Birkenau/Region

Neue Bleibe für flinke Waldbewohner

Sind unsere Waldameisen noch zu retten? Ein Lehrgang für Förster und andere Spezialisten beschäftigt sich mit dem Thema Umsiedlung

Unter den Teilnehmern am Lehrgang zum Thema Waldameisenumsiedlung in der „GudStubb“ in Nieder-Liebersbach befanden sich unter anderem Förster, Naturfreunde, Forstleute und Jäger aus der Region. Foto: Blühendes Liebersbach
Unter den Teilnehmern am Lehrgang zum Thema Waldameisenumsiedlung in der „GudStubb“ in Nieder-Liebersbach befanden sich unter anderem Förster, Naturfreunde, Forstleute und Jäger aus der Region.

Es sind kleine, emsige Waldbewohner, die man bei einem Waldspaziergang oft nicht beachtet und sogar mit den Füßen tritt. Mit bloßem Auge sind die diversen Arten nicht zu unterscheiden, auch ein Spezialist benötigt zur Artbestimmung eine Lupe. Dabei ist die wichtige Rolle der Waldameisen für das Gleichgewicht des Ökosystems „Wald“ unbestritten. Doch sie werden weniger. Und das Thema Umsiedlung rückt immer mehr in den Fokus.

„Waldameisen sind die Gesundheitspolizei des Waldes" (Siegfried Winkler)

„Unsere Waldameisenpopulationen haben in der Region massiv abgenommen. In manchen Gemarkungen um 70 Prozent, teilweise noch darüber“, heißt es in der Mitteilung des Vereins Blühendes Liebersbach, der als Gastgeber für einen selten angebotenen Lehrgang fungierte. In der „GudStubb“ in Nieder-Liebersbach hatte Siegfried Winkler, Naturschützer und langjähriger Revierförster in Birkenau, einen Lehrgang zum Thema „Waldameisenretter“ mit dem Landesverband Hessen der Deutschen Ameisenschutzwarte organisiert. An dieser Fortbildung nahmen unter anderem Förster, Naturfreunde, Forstleute und Jäger aus der Region teil.

Warum sind wir auf Ameisen angewiesen? „Waldameisen sind die Gesundheitspolizei des Waldes. Sie ernähren sich unter anderem von Insekten und können deren Überbevölkerung vermeiden“, erklärt Winkler im Gespräch mit unserer Redaktion. Der Borkenkäfer „schmeckt“ den Waldameisen aber leider nicht. Er macht weiter den Bäumen zu schaffen.

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Hitzeperioden spielen eine Rolle

Die Gründe für den Rückgang der Waldameisenpopulation seien vielfältig, aber ein hoher Prozentsatz sei den Hitzeperioden der vergangenen Jahre und Jahrzehnte geschuldet – an Südhängen seien die Verluste besonders hoch. Der Verlust der Fichte durch Trockenheit und folgenden Borkenkäferbefall sei dabei ein wichtiger und logischer Faktor.

Umsiedlungsaktionen: Naturschützer Siegfried Winkler (Bild) beschäftigt sich unter anderem mit der Umsiedlung von Waldameisen wie beispielsweise am Radweg zwischen Viernheim und dem Lampertheimer Stadtteil Hüttenfeld. Foto: Siegfried Winkler
Umsiedlungsaktionen: Naturschützer Siegfried Winkler (Bild) beschäftigt sich unter anderem mit der Umsiedlung von Waldameisen wie beispielsweise am Radweg zwischen Viernheim und dem Lampertheimer Stadtteil Hüttenfeld.

Rinden- und Schildläuse an Waldbäumen, besonders an Tanne und Fichte, bilden eine wichtige Nahrungsgrundlage vorzugsweise der kolonienbildenden „Kleinen Roten Waldameise“ (F. polyctena), während die „Große Rote“ (F. rufa) eher als Einzelvorkommen im Wald zu finden ist. Daneben begegnen uns im Odenwald und an der Bergstraße auch die „Wiesenameise“ (F. pratensis), die „Kerbameise“ (F. exsecta) und die „Blutrote Raubameise“ (F. sanguinea).

Verluste nachvollziehen

In den Jahren 1989 bis 1992 wurde im Weschnitztal durch die Forstämter eine Waldameisenkartierung durchgeführt. Daher seien die Verluste heute überall nachvollziehbar. Alleine bei Lauten-Weschnitz zählte man bei einer Kolonie an einem Fichtenbestand bis zu 20 Nester an einem Waldrand. Inzwischen lebe dort kein einziges Volk mehr. Ähnliche Verluste gebe es in den Gemarkungen Ober-Mumbach, Birkenau und Weiher, wie es weiter in der Mitteilung des Vereins heißt. Das ist aber nur die halbe Wahrheit: „Es gibt auch eine Stagnation und sogar regionale Zuwächse der Populationen, die überwiegend aus Nordhessen gemeldet werden. Die höheren Lagen unserer Mittelgebirge sind von dem Schwund grundsätzlich weniger betroffen als unsere niederschlagsarmen Täler und entlang der Bergstraße.“

Verschiedene Waldameisenarten

Die Biologien der verschiedenen Waldameisenarten seien faszinierend, kompliziert und divers zugleich. Die bedeutungsvollste Art, die „Kleine Rote Waldameise“, vermehrt sich durch Nesterteilung (daher kolonienbildend), während die Jungkönigin der „Großen Roten Waldameise“ nach dem Hochzeitsflug als monogyne Art – das Volk besitzt und duldet nur eine Königin –zur Arterhaltung auf eine sogenannte „Hilfsameise“ angewiesen ist. Die Königin muss also ihr neues Volk mit Hilfe einer anderen Art, in deren Nest sie eindringt, gewaltsam gründen. Ähnlich benötigt auch die „Blutrote Raubameise“ andere Arten, um die eigene Art zu erhalten, wie es weiter in der Mitteilung heißt.

„Unsere Waldameisen sind durch die Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt und stehen dabei auf der Vorwarnliste. Die größten Vorkommen kennt man aus den Höhenlagen des Schwarzwaldes, Bayerischen Waldes, Fichtelgebirges oder aus dem Harz. Das Nahrungsangebot (Lachniden und Lecanien) bestimmt die Populationsdynamik und die Verbreitung. In unserer Region freut sich der geneigte Waldbesucher über die spärlichen Vorkommen, die es zu schützen gilt.“

Nester weichen Zivilisation

In den vergangenen Jahrzehnten mussten Waldameisennester oft der Zivilisation weichen. „Der Bau von Straßen, Radwegen, Waldwirtschaftswegen, Bebauungen am Waldrand sind oft die Gründe für Rettungsumsiedlungen“, sagt Winkler.

Auf Bundesebene gibt es eine ehrenamtliche Institution, die Deutsche Ameisenschutzwarte. Deren Landesverbände sind mit wenigen Idealisten als „Kümmerer“ unterwegs, um bedrohte Vorkommen zu betreuen und bei Bedarf Rettungsumsiedlungen vorzunehmen. Dafür werden, vereinfacht dargestellt, die Waldameisennester ausgegraben und an einem geeigneten Ort neu angesiedelt.

In den Landkreisen Bergstraße und Odenwald fehlen solche Mitarbeiter. Nur mit einem Lehrgangszertifikat kann und darf ein Absolvent in Absprache mit der Naturschutzbehörde Rettungsumsiedlungen vornehmen. Und diese sind wichtig, denn: „Ameisen sind ein wichtiger Faktor, um das Gleichgewicht in der Biozönose, der Lebensgemeinschaft, des Waldes zu erhalten“, erklärt Winkler.