Neujahrskonzert: In Lindenfels wird ins neue Jahr georgelt
Das traditionelle Neujahrskonzert in Lindenfels bot ein facettenreiches Programm. Doch nicht nur musikalisch ein Weckruf war das Konzert ein Weckruf – die Lindenfelser Orgel braucht Hilfe.
Lindenfels. Das Neujahrsorgelkonzert in der evangelischen Kirche in Lindenfels knüpfte an eine liebgewonnene Tradition an. Seit Jahren ist das Konzert mit Organist Jens Hebenstreit ein fester Bestandteil des musikalischen Jahresbeginns. Im Mittelpunkt stand wieder die historische Orgel aus dem 18. Jahrhundert – ein außergewöhnliches Instrument mit rund 1.000 Pfeifen, dessen warmer und zugleich facettenreicher Klang den Kirchenraum in besonderer Weise erfüllt.
Durch das Programm führte Jochen Ruoff vom Kirchenvorstand, der das Konzert mit Gedanken zum neuen Jahr eröffnete. Unter dem Leitwort der christlichen Jahreslosung „Der Herr spricht: Siehe, ich mache alles neu“ lud Ruoff dazu ein, diese Zusage als Ermutigung mit in das neue Jahr zu nehmen und sich von ihr anstecken zu lassen. Die Atmosphäre des Konzerts entfaltete sich in einem eher kleinen, aber sehr aufmerksamen Kreis. Die Besucher folgten dem Geschehen konzentriert und mit spürbarer Offenheit für Musik und Wort. Den musikalischen Auftakt bildete Johann Sebastian Bach, dessen Werk bis heute eine ungebrochene Faszination ausübt. Die Frage nach der besonderen Bedeutung seiner Musik beschäftige die Musikwelt seit ewigen Zeiten, so Ruoff. Er ließ dazu bedeutende Stimmen zu Wort kommen.
Maßstab musikalischer Kunst
Glenn Gould bezeichnete Bach als den größten Nonkonformisten der Musikgeschichte, dessen Werk Musiker und Publikum bis heute magnetisch anziehe und der zum Maßstab musikalischer Kunst geworden sei. Johann Wolfgang von Goethe beschrieb das Hören von Bachs Musik als ein Erleben ewiger Harmonie, als würde sich diese „mit sich selbst unterhalten“. Papst Benedikt XVI. hob die spirituelle Tiefe hervor, durch die Bachs Musik die Gegenwart Gottes von innen her spürbar mache. Im Anschluss erklangen fünf Choralbearbeitungen – einer jener Bereiche, denen Bach sich in besonderer Weise gewidmet hat.
Den Beginn machte das wohl bekannteste Stück „Vom Himmel hoch, da komm ich her“, das mit kraftvollen Klängen einsetzte, feine leise Nuancen entfaltete und in einem langen Ausklang nachwirkte. „In dulci jubilo“ war geprägt von leiseren Tönen, in denen sich schnelle, kurze hohe Motive mit langsameren Linien verbanden. Feierlich erklang „Gottes Sohn ist kommen“, gefolgt von „Gelobet seist du, Jesu Christ“.
Den Abschluss bildete „Herr Christ, der einig Gottes Sohn“ mit frischen, lebendigen Klängen. Darauf folgten drei Sätze aus der Pastorella von Johann Sebastian Bach. Die Pastorale oder Pastorella ist eine Gattung der Instrumentalmusik des Barock, deren Ursprung in der Hirtenmusik liegt und die besonders mit der Weihnachtszeit verbunden ist. Typisch sind ein ruhiges bis mäßiges Tempo, ein sanft wiegender, heiterer Charakter sowie lange Basstöne, die an die Bordunklänge von Hirteninstrumenten wie Dudelsack oder Drehleier erinnern. In Lindenfels entfaltete diese Musik eine beruhigende, entspannende Wirkung. Die Gedanken durften schweifen, und wer sich noch keine Vorsätze für das neue Jahr gemacht hatte, fand ausreichend Zeit zum Nachdenken.
César Franck erstmals vertreten
Erstmals war im Rahmen der Lindenfelser Neujahrskonzerte Musik von César Franck zu hören. Der deutsch-belgischstämmige französische Komponist und Organist, geboren 1822 in Lüttich, gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der französischen Orgelmusik des 19. Jahrhunderts. Seine Werke sind oft groß angelegt und monumental, weshalb Organist Jens Hebenstreit sich bewusst für eine andere Seite seines Schaffens entschied. Zu hören waren elf Interludien, musikalische Zwischenspiele, die häufig improvisatorischen Charakter besitzen. Diese „kleinen Stücke eines großen Komponisten“, wie sie Jochen Ruoff nannte, erwiesen sich als elf kleine klangliche Diamanten. Der stetige Wandel der Tonarten ließ die Zuhörer durch unterschiedliche Stimmungen und Farben gehen und machte die Vielfalt von Francks Tonsprache eindrucksvoll erfahrbar.
Zum Abschluss des Konzerts erklang Musik von Dietrich Buxtehude, der wie Johann Sebastian Bach regelmäßig in Lindenfels zu hören ist. Geboren 1637, zählt er zu den bedeutendsten Komponisten des Barock. Seine Verbindung zu Bach ist legendär: Bach soll zu Fuß rund 465 Kilometer zurückgelegt haben, um Buxtehude zu hören, und seinen Aufenthalt sogar um zwölf Wochen verlängert haben, was ihm großen Ärger einbrachte. Eine Nachfolge Buxtehudes lehnte Bach jedoch ab, da diese mit der Heirat der Tochter des amtierenden Organisten verbunden gewesen wäre – eine damals übliche Sitte.
Mit einem Präludium und einer Fuge in F-Dur sowie einem Präludium und einer Fuge in D-Dur fand das Konzert einen schwungvollen Abschluss. Rasche, zügige Passagen, dicht ineinander verwobene Stimmen und kraftvolle Klangsteigerungen erfüllten den Kirchenraum, besonders im zweiten, sehr schnellen Werk.
Einige Tausend Euro notwendig
Der langanhaltende Applaus zeigte die große Wertschätzung des Publikums, und Jens Hebenstreit verbeugte sich von der Orgelempore aus. In seinen abschließenden Worten wies Jochen Ruoff darauf hin, dass die Orgel unbedingt erhalten werden müsse. Da die Kirche sehr feucht sei, werde es in den kommenden Jahren notwendig sein, einige Tausend Euro zu investieren, um Schäden zu vermeiden und das Instrument zu schützen. Mit einem gemeinsam gesprochenen Neujahrssegen klang das traditionsreiche Konzert aus und entließ die Besucher musikalisch und geistlich gestärkt in das neue Jahr.
Von Frederik Koch