Erst stechende Kälte, dann Glücksgefühle - So war das Eisbaden in Wald-Michelbach
Baden in klirrend kaltem Wasser? Redaktionsmitglied Henrick Höhn hat den Versuch gewagt und berichtet von seiner Erfahrung beim Eisbaden-Workshop des DRLG Wald-Michelbach.
Wald-Michelbach. Das eiskalte Wasser fühlt sich wie tausend feine Nadeln an, die sich durch die Haut bohren. Erst an einem Fuß, dann am anderen. Doch es gibt keine Zeit, sich an die Kälte zu gewöhnen. Der Körper will sofort aus dem Becken springen, aber der Kopf sagt: setz dich hin! Der Atem stockt. All das, was Christian Döring die Stunde zuvor erklärt hatte, war in diesem Moment aus meiner Erinnerung gespült. Den Selbsttest beim Eisbaden im Waldschwimmbad Wald-Michelbach hingegen werde ich nicht so schnell vergessen.
Aber von vorne. Auf Social Media werden die Vorteile des Eisbadens seit ein paar Jahren gepriesen. Zahlreiche Podcasts wie „HubermanLab“ vom amerikanischen Neurologen Andrew Huberman oder Gäste bei dem US-Podcaster Joe Rogan werden nicht müde, die Gesundheitsvorteile des Badens im kalten Wasser zu bewerben: Dopamin, Serotonin, Oxytocin – allesamt Glückshormone. Darüber hinaus soll es den Kreislauf trainieren. Klingt doch ganz ordentlich. Diesem Reiz kann auch ich mich nicht entziehen. Als in der Redaktion die Frage aufkam, wer sich denn trauen würde, bei der DLRG Wald-Michelbach den Selbstversuch im Eiswasser zu wagen, war für mich klar: Das will ich machen.
Über Christian Döring
Hauptberuflich ist Christian Döring (48) Informatiker in der IT-Sicherheit bei einem Unternehmen in Mannheim. Der gebürtige Darmstädter lebt mit seiner Frau seit 2011 in Kreidach. Was ihm am Odenwald so gut gefällt? "Wir lieben das Landleben und genießen den Luxus, dass wir mit unseren drei Hunden direkt vom Haus aus in den Wald Gassi gehen können."
Mehr zu seinen Kursen gibt es hier.
Eisbaden bei zehn Grad
Als wir im Wald-Michelbacher Waldschwimmbad eintreffen, herrscht schon reges Treiben. Ein kleiner rechteckiger Pool wird vor dem DLRG-Vereinsheim gerade mit Wasser befüllt. Drumherum stehen schon die ersten Schaulustigen und Teilnehmer. Die Stimmung ist gut, wahrscheinlich weil das milde Wetter mit etwa zehn Grad im Kontrast zum kühlen Nass steht. Lediglich die dicke Eisschicht, die auf dem Wasser treibt, bringt mich zum Frösteln.
Wim Hof könnte darüber nur müde lächeln. Er ist mit 52 Minuten und 42 Sekunden Rekordhalter für das längste Eisbad. Außerdem hat der 65-jährige Niederländer auch die „Wim-Hof-Methode“, eine Kombination aus Atemtechniken, Kälteexposition und mentalem Training, entwickelt und bietet eine Ausbildung zum „Wim Hof certified Instructor“ an. Und wie es der Zufall will, hat DLRG-Mitglied Christian Döring genau diese Ausbildung beim Rekordhalter absolviert. Sich ohne Anleitung ins Eisbad zu stürzen - das kann unter Umständen gefährlich sein. Deshalb gibt es vor dem Selbstversuch eine ausführliche Einführung im DLRG-Clubhaus. Dort bereiten die anderen Mitglieder bereits kleine Süßigkeiten und Glühwein vor – zum Aufwärmen hinterher. „Alkohol direkt nach dem Eisbaden ist keine gute Idee“, stellt Döring sofort klar. Dann halt später.
Eigentlich ist Informatiker Christian Döring „ein totaler Kopfmensch“, wie er sagt. Doch das Eisbaden ist für ihn eine Herzensangelegenheit. Im wahrsten Sinne des Wortes: "Das Herz wird entlastet. Durch die von der Kälte ausgelöste Kontraktion, also das Sichzusammenziehen, werden die Muskeln um die Adern trainiert." Denn was viele nicht wissen: Das Herz ist nicht alleine dafür verantwortlich, das Blut von Kopf bis Fuß zu transportieren. Adern übernehmen auch einen Teil dieses Prozesses. Und schließlich freut es auch den Kopf: Bei Döring verbesserte sich durch das Eisbaden die Stimmung, er habe mehr Energie und er schiebe Dinge nicht mehr so lange vor sich her. Nebenberuflich bietet er auch Kurse rund um das Thema Atmung und Eisbaden an.
Tipps vom Profi
- Immer auf das eigene Bauchgefühl hören. Wenn man sich nicht gut fühlt, sollte man das Eisbaden lieber sein lassen. Umgekehrt sollte man auch nicht wegen Ängsten auf den tollen Effekt eines Eisbads verzichten.
- Geduld für sich selbst aufbringen: Die Anpassung an die Kälte dauert etwas. Je nach Typ schneller oder langsamer.
- Wer sehr empfindlich ist, kann mit kalten Duschen anfangen. Hier kann man so lange, wie man möchte heiß duschen aber man schließt die Dusche mit 15 Sekunden kalt duschen ab. Für eine Woche. Dann sollte die Zeit Woche für Woche kontinuierlich um 15 Sekunden gesteigert werden. Bis man bei 60 Sekunden ist. Das reicht, um sich an die Kälte zu gewöhnen.
- Wer die Atemübung machen möchte, kann einen Workshop besuchen oder auf der offiziellen Seite von Wim Hof informieren. Ganz wichtig: die Vorsichtsmaßnahmen müssen ernst genommen werden.
- Nie alleine ins Eisbad. Man sollte immer eine Person in der Nähe haben, die einen im Blick hält. Es kann nämlich sein, dass man einen Krampf bekommt. Dann ist man auf Hilfe angewiesen.
- Ganz wichtig: Eisbaden ist kein Sport! Es geht nicht um höher schneller weiter, sondern einzig um das persönliche Wohlbefinden. Das sollte immer im Vordergrund stehen.
- Dennoch: Die Atmung und das Eisbaden stellen keinen Ersatz für konventionelle Therapien dar. Personen mit gesundheitlichen Bedingungen sollten vorab einen Arzt konsultieren.
Von der Theorie in die Praxis
Los geht es mit einer Atemübung, einem kontrollierten Hyperventilieren. „Das macht ihr nachher aber auf keinen Fall im Becken!“, fügt Döring hinzu. Eine Folge von bewusstem Ein- und Ausatmen. „Es kann sein, dass danach die Finger ein bisschen kribbeln. Außerdem kommt es vor, dass jemand durch diese Übung kichern muss. Andere fangen an, zu weinen. Das ist ganz natürlich und völlig in Ordnung. Es geht dabei auch darum, wie gut ihr euch fallen lassen könnt.“ Diese Atemübung soll das Kälteempfinden reduzieren. "Man kann aber auch ohne diese Übung ins kalte Wasser gehen."
Schon nach den ersten paar stoßartigen Luftzügen mit angenehmem Glühweinaroma spüre ich, wie meine Stirn warm wurde und meine Hände, fest auf Brustkorb und Bauch gelegt, sodass man jeden Atemzug spürt, anfingen zu schwitzen. Mit so einem Effekt hatte ich direkt am Anfang nicht gerechnet. Gegen Ende der Übung kribbeln auf einmal meine Finger – und aus dem Nichts muss ich kichern. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht ist es das Adrenalin. Vielleicht ist es der Gedanke, wie absurd wir während der Atemübung von außen wohl aussehen müssen. Womöglich ist es aber auch einfach nur die Vorfreude, dass es jetzt gleich ins Eisbecken geht.
Die Stunde (oder zwei Minuten) der Wahrheit
Während der Atemübung tragen die DLRG-Mitglieder ständig Eisbrocken aus dem großen Schwimmbecken in unseren kleinen Pool. Wäre ja sonst auch kein Eisbaden. Und dann ist es so weit: Die ersten Fünf dürfen rein. Die Vorfreude? Ist weg. Mein Kopf ahnt, was kommt. Durch meinen Kopf huscht sogar der Gedanke zu kneifen. Dann geht aber alles plötzlich verdammt schnell: Bevor sich dieser Impuls aber festsetzen kann, sitze ich schon im Wasser. Ich bin umgeben von Eisschollen. Die Temperatur? Fünf Grad Celsius.
Sofort ist mein Körper im Panik-Modus: Die Atmung wird immer kürzer und flacher und ich verspüre den reflexartigen Drang, wieder aus dem Pool zu springen. Und was sollen wir nochmal machen, sobald wir im Wasser sind? Da war doch was mit den Händen. Arme überkreuzen und die Handflächen auf die Brust drücken. Erledigt. Adrenalin rast durch meinen Körper. Und dann ist meine mühsam trainierte Atmung völlig außer Kontrolle.
Sie wieder auf Wim-Hof-Niveau zu bringen, ist der schwierigste Teil. „Kurz einatmen, langsam ausatmen“, höre ich den Instruktor sagen, der uns vom Beckenrand weiterhin coacht. Ich klammere mich an seine Anweisung als wären sie eine Rettungsboje. Es klappt. Die Erleichterung hält nicht lange an. Denn schlagartig wird mir bewusst: Diesen bitterkalten Horror muss ich jetzt noch zwei Minuten aushalten. Als hätte Christian Döring meine Zweifel erhört, schüttelt er einen skurrilen Trick aus dem Ärmel, den ich bis heute nicht ganz verstehe. Ein lautes Ausatmen, das sich ein bisschen anhörte wie ein Schlagbohrer.
„Dadurch wird es wärmer“, sagt Döring. Zu meinem Erstaunen hat er recht. Die Nadelstiche, die das Wasser durch meinen Körper schicke, scheinen auf einmal an meiner Haut abzuprallen. Zumindest bis die unerbittliche Kälte beim Einatmen wieder ihre Wirkung entfaltet. Immer wieder verspüre ich den Impuls aufzustehen und dem Pool zu entfliehen. Aber ich bleibe sitzen – fokussiert auf meine Atmung. Als auch diese Hürde genommen ist und ich ein seltsames Gefühl der Entspannung empfinde, erlöst uns Christian Döring mit den Worten: „Und so schnell sind zwei Minuten vorbei.“ Und auch wenn es sich im Moment wie eine Ewigkeit angefühlt hatte: Im Nachhinein war es wirklich schnell vorbei.
Die Sache mit den Glückshormonen
Wie ist die Stimmung nach dem Eisbad? Gut. Aber den Effekt der Glückshormone hatte ich mir anders vorgestellt, greifbarer. Zumindest unmittelbar danach. Als ich später zu Hause war, merkte ich aber, dass meine Laune unschlagbar gut war – quasi aus dem Nichts. Ich verspürte innere Ruhe, meine Stimmung war unerschütterlich und ich war zufrieden.
Doch all die angepriesenen Effekte des Eisbadens haben ihren Preis. Sie kosten jede Menge Überwindung. Von dem Moment, in dem ich vor dem Pool stand über die mentale Herausforderung in das Becken zu steigen und mich hinzusetzen bis hin zum inneren Kampf, im klirrend kalten Wasser sitzen zu bleiben. Mein Kopf musste meinen Körper dazu zwingen. Das Eisbad war nicht nur gutes Training für meinen Kreislauf, sondern auch für den Geist. Denn wie Christian Döring sagt: „Die Kälte ist reine Kopfsache.“
Was ein Arzt zu dem Thema Eisbaden sagt, finden Sie hier.