Erste Hilfe für die Seele: Kreis stärkt Notfallseelsorge Bergstraße
Trost spenden, wenn Worte fehlen: Die Notfallseelsorge im Kreis Bergstraße leistet seit fast 25 Jahren unverzichtbare Arbeit. Nun wird ihre Zukunft gesichert – mit einem neuen Finanzierungsmodell und einem klaren Bekenntnis zur Bedeutung dieses Ehrenamts.
Kreis Bergstraße. Ab dem Jahr 2026 wird im Bergsträßer Kreishaushalt ein Budget in Höhe von 20.000 Euro zur Verfügung stehen, aus dem die Leitung der Notfallseelsorge (NFS) in der Größenordnung einer 25-Prozent-Stelle finanziert werden kann. Angebunden bleibt die Stelle an das Evangelische Dekanat Bergstraße, wo seit der Gründung vor fast 25 Jahren – im nächsten Jahr feiert die Notfallseelsorge ihr Silberjubiläum – die Geschäftsstelle angesiedelt ist. Leiterin der Notfallseelsorge Bergstraße ist aktuell Pfarrerin Jasmin Setny. Am vergangenen Freitag wurde nun die von Kreisausschuss und Dekanatssynodalvorstand beschlossene Vereinbarung unterzeichnet. Der Vertrag gilt zunächst für einen Zeitraum von fünf Jahren und verlängert sich automatisch um zwei Jahre, wenn er nicht gekündigt wird. Die Unterzeichnung durch Landrat Christian Engelhardt und die stellvertretende Dekanin Silke Bienhaus erfolgte im Rahmen des traditionellen Herbstfestes, zu dem der Förderverein der Notfallseelsorge seine Mitglieder und die Akteure der Notfallseelsorge alljährlich einlädt.
Schwindender Kirchensteuereinnahmen
Die künftige Organisation der Bergsträßer Notfallseelsorge war über etliche Monate hinweg ungeklärt. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau hat zwar in Sachen Notfallseelsorge Pionierarbeit geleistet – vor über 30 Jahren wurde in Wiesbaden die erste Gruppe im EKHN-Gebiet gegründet –, doch in Zeiten schwindender Kirchensteuereinnahmen und angesichts des Fachkräftemangels auch im Pfarrberuf wird auch bei den „Ersthelfern für die Seele“ gekürzt. So muss die halbe Pfarrstelle, die bislang die Leitung übernommen hatte, gestrichen werden. Die Frauen und Männer, die sich in der Notfallseelsorge engagieren, tun das allesamt ehrenamtlich. Professionell begleitet werden sie im „Haus der Kirche“ durch eine Pfarrerin und ein Sekretariat. Unterstützt wird die NFS auch durch den Beauftragten für Notfallseelsorge des Katholischen Bistums Mainz. Nach Ausscheiden der Pfarrerin wird künftig die durch die Kreismittel geschaffene Stelle die Koordination übernehmen.
Förderverein gegründet
Die Sekretariatsstunden werden auch künftig aus Kirchensteuermitteln der EKHN finanziert. Zur Ko-Finanzierung von Ausbildung und Ausstattung – ausdrücklich nicht zur Finanzierung von Personalkosten – wurde im Jahr 2008 der Förderverein Notfallseelsorge Bergstraße gegründet. Er zählt mittlerweile rund 130 Mitglieder, darunter Einzelmitglieder, Kirchengemeinden, Kommunen und Einrichtungen im Kreis Bergstraße. Aus Kirchensteuermitteln wird nach wie vor in die Ausbildung sowie in die Geschäftsstelle investiert, aber zur Finanzierung einer verantwortlichen Koordination ist laut Dekanat die Unterstützung durch den Landkreis unverzichtbar. Der Landrat machte kein Geheimnis daraus, dass der Kreis Bergstraße und das Evangelische Dekanat Bergstraße mit der stellvertretenden Dekanin Silke Bienhaus und weiteren Repräsentanten „über die Frage der Finanzierung seit einiger Zeit in einem engen Austausch stehen“. Und er ließ auch keinen Zweifel daran aufkommen, dass mit Blick auf die Rettungskette zur Gefahrenabwehr im Landkreis die Notfallseelsorge Bergstraße ein wichtiger Faktor ist.
Arbeitskreis 1999
Im Jahr 1999 schlossen sich Hilfsorganisationen im Kreis Bergstraße und die christlichen Kirchen zusammen, um gemeinsam einen ehrenamtlichen Unterstützungsdienst für Menschen, die von einem plötzlichen Unglück getroffen wurden, auf den Weg zu bringen. Kurze Zeit später wurde in der Kreisstadt Heppenheim der Arbeitskreis Notfallseelsorge (AK NFS) ins Leben gerufen, der bis heute aus Vertretern der evangelischen und katholischen Kirche sowie der Deutschen Lebensrettungs-Gesellschaft (DLRG), des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), der Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH), des Malteser Hilfsdienstes (MHD), der Freiwilligen Feuerwehren (FFW) und des Technischen Hilfswerks (THW) besteht. Am 1. Juni 2001 nahm die Bergsträßer Notfallseelsorge dann ganz praktisch ihre Arbeit auf. Initialzündung für die Gründung eines Kriseninterventionsteams war das Busunglück am 14. Juni 1994 auf der Autobahn 67 zwischen Gernsheim und Lorsch gewesen. Bei dem Unfall hatte ein Holztransporter Ladung verloren, und beim Ausweichversuch stürzte ein Reisebus eine Böschung hinunter: Sechs Tote und 45 Verletzte waren die Folge.
60 Personen im Einsatz
Die Notfallseelsorge begann vor nunmehr fast 25 Jahren mit 39 Ehrenamtlichen, die für ihre Tätigkeit zuvor umfassend geschult wurden. Heute sind rund 60 Frauen und Männer aus unterschiedlichen Bereichen und Berufen für die Einrichtung tätig. Sie sind in Zweierteams rund um die Uhr und 365 Tage im Jahr dienstbereit. Über die Leitstelle gerufen wird die Notfallseelsorge im Landkreis Bergstraße vorwiegend bei plötzlichem häuslichem Tod, Suizid, Unfällen, Brand oder – gemeinsam mit der Polizei – zur Überbringung einer Todesnachricht, aber auch in Folge von Gewaltverbrechen. Im Jahr 2024 wurde in jeder der 22 Kommunen des Kreises „Erste Hilfe für die Seele“ geleistet. 157 Einsätze wurden im vergangenen Jahr registriert.