrechterhalten bliebt. Die Patienten werden gebeten, dringend benötigte Rezepte am Dienstag oder wieder ab dem 16. November einzulösen, wenn die Apotheken wieder regulär geöffnet haben.
Protest sogar auf dem Kassenbon
Auch Esther Maria Herres-Bargon, die drei Apotheken in Weinheim, Lützelsachsen und Gorxheimertal betreibt, unterstützt den Protest der Apothekerverbände gegen Gesundheitsminister Lauterbach. Sogar auf den Kassenbons verleiht sie ihrer Empörung Ausdruck. „Übrigens sind wir der Meinung, dass K. Lauterbach als Minister untragbar ist“, ist dort zu lesen. Das kommt nicht bei allen Kunden gut an, die ein solches „Politiker-Bashing“ gerade in der heutigen Zeit ablehnen.
Sie bekomme aber auch viel Zustimmung, betont Herres-Bargon. Vor allem wolle sie dadurch mit den Kunden ins Gespräch kommen darüber, was unter diesen Minister gerade grundsätzlich falsch laufe in der Gesundheitspolitik. So beklagt sie, dass Lauterbach nicht einmal mit den Verbänden über seinen „Zukunftsplan“ reden wolle. „Natürlich braucht unser Gesundheitswesen eine Reform, aber diese muss gemeinsam erarbeitet werden“, meint die Weinheimer Apothekerin. Ihr dränge sich dagegen der Verdacht auf, dass Lauterbach das funktionierende System der freien Heilberufe durch eine staatliche Lösung ersetzen wolle. Welche negativen Folgen das hätte, könne sich jeder am Beispiel Großbritannien vor Augen führen.
Hinweis: Der Bericht wurde am 14. November um 14 Uhr ergänzt um Informationen zum baden-württembergischen Protesttag.