Goldene Hochzeit in Wald-Michelbach: Lieben und Leben in zwei Ländern
Wahre Liebe kennt keine Grenzen – das beweisen Mustafa und Sultan Dogru, die nun ihr 50-jähriges Ehejubiläum feiern. Ihre bewegende Geschichte führt von der Türkei nach Deutschland und von harten Entscheidungen zu erfüllten Träumen.
Wald-Michelbach. Wahre Liebe kennt keine (Landes-)Grenzen: Sie hatten es wahrhaftig nicht immer einfach. Trotzdem feierten Mustafa und Sultan Dogru nun ihre Goldene Hochzeit. Das Paar ist seit 50 Jahren verheiratet, bekam vier Kinder und freut sich mittlerweile über fünf Enkelkinder. Das jüngste ist gerade einmal sechs Monate alt und hält Oma und Opa mit ihren 69 und 71 Jahren ganz schön auf Trab.
„Es ist ein besonderes Jubiläum für meine Eltern, das nicht nur ihre tiefe Liebe, sondern auch ihr bewegtes Leben zwischen zwei Ländern widerspiegelt“, sagt Ismail Dogru, der mit 48 Jahren das älteste der Kinder ist. Er beschreibt das Leben der Eltern als Reise, die in der Türkei begann und in Wald-Michelbach fortgesetzt wurde. „Voller Herausforderungen, Erfolge und wertvoller Erinnerungen“, findet Ismail. Die Liebe der Eltern haben er und seine Geschwister sich zum Vorbild genommen. „Ihre Geschichte erzählt von Mut, Entschlossenheit und der unerschütterlichen Kraft der Familie“, schwärmt der Älteste. Er bewundert bis heute, dass sein Vater und seine Mutter trotz Schwierigkeiten immer füreinander da waren.
Nur mit Respekt
„Sie respektierten sich, verstehen einander und wissen, dass eine lange Ehe auch bedeutet, manchmal eigene Interessen zugunsten des anderen zurückzustellen.“ Ohne Respekt, ohne füreinander da zu sein, da ist Ismail sicher, würde eine Ehe nicht so lange halten. „Das ist ihr Geheimnis für fünfzig gemeinsame Jahre“, betont er.
Im Februar 1974 lernten sich Mustafa und Sultan in ihrer Heimatstadt Konya kennen. Bereits ein Jahr später hielt Mustafa um die Hand seiner Liebsten an, und die beiden gaben sich das Ja-Wort. Ihre Ehe begann in der Türkei, doch schon bald sollte ihr gemeinsamer Lebensweg in eine neue Richtung führen. Mustafas Vater Kamil hatte bereits 1973 das Ausland als seine neue Arbeitsstätte gewählt. Er war einer von vielen Gastarbeitern, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben ihre Heimat verließen, um sich dort etwas aufzubauen. 35 Jahre lang arbeitete er bei Freudenberg in Weinheim und legte so den Grundstein für die Zukunft seiner Familie in Deutschland. Inspiriert von den Möglichkeiten, die das fremde Land bot, folgte Mustafa nach seinem Militärdienst im Jahr 1975 seinem Vater nach – zunächst allein, aber mit dem festen Vorsatz, nur wenige Jahre zu bleiben, Geld zu sparen und dann in die Türkei zurückzukehren, um mit seinem Bruder das bereits eröffnete Elektrogeschäft auszubauen.
Das junge Paar wurde also schon im ersten Jahr nach seiner Hochzeit durch die Ferne getrennt. Ein harter Einschnitt für eine frische Ehe. „Doch anstatt zu verzweifeln, hielten sie an ihrer Liebe fest und nahmen die Herausforderung an“, betont Ismail. Seine Eltern wussten, dass sie diese Zeit überstehen mussten, um sich eine bessere Zukunft aufzubauen.
Von Köln in den Odenwald
Die erste Station von Mustafa war allerdings nicht bei seinem Vater in Weinheim, sondern in Köln, wo er bei Ford eine Anstellung fand. Die fremde Sprache, die neue Umgebung und das ungewohnte Arbeitsklima waren Herausforderungen, die er mit Entschlossenheit und harter Arbeit meisterte. Nach einem Jahr holte ihn sein Vater Kamil dann in den Odenwald, da er gehört hatte, dass die Coronet-Werke in Wald-Michelbach Arbeitskräfte suchten.
„Was eigentlich nur vorübergehend sein sollte, wurde schnell zur neuen Realität: Mustafa begann 1978 als Maschinenbediener bei Coronet, und bereits nach zwei Jahren wurde er zum Vorarbeiter ernannt. Kurze Zeit später stieg er zum Leiter der Abteilung Schäumerei auf, wo Haushaltswaren im Spritzgussverfahren hergestellt wurden.“
Doch Arbeit war nur ein Teil seines Lebens. 1979 stand Mustafa vor der Entscheidung, zurückzukehren oder seine Frau Sultan und die mittlerweile zwei gemeinsamen Söhne, Ismail und Fatih, nach Deutschland zu holen. Er entschied sich dafür, und für die junge Familie begann ein neues Kapitel, das von Hoffnung, aber auch von Entbehrungen geprägt war. „Die Ankunft in einem fremden Land, ohne Sprachkenntnisse, ohne das vertraute soziale Umfeld, stellte uns alle vor große Herausforderungen“, erinnert sich der Redner. Doch die Dogrus hielten zusammen und fanden mit der Zeit ihren Platz in der neuen Heimat.
Fest verwurzelt
Während Mustafa in seinem Beruf aufstieg, wuchs auch die Familie weiter. 1984 wurde Tochter Nuray in Weinheim geboren, 1987 folgte der jüngste Sohn Kamil. Die Familie war nun fest in Deutschland verwurzelt, auch wenn die Sehnsucht nach der Heimat nie verschwand, denn ein Großteil der Familie war ja noch dort.
Die Kinder wuchsen in Deutschland auf und erhielten eine gute Ausbildung. „Auch ich ging zu Coronet und machte dort eine kaufmännische Ausbildung“, erzählt Ismail. Anschließend studierte er Betriebswirtschaftslehre und arbeitet heute als Betriebswirt wieder in den ehemaligen Räumlichkeiten der Coronet. Fatih entschied sich für eine handwerkliche Laufbahn als Fliesenleger, während Tochter Nuray eine Ausbildung zur Friseurin machte. Kamil, das Nesthäkchen, entschied sich für eine technische Laufbahn und absolvierte eine Ausbildung bei Freudenberg zum Techniker.
Mustafa hat insgesamt sechs Geschwister – zwei blieben in der Türkei, während vier nach Deutschland kamen und hier ihr Leben aufgebaut haben. Diese enge familiäre Verbindung half ihm, sich in der neuen Umgebung einzuleben und trotz der Entfernung zur Heimat stets ein Gefühl von Zusammenhalt zu bewahren. Auch viele deutsche Freunde und Bekannte begleiteten ihn auf seinem Lebensweg, und einige dieser Freundschaften pflegt er bis heute.
Auch Sultan wuchs in einer großen Familie auf. Ihre Eltern und Geschwister blieben in der Türkei, was bedeutete, dass sie ihre Familie nur selten sehen konnte. Deshalb war es ihr stets besonders wichtig, die Sommerferien mit den Kindern in der Türkei zu verbringen. Fast jedes Jahr reiste sie mit ihnen für mehrere Wochen in die Heimat, um ihre Eltern und Geschwister zu besuchen.
„Diese Reisen wurden zur festen Tradition, um die Verbindung zur Familie aufrechtzuerhalten“, sagt Ismail. Früher seien die Reisen in die Türkei jedoch eine echte Herausforderung gewesen – mit dem Auto quer durch Europa, über tausende Kilometer, mit kleinen Kindern auf der Rückbank, ohne die heutigen Annehmlichkeiten wie Navigationsgeräte oder Klimaanlagen. „Es war anstrengend, aber es war auch ein Abenteuer“, erinnert sich der Älteste. „Damals gab es noch nicht in jedem Land ausgebaute Autobahnen, und wir mussten oft über Landstraßen fahren. Die Reise dauerte mindestens drei Tage – manchmal noch länger, wenn es Pannen oder andere Verzögerungen gab.“
Ein Ereignis, das Mustafa nie vergessen wird, ist der Flugzeugabsturz in Izmir, den er wie durch ein Wunder überlebte, weil er kurz vorher das Flugzeug verließ. „Meine Zeit war noch nicht gekommen“, sagt Mustafa heute mit Dankbarkeit – aber dieses Ereignis habe sein Leben geprägt.
Unermüdlich aktiv
Heute pendelt das Paar saisonal zwischen beiden Ländern. Die Eheleute sind sehr naturverbunden und haben sowohl in Deutschland als auch in der Türkei große Gärten, in denen sie fast alles anpflanzen, was man sich vorstellen kann. Gemüse wird kaum eingekauft, Mustafa und Sultan sind fast Selbstversorger. Das hält fit und gesund. „Als Handwerker kann Ismails alter Herr auch nur schwer still sitzen. Er braucht immer ein Projekt – sei es im Garten, bei Reparaturen oder Renovierungen. „Ob für sich selbst, die Familie oder Bekannte – irgendwas gibt es immer zu tun.“
Nach dem Renteneintritt erfüllten sich Mustafa und Sultan einen lang gehegten Traum: Sie bauten sich in ihrer Heimatstadt auf dem Land in der Nähe von Konya ein Haus, in dem sie die Frühlings- und Sommermonate verbringen. Sobald jedoch der Herbst naht, kommt auch die Sehnsucht – zu ihren Kindern und Enkeln, die sie mit offenen Armen erwarten.